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Oskar Mahler : Dorfbürgermeister im Bahnhofsviertel

Ideen-Lieferant: Oskar Mahler im Aufzug des Hauses Kaiserstraße 79. Bild: Nora Klein

Oskar Mahler ist der Präsident des Gewerbevereins. Aber auch Hausmeister, Bildhauer, Museumsdirektor und Geschichtenerzähler mit einer großen Mission: das Image seines verrufenen Viertels zu verbessern.

          Über eine schmale, rostige Leiter klettert Oskar Mahler hinauf zu seinem Lieblingsort, gefolgt vom Wirtschaftsdezernenten der Stadt und dessen Beamten-Tross. Von der letzten Sprosse steigt Mahler auf eine steile Dachschräge, macht fünf, sechs lockere Schritte, dann steht er oben auf dem Giebel, gut 25 Meter über der Kaiserstraße, die Hände in den Taschen seiner schlichten, schwarzen Anzughose. Die Beamten balancieren vorsichtig hinterher.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mahler, ein hagerer Kerl mit Lesebrille auf der Halbglatze, lächelt zufrieden und schaut über das Dächermeer. Am Horizont sieht er die sanften Kurven des Taunus, davor wie riesige Zaunlatten die Hochhäuser, und direkt unter ihm grummelt und brummt das Bahnhofsviertel – der spannendste Ort Europas, sagt Mahler, ein Ort voller Poesie.

          „Nur noch Dirnen, Dreck und Drogen!“

          Seit vier Jahren lebt Oskar Mahler im Bahnhofsviertel, er arbeitet dort als Hausmeister, ist Direktor des einzigen Museums, Gründer und Präsident des Gewerbevereins, Stadtteilbildhauer und Geschichtenerzähler mit einer großen Mission: das Image des Bahnhofsviertels zu verbessern. Mission? „Nein“, sagt Mahler, „ich bin ja nicht die Bahnhofsviertelmission und ich bin auch kein Missionar. Ich will niemanden bekehren, ich will nur das Vorhandene sichtbar machen.“

          Das Bahnhofsviertel: Vielen fällt dazu nicht mehr ein als die immer gleichen Schlagworte, die „Bild“-Zeitung posaunt in großen Buchstaben: „Nur noch Dirnen, Dreck und Drogen!“ Der Ordnungsdezernent der Stadt warnt Besucher vor der Frankfurter „Bronx“ und rät Reisenden, die nachts am Hauptbahnhof ankommen: „Schnell zum Taxi und dann weg.“ Oskar Mahler sagt: „Früher hatte ich die gleichen Vorurteile. Jetzt ist es aber an der Zeit, dass neue Geschichten über das Viertel erzählt werden.“

          Schattenseiten des Erfolgs

          Oben auf dem Dach des wuchtigen Altbaus an der Kaiserstraße erzählt Mahler dem Wirtschaftsdezernenten seine neueste Geschichte. Er zeigt hinüber zum Hauptbahnhof, wo sich etwa in gleicher Höhe eine blasse, grüne Gestalt unter der Last einer Weltkugel krümmt, flankiert von zwei nackten Jünglingen. Atlas, unterstützt von Elektrizität und Dampf, sagt Mahler, eine Skulptur des Bildhauers Gustav Herold, 120 Zentner schwer, ein wichtiges Stück Frankfurt, das kaum einer wahrnehme und das dringend aufpoliert werden müsse. „Warum restaurieren wir die Skulptur nicht auf dem Bahnhofsvorplatz? Das wäre eine große Touristenattraktion“, sagt er. Der Wirtschaftsdezernent nickt viel und verspricht, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen.

          Hansgeorg Eugen Oskar Mahler stammt nicht aus Frankfurt, sondern vom Land: Geboren wird er 1952 als Sohn eines Psychoanalytikers und einer Übersetzerin im bayrischen Straubing, in einem Dörfchen bei Heidelberg wächst er auf. Doch schon mit 17 Jahren zieht es ihn in die Stadt, zunächst nach Paris, dann nach Frankfurt. Er studiert Kunstpädagogik und Gestalttherapie, arbeitet als Bildhauer und macht eine Ausbildung zum Puppenspieler. Mit 23 gründet Hansgeorg Mahler dann in Frankfurt das Klappmaul-Theater und erzählt auf der Bühne seine ganz eigenen Geschichten. Kasperl und Seppel treten bei ihm nicht auf, seine Helden sind andere: Das Kissen Siggi macht sich auf „Die Reise zum Mittelpunkt des Sofas“, andere Stücke heißen „Ein Frosch lernt fressen“ und „Die Nähmaschine“. Mit ihren außergewöhnlichen Puppen zieht die Truppe durch ganz Deutschland, mehrere Inszenierungen werden fürs Fernsehen verfilmt, Mahler wird unter anderem mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet. Doch der Erfolg hat Schattenseiten: Tausende von Kilometern ist Mahler jedes Jahr auf Tour, nirgends wirklich zuhause. Der Puppenspieler beginnt zu trinken, irgendwann sind es zehn, fünfzehn Flaschen Bier am Tag; ohne es zu merken, verliert er langsam den Boden unter den Füßen. „Das war wie ein Geisterfahrer-Syndrom“, sagt Mahler heute. „Alle Leute um mich herum waren komisch, nur ich habe nicht gemerkt, dass ich selbst ein Problem hatte. Ich war einsam in der Menge – immer umgeben von Menschen, aber ohne wirklich Kontakt mit ihnen zu haben.“

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