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Obdachlos „So kalt, da gefriert sogar der Schnaps“

06.01.2009 ·  In eisigen Nächten suchen viele Obdachlose Unterschlupf in den zahlreichen Hilfseinrichtungen. Nur einige nehmen die Angebote nicht an. Um sie sorgt sich die Stadt Frankfurt besonders.

Von Alex Westhoff
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Die Wände sind bemalt wie im Jugendclub, an der Tür hängt eine Fotocollage vom „Sommerfest 2008“, im Hof steht ein geschmückter Weihnachtsbaum in einer blauen Regentonne. Zwei Hunde kauern draußen unter einem Tisch. „Ist das kalt“, brummt ein Neuankömmling. Mit einem Seufzer und einem frischen Kaffee lässt er sich auf einen Stuhl plumpsen und wärmt ausdauernd seine Hände an der Papptasse. Die „Tagesstätte für Wohnungslose“ im Frankfurter Ostend, das von der Caritas betrieben wird, hat im Winter auf 24-Stunden-Betrieb umgestellt. In der „Wärmestube“ können Obdachlose den frostigen Tagen entfliehen und sich auch während der klirrend kalten Nächte aufwärmen. „Gestern habe ich Erbseneintopf gemacht“, berichtet der Koch Ahmed Oedingen strahlend. „Davon ist kaum etwas übriggeblieben.“

In den verschiedenen Frankfurter Einrichtungen für Obdachlose sorgt man sich, ob alle Wohnungslosen unbeschadet durch den strengen Wintereinbruch kommen. Nach offiziellen Angaben leben 1.800 Obdachlose in Frankfurt, ein Viertel davon sind Frauen. 2.124 unentgeltliche Schlafplätze werden von verschiedenen Trägern in der Stadt zur Verfügung gestellt. Etwa 50 bis 300 Menschen sollen die Nächte wirklich auf der Straße verbringen – die Zahlen variieren, weil Frankfurt gerade im Winter auch Wohnungslose von außerhalb anzieht. „Man spürt, dass unsere Gäste bei der Kälte angespannter und auch aggressiver sind als sonst“, sagt Klaus Schäfer, Leiter der Tagesstätte im Ostend.

Wohnungsloser erfroren

Vor dem Eingang zur „Wärmestube“ lehnen akkurat gefaltete Kartons an der Hauswand. Auch bei diesen Temperaturen ziehen einige Obdachlose eine Nacht im Freien einem Platz in einer Unterkunft vor. Direkt vor der Tür liegen sie dann in ihren Schlafsäcken, viele können es einfach nicht lange in geschlossenen Räumen aushalten. Zudem leben sie in ständiger Sorge, dass ihnen ihr geringer Besitz gestohlen wird. Mehr Sorge machen den Helfern in diesen Tagen aber diejenigen, die nie oder nur selten die Schlaf- und Speiseangebote wahrnehmen und keine Hilfe annehmen wollen. Oft können Isomatten und Schlafsäcke dann nur in ihrer Nähe abgelegt werden.

Einige, vor allem psychisch Kranke, würden sogar die ganze Nacht gegen die Kälte ziellos umherwandern und sich erst am Morgen einen Schlafplatz suchen. Das beobachtet Renate Lutz, die Leiterin des Diakoniezentrums „Weser 5“, schon lange. Von 8.30 Uhr an füllt sich der Ruheraum in der Einrichtung mit Menschen, die sich von der Nacht ausruhen müssen. Das Diakoniezentrum mitten im Bahnhofsviertel bietet unter anderem acht Notübernachtungsplätze für Männer an. In den vergangenen eisigen Nächten wurden diese fast immer in Anspruch genommen. Wenn alle Betten belegt sind, wird Neuankömmlingen ein Platz in einer anderen Einrichtung in der Stadt vermittelt. „Eine Nacht im Freien bei diesen Temperaturen kann lebensgefährlich sein. Unsere Mitarbeiter draußen schauen besonders, ob die Menschen genügend Kleidung und einen vernünftigen Schlafsack haben“, sagt Renate Lutz. Zuletzt ist im Jahr 2004 in Frankfurt ein Wohnungsloser erfroren.

„Kältebus“

Dass die Stadt die B-Ebene an der Hauptwache in diesem Winter wieder als Nachtquartier für Obdachlose geöffnet habe, sei sehr hilfreich gewesen, heißt es in den Hilfseinrichtungen. Für viele Betroffene sei die Hemmschwelle, eine Übernachtungsstätte zu nutzen, zu hoch. Sie schätzten die Anonymität dieses Ortes, an dem sie nicht gefragt werden, wer sie sind und woher sie kommen. Von 22 Uhr an dürfen die Wohnungslosen in einem bestimmten Bereich an der Hauptwache die Nacht verbringen, um 5.30 Uhr werden sie vom Sicherheitspersonal geweckt. „Mindestens 40 Leute haben heute morgen bei der Frühanlieferung hier gelegen“, sagt die Verkäuferin eines Geschäfts.

Um die Unbelehrbaren und psychisch Kranken kümmert sich nachts der „Kältebus“. Mit zwei Mann Besatzung und fünf Plätzen für ihre „Klienten“, wie sie sie nennen, kurvt er von November bis April von 21 bis 5 Uhr durch die Stadt. An Bord sind Schlafsäcke, Isomatten, Decken und heißer Tee. Besonders gefährlich ist die Kälte für diejenigen, die sich einfach ungeschützt irgendwo hinlegen und einschlafen. Wenn diese sich dann weigern einzusteigen, muss auch schon mal die Polizei anrücken.

Wurst- und Käsebrote

Viel friedlicher geht es in der Katharinenkirche an der Hauptwache zu. Im Januar wird dort an Obdachlose und andere Bedürftige eine warme Mahlzeit ausgegeben. Frische Tulpen und Kerzen stehen auf den Tischen. Es gibt Lasagne heute. Viele nutzen die Gelegenheit, legen eine Matte auf die harten Kirchenbänke und halten Mittagsschlaf. „Es ist so kalt, da gefriert sogar die Schnapsflasche“, ruft ein Mann mit langem grauen Rauschebart und lacht schallend. Frauen aus der Gemeinde geben das Essen aus und schmieren im Akkord Wurst- und Käsebrote. Wer mag, bekommt später ein paar Brote mit auf den Weg – als Abendessen. Der Mann mit dem grauen Bart ist in Redelaune: „Wer es geschickt anstellt, kann auch in der Hölle überleben.“

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