28.06.2010 · Feinschmecker schätzen sie gebraten, doch bei der gefiederten Konkurrenz in Frankfurt kommen Nilgänse nicht so gut an. Das ist kein Wunder. Denn Nilgänse machen Stockenten und Blässhühnern das Leben schwer.
Von Claudia Schülke„Sie schmecken gut“, sagt Clemens Greve und kann sich ein Grinsen kaum verkneifen. Der Geschäftsführer der Frankfurter Bürgerstiftung hat in einem niedersächsischen Gasthaus eine Spezialität mit Migrationshintergrund verspeist: gebratene Nilgans. Auch im Holzhausenschlösschen hat er schon Bekanntschaft mit dem bunten Wasservogel gemacht. Ein seltsames Rauschen überraschte ihn neulich in seinem Büro. Als er vom Computer aufsah, saß ihm eine Nilgans gegenüber am Schreibtisch. Sie war durch das Fenster im zweiten Stock geflogen, denn schließlich nisten Nilgänse ja auch in Bäumen. Der Schlossherr konnte das Federvieh gerade noch vor dem Abflug auf dem Fensterbrett fotografieren, dann war der Spuk auch schon wieder vorbei.
„Es sind schöne Tiere: klug, wendig und stark.“ Dennoch ist Greve nicht gut zu sprechen auf diese trötenden Einwanderer aus Afrika. Im vorigen Jahr haben sie sämtliche grünfüßigen Teichhühner samt Brut im Holzhausenweiher massakriert. Im April ist Greve beim Ausmisten des Teiches auf die Kadaver gestoßen: „Die Teichhühner hatten keine Chance, die Stockenten konnten sich meist noch retten.“ Und warum gibt es dann keine Entenweibchen mit Nachwuchs mehr? Wo sind die Entenküken, die Jahr für Jahr auf dem Holzhausenweiher schaukelten? Das fragen sich auch die Spaziergänger in der Bockenheimer Anlage. Wer hier am Weiher mit ansehen muss, wie ein Nilganspaar mit drei halbwüchsigen Jungen eine Mutterente mit neun Küken niedermacht, möchte am liebsten in voller Montur hineinspringen.
„Blässhühnern und Stockenten überlegen“
Auch Matthias Jenny hat für die ungebetenen Gäste, die sich am Palmengarten-Weiher mit allen eingesessenen Wasservögeln um Brutplätze und Futterquellen balgen, nichts übrig: „Sie sind den Blässhühnern und Stockenten überlegen.“ Der Direktor des Palmengartens fürchtet um die einheimischen Arten und hofft auf eine Änderung des Jagdrechts: „Wir haben hier ein Problem und kein Werkzeug, um es zu lösen.“ Welches städtische Gewässer auch immer man ansteuert, die Wasserbecken im Anlagenring oder auf dem Campus der Goethe-Universität, das Mainufer an der Alten Brücke: reproduktive Nilgänse, so weit das Auge reicht. Sie lagern an allen Ufern, weiden auf allen Wiesen und misten die Promenaden ein. Stockenten lassen sich nur noch selten blicken.
Jedenfalls lässt sich jetzt leichter nachvollziehen, was den früheren Zoodirektor Christian Schmidt bewogen haben mag, als er in der befriedeten Zone der Stadt auf Nilgänse schießen ließ, die eine Entenfamilie am Zooweiher attackierten. Auch ihm ging es bei dieser Kurzschlusshandlung um den Schutz der einheimischen Biodiversität. Tatsächlich ist der hessische Stockentenbestand in den vergangenen 20 Jahren um etwa ein Drittel gesunken. Nur warum, das wissen die Biologen nicht, oder sie wollen es nicht wahrhaben. Matthias Werner von der Staatlichen Vogelschutzwarte mag den Verdacht, die Nilgänse könnten dahinter stecken, nicht bestätigen, und verweist statt dessen auf die Unsitte des Entenfütterns.
Vogel-Kampf nur in Städten
Tatsächlich hat der Biologiestudent Kenmogne Bienvenu aus Kamerun in seiner Bachelor-Arbeit an der Marburger Universität nachgewiesen, dass Nilgänse vor allem dort aggressiv auf Brut- und Futterkonkurrenten reagieren, wo ahnungslose Bürger „ihre“ Enten auf dem Teich füttern. Nur in den Städten, wo Brutplätze und natürliche Nahrungsressourcen begrenzt seien, kämpften die Nilgänse während der Brutsaison gegen andere Wasservögel, erläutert Werner; auf dem Land seien sie eher friedlich. Auch am Rebstockweiher lebten übrigens zwei Nilgans- und zwei Stockentenpaare einträchtig nebeneinander. Nilgänse seien nun einmal daran gewöhnt, ihre Brut gegen durstige Elefanten und andere afrikanische Wildtiere an den Wasserstellen zu verteidigen.
Kein Wunder, dass der große Gackerer im Schöpfungsmythos der Afrikaner mit seiner trötenden Stimme Welt und Licht aus der Urfinsternis gerufen hat: als Vater der Vuvuzela sozusagen. Jedenfalls wurde Alopochen aegypticus schon von den alten Ägyptern, den Griechen und Römern als Ziergeflügel gehalten. Nach Westeuropa wurden die „Halbgänse“ aus der Familie der Entenvögel erst im 17. und 18. Jahrhundert gebracht. Aus den Gärten und Parks der Niederlande haben sie sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts, vor allem aber in den vergangenen 30 Jahren immer rasanter entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse ausgebreitet. Damit gehören sie hierzulande zu den erfolgreichsten Neusiedlern, denen selbst strenge Winter wie der jüngste kaum beikommen können. Auch das Jagdrecht kann sie nicht bremsen: Da sie keine echten Gänse sind, darf kein Jäger sie schießen. Noch nicht. Denn der hessische Jagdverband bemüht sich um eine Novelle.
5000 bis 10.000 Stockenten-Paare
Für die überhandnehmende Stadtpopulation wäre das aber auch keine Lösung. Fachleute wie Witiko Heuser von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz freuen sich sogar, dass ihnen das Umweltministerium Zeit lässt, um die mittlerweile farbig beringten Einwanderer zu erforschen. Heusers Beobachtungen widersprechen denen der Frankfurter Kollegen. Das Füttern der Enten hat nach seiner Ansicht keinen Einfluss auf die Aggressivität der Nilgänse. Und die Wiesbadener Teichhühner können sich offenbar besser schützen als ihre Verwandten am Holzhausenweiher. „Wir wissen nicht, warum der Bestand der Stockente zurückgeht. Wir tappen im Dunkeln“, gibt der Ornithologe zu.
Noch ist die Zahl der Stockenten groß. Für Europa wird der Gesamtbestand auf drei bis fünf Millionen geschätzt, der Winterbestand in Europa und Südwestasien auf neun Millionen. Doch in Hessen brüten nur noch 5000 bis 10.000 Paare. Dafür vermehrt sich außer der Nilgans auch die Graugans, wie man an der Maininsel sehen kann. Die Familienidylle der Gänse und Halbgänse an der Alten Brücke bestätigt die offiziellen Zählungen Heusers und seiner Mitstreiter. Die Vögel, wie auch andere Wildtiere, scheinen zu wissen, dass ihnen in der Stadt kein Jäger etwas anhaben kann. Soll man also der natürlichen Dynamik, der Selektion durch den Klimawandel ihren Lauf lassen? Clemes Greve bleibt dabei: „Braten!“
Frage: Wenn man die Nilgänse nicht jagen darf, wie ...
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 28.06.2010, 21:53 Uhr