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Nahverkehr : Frankfurts gefährlichste Todesfalle

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U-Bahn über der Erde Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

Frankfurt mußte sparen und verzichtete auf einen Tunnel unter der Eschersheimer Landstraße. Doch die überirdische U-Bahn birgt Gefahren. Mindestens 30 Menschen sind seit 1968 bei Unfällen ums Leben gekommen

          Dort drüben hat die Frau der Tod ereilt. Was genau geschehen ist, hat niemand gesehen. Die Leiche lag 15 Meter von der Unfallstelle entfernt, die Fünfundsechzigjährige war von der U-Bahn erfaßt und mitgeschleift worden. Von hier aus, von der östlichen Seite der Straße Am Dornbusch, muß sie auf die Eschersheimer Landstraße geeilt sein, muß die beiden stadtauswärts führenden Fahrspuren und die beiden Gleise der U-Bahn überquert haben. Vielleicht ist sie auf dem zweiten Gleis direkt in die Bahn gelaufen, vielleicht hat sie auch auf dem schmalen Streifen zwischen den Gleisen und der Straße kurz gewartet und wurde vom Sog der fahrenden U-Bahn mitgerissen. Wie es genau geschah, ist nicht mehr zu klären.

          Dort drüben, genau an jener Stelle, wo die Frau in die Bahn geriet, läuft schon wieder jemand über die Gleise. Ein alter Mann, um die Siebzig, nicht mehr besonders sicher auf den Beinen. Offenbar war ihm der Weg durch die Unterführung zu weit, wahrscheinlich hat er deshalb den direkten Weg über die Kreuzung von Eschersheimer Landstraße und Am Dornbusch genommen. Den gefährlichen Weg, den Weg, der am 6. September gegen 9 Uhr die Fünfundsechzigjährige das Leben gekostet hat.

          Lebensgefährliche Abkürzungen

          Mindestens 30 Menschen sind seit 1968, seit die U-Bahn das Viertel vom Dornbusch bis zum Weißen Stein in zwei Teile trennt, auf der Eschersheimer Landstraße bei Unfällen ums Leben gekommen. So viele, wie auf keiner anderen Straße in Frankfurt. Die Erklärung für diese Häufung von Unglücken findet man, wenn man nur einmal eine halbe Stunde das Geschehen rund um die U-Bahn-Station Dornbusch beobachtet. Kaum ist die U 2 eingefahren, kaum haben sich die Türen der Waggons geöffnet, springen zwei junge Männer über die Brüstung, die die Station von der Straße trennt. Am Fußgängerübergang südlich der Station Dornbusch zeigt die Ampel auf Rot - doch niemand beachtet sie. Zuerst läuft einer los, dann folgen ihm zwei weitere, danach eilen alle über die Straße, Junge und Alte. Selbst die U-Bahn-Ampel, die nur auf Rot schaltet, wenn sich tatsächlich eine Bahn nähert, wird von einer jungen Frau ignoriert. Sie hüpft noch schnell über die Gleise, der U-Bahn-Fahrer bremst zum Glück rechtzeitig.

          Schneller Weg, gefährlicher Weg

          Hundert Meter weiter stadtauswärts an der Straßenkreuzung, an der die alte Frau Anfang September ums Leben kam, gibt es für Fußgänger keine Möglichkeit mehr, die Eschersheimer oberirdisch zu überqueren. Zumindest nicht ohne Gefahr. Dennoch wagen sich innerhalb von fünf Minuten drei Passanten auf die lebensgefährliche Abkürzung. „Das sieht man oft“, berichtet Friedrich Hesse, der Ortsvorsteher von Eschersheim. Der sichere Weg führt durch eine Unterführung, über die man sowohl die U-Bahn-Station als auch die andere Seite der Eschersheimer Landstraße erreicht. Die Stadt hat sich die größte Mühe gegeben, den Tunnel freundlich zu gestalten: Kunst am Bau mit seltsamen goldglänzenden Linien im Fußboden und Blumenornamenten an der Decke. Den Sprayern war das egal, sie haben Wände und Säulen vollgesprüht. Man kann nachvollziehen, warum manche Menschen diesen unterirdischen Weg meiden.

          Nördlich der Kreuzung findet sich ein zweiter Fußgängerübergang, ein Übergang in Z-Form. Der Wartestreifen zwischen Gleisen und Straße ist so eng, daß man nicht immer leicht aneinander vorbeikommt. Eine junge Fahrradfahrerin bleibt auch prompt an einem Paketboten mit Sackkarre hängen. „Auch eine Todesfalle“, sagt Ortsvorsteher Hesse. Noch vor nicht allzu langer Zeit ist eine Auszubildende, die beim Steuerberater auf der anderen Seite arbeitete, bei einem Unfall ums Leben gekommen. Sie überquerte die Straße wohl bei Rot.

          Trennung des Stadtteils

          So wie am Dornbusch ist es auch an der Station Fritz-Tarnow-Straße, an der Hügelstraße, überall auf der Eschersheimer Landstraße, wo die U-Bahn oberirdisch verläuft. „Das Monstrum“, wie Hesse die Trasse nennt, wirkt wie eine Art Berliner Mauer: Man kommt nur an wenigen Übergängen auf die andere Seite. Damals, vor mehr als drei Jahrzehnten, als die Stadt aus Gründen der Sparsamkeit beschlossen hatte, die geplante U-Bahn-Strecke vom Dornbusch an nicht mehr in einem Tunnel zu führen, sondern oberirdisch mitten auf der Eschersheimer Landstraße, da waren den Planern die Folgen nicht klar: die vielen Toten, die Trennung des Stadtteils. Heute sagen alle: „Hätte man doch den Tunnel bis zum Weißen Stein gebaut.“

          Die Forderung, die Stadtbahn unter die Erde zu verlegen, ist in den vergangenen vier Jahrzehnten immer wieder geäußert worden. Von Bürgern, aber auch von Parteien, besonders laut von der CDU und der FDP. In greifbare Nähe ist eine Realisierung nie gerückt. Nach Jahrzehnten des Bittens und Mahnens sind vor drei Jahren immerhin die U-Bahn-Stationen saniert, zusätzliche Fußgängerüberwege gebaut und die Unterführungen verschönert worden. „Aber es ist nicht viel besser geworden“, meint Ortsvorsteher Hesse.

          Für eine Untertunnelung fehlt das Geld

          Vor wenigen Tagen ist auch der Traum von einem Tunnel bis zum Weißen Stein endgültig geplatzt: Der verkehrspolitische Sprecher der CDU im Römer, Helmut Heuser, hat im Verkehrsausschuß der Stadtverordnetenversammlung von einer Illusion gesprochen, die nie Realität werden würde. Für eine Untertunnelung fehle das Geld, weil der Bund voraussichtlich keine Zuschüsse gebe. Allein könne Frankfurt ein derartiges Riesenprojekt aber nicht finanzieren. SPD und Grüne haben ihm nicht widersprochen, und auch die FDP ließ in Person der Ausschußvorsitzenden Annette Rinn verlauten, Heuser habe wohl recht. Ein paar Tage später sind die Liberalen dann allerdings zurückgerudert - doch wissen auch sie, daß das Vorhaben vermutlich keine Chance mehr hat.

          Warum? Zugespitzt gesagt: Weil Tote nicht in Euro und Cent umgerechnet werden können. Möchte eine Kommune für ein Verkehrsprojekt Geld vom Bund - und ohne dessen Zuschüsse sind Großvorhaben einfach nicht zu bezahlen -, muß sie in einer Kosten-Nutzen-Rechnung nachweisen, daß sich dieses Projekt auch lohnt. Im Falle der Eschersheimer Landstraße dürfte der notwendige Nutzenfaktor nicht erreicht werden, weil durch die Untertunnelung keine zusätzlichen Fahrgäste gewonnen würden - schließlich existiert die U-Bahn-Strecke schon jetzt. Jene Menschen, die nach einer Untertunnelung nicht mehr bei Unfällen sterben, lassen sich in einer Kosten-Nutzen-Rechnung nicht fassen. Hans Riebsamen

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