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Nadia Qani im Portrait „Eine Tasche, ein Kleid – mehr hatte ich nicht“

27.11.2007 ·  Vor 27 Jahren floh Nadia Qani aus Afghanistan, heute beschäftigt sie 34 Menschen aus 14 Nationen in dem von ihr gegründeten ambulanten Pflegedienst. Die Geschichte einer tatkräftigen Frau, die seit 1999 Deutsche ist.

Von Stefan Toepfer
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Auf ihre Arbeit ist Nadia Qani stolz. Auf die, mit der sie ihren Unterhalt verdient, genauso wie auf die, die sie ehrenamtlich macht. Nicht umsonst stehen in dem Büro der tatkräftigen Unternehmerin Preise. Nicht umsonst hängen dort Bilder aus ihrem Herkunftsland Afghanistan. Den Menschen dort fühlt sie sich nach wie vor verpflichtet und denen, die, wie sie, nach Deutschland gekommen sind – oft mit traumatischen Erfahrungen aus dem kriegsgeschüttelten Land.

Dass es dort trotzdem auch fröhliche Momente gibt, zeigen große Fotos in einer Ecke ihres Büros. Kinder lachen. Die Bilder waren einst Teil einer Ausstellung, die Qani organisiert hat. Gegenüber schauen strenge Herren von Schwarzweißbildern in den Raum, aus dem sie ihren ambulanten Pflegedienst steuert: der afghanische König Amanullah und sein Stellvertreter, General Mohammad Walli. Beide regierten von 1919 bis 1929. Jene Aufnahmen zeugen nicht nur von einem ganz anderen Land als dem heutigen Afghanistan, sondern auch von einem Stück Familiengeschichte. Qanis Mann ist der Enkelsohn des Vizekönigs.

Jobs für Menschen jenseits der 50 Jahre

Ihm, einem Dichter, der schon in Deutschland war, folgte Nadia Qani, als sie 1980 aus Afghanistan floh. Ein Jahr zuvor waren sowjetische Truppen in das Land einmarschiert, es herrschte Krieg. Die damals 19 Jahre alte Frau floh zunächst zu Fuß und in Lastwagen, in denen sie sich versteckte, mitten in der Nacht nach Pakistan, dann mit Hilfe gefälschter Papiere per Flugzeug über London nach Frankfurt. „Eine Tasche und ein Kleid hatte ich dabei, mehr nicht.“

Qani begann, sich ein neues Leben aufzubauen. Heute beschäftigt sie 34 Menschen in ihrem ambulanten Pflegedienst; sie gehören 14 Nationen an. Das Personal ist absichtlich so vielfältig, denn Qani will den Pflegebedürftigen, die aus anderen Ländern kommen, Menschen an die Seite stellen, die die Muttersprache der Patienten sprechen können. „Kultursensible Pflege ist wichtig.“ Der Weg zur Unternehmerin war nicht leicht. Als Kassiererin in einem Baumarkt hat sie gearbeitet, nachdem sie in Frankfurt gelandet war, hat Regale aufgefüllt, war als Putzfrau und Bürokraft tätig, hat Deutsch gelernt. Sozialhilfe hat die geschiedene Mutter von zwei Söhnen nie beziehen wollen, wie sie sagt. Sie half im Haushalt eines vermögenden Ehepaars.

Als es sie bat, sie auch zu pflegen, kam Qani auf die Idee, einen Pflegedienst zu gründen. 1996 war das. In diesem Wirtschaftszweig ist sie lieber tätig als in der Gebäudereinigung. Als Zeichen ihres Erfolgs wertet sie Preise wie den aus dem Jahr 2004, mit dem das Land Hessen die Beschäftigung von Zuwanderern in ihrem Betrieb gewürdigt hat, oder den des Rhein-Main-Jobcenters aus diesem Jahr. Vom Jobcenter wird Qani gelobt, weil in ihrem Pflegedienst auch Menschen jenseits der 50 Jahre eine Arbeit haben.

Wahl zur „Frankfurterin des Jahres“

2005 trat Qani nicht nur in die SPD ein, sondern wurde auch „Frankfurterin des Jahres“, wieder ein Preis, der ihre Verdienste als Unternehmerin würdigt. Zu diesem Zeitpunkt war sie sechs Jahre lang Deutsche. Zur Einbürgerung hat sie sich „durchgerungen“, wie sie sagt. Fragen wie die, ob sie mit diesem Schritt ihr Volk nicht verrate und ihrem Land nicht den Rücken zukehre, beschäftigten sie. „Doch meine Heimat ist Deutschland, ein freies Land. Die Rechte und Pflichten, die ich hier habe, will ich verteidigen“, sagt sie.

Als besondere Pflicht sieht sie ihren Einsatz zugunsten afghanischer Frauen an. So gründete sie den Verein „Zan“ (persisch für „Frau“), mit dem sie Frauen in Afghanistan oder solche, die nach Deutschland gekommen sind, unterstützt. Er setzt sich beispielsweise für die Bildung von Frauen in Kabul ein oder unterstützt eine Klinik in der Nähe der afghanischen Hauptstadt. In Frankfurt betreut der Verein vergewaltigte und vom Krieg traumatisierte Afghaninnen oder kümmert sich um die Vermittlung von Sprachkursen. „Auch Demonstrationen habe ich schon organisiert.“

Mit einem Blick auf die Bilder des Königs und Vizekönigs verbindet sie einen „Traum“ für Afghanistan: dass es dort wieder, so wie zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts, so etwas wie Gleichberechtigung für Frauen gebe – und Frieden. Mit der Präsenz ausländischen Militärs allein lasse sich das nicht bewerkstelligen, meint sie. „Nötig sind große Investitionen in die Bildung der Menschen und in die Wirtschaftskraft des Landes.“ In Frankfurt würde sie gerne ein Haus für zugewanderte Frauen aus verschiedenen Herkunftsländern gründen – es soll Plätze für Pflegebedürftige haben, den Frauen aber auch Angebote informativer, kultureller und sportlicher Art machen. „Nicht zuletzt, damit sie untereinander Kontakte knüpfen können.“ Bisher hat Nadia Qani das, was sie sich vorgenommen hat, in die Tat umgesetzt.

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