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Nachtleben und Drogen „Alice“ im Technoland

09.06.2007 ·  Tausende Techno-Anhänger tanzen an jedem Wochenende in den Klubs und Diskotheken von Frankfurt. Dort werden auch Drogen konsumiert. Die Mitarbeiter des Antidrogenprojekts „Alice“ klären die Diskobesucher über den Konsum von Rauschgift auf.

Von Philip Eppelsheim
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Jedes Wochenende kommen Tausende Techno-Anhänger in die Klubs und Diskotheken von Frankfurt. Sie lassen die Zeiten des Omen wieder aufleben. Sie spüren die Bässe und tanzen sich in Ekstase. Elf, zwölf Stunden lang. Vom späten Abend bis in die Mittagsstunden. Häufig sind sie im Rausch. Sie haben synthetische Drogen und Alkohol konsumiert, um den nächtlichen Tanzmarathon der Spaßgesellschaft durchzuhalten.

Die Klubbetreiber reden nicht über Speed und Co. oder darüber, dass viele der Gäste in ihren Räumlichkeiten „sniefen“ oder Pillen einwerfen. Das Problem solle vor den Türen bleiben, man tue doch alles, sagen sie. Und sprechen davon, dass sie doch „Alice“ in ihren Klub ließen. Alice als Alibi. In dieser Nacht ist Alice ausdrücklich eingeladen worden. Zu „Omen-Classics“ ins Tanzhaus West und in die „Cantina“ an der Gutleutstraße.

Speed hat Ecstasy in der Szene abgelöst

„Alice – The Drug and Culture Project“ prangt auf einem Plakat an einer Wand nahe der Toilette. Alice – wie Alice im Wunderland – im Technoland. Eine Welt voller Drogenphantasien. So wie der Kobold mit Stern, der über dem Schriftzug hockt. Alice, das ist ein Antidrogenprojekt, das von der Stadt Frankfurt finanziert wird und ins Leben gerufen wurde, als Techno noch eine Jugendkultur war. Die Mitarbeiter touren seitdem durch ganz Europa. Frech, subversiv und locker. Auf den Tanzflächen zuckt die Masse zu den elektronischen Klängen. Das ehemalige Fabrikgebäude erstrahlt in farbigem Neonlicht und weniger farbigem Schwarzlicht.

Zwischen zwei „Floors“ haben Wolfgang Sterneck, Aleks und Ruth ihre roten Karteikästen aufgestellt. Kleine Zettel informieren über Drogen, laden mit Sprüchen wie „Lebst du schon oder kaufst du noch?“ zu Gesprächen ein. Pippi Langstrumpf grinst das Partyvolk von kleinen Kärtchen entgegen. Kondome und Ohrenstöpsel zum Mitnehmen liegen bereit, Flyer rufen zu Massenblockaden gegen den G-8-Gipfel auf, und ein Heft namens „Die temporäre autonome Zone“ von Hakim Bey zeigt, wofür Wolfgang Sterneck und Alice eintreten. Daneben liegen schmale Schläuche zum sauberen „Sniefen“. Denn Speed hat Ecstasy in der Szene schon seit langem abgelöst. Die Glücksgefühlsdroge ist der Leistungsdroge gewichen.

„Tanzende Sozialarbeiter“ und „engagierte Partyleute“ werden die ehrenamtlich tätigen Alice-Mitarbeiter genannt. Zwischen 20 und 40 Jahre sind sie alt. Sie sind wie die, denen sie nun helfen. Sterneck, eher vierzig als zwanzig, bezeichnet sich selbst als „Kulturaktivisten“. Der Sozialarbeiter mit den langen schwarzen Haaren, dem Schweißband und den silbernen Ringen kennt die nächtliche Szene seit langem, war Mitte der neunziger Jahre im Omen und seitdem auf unzähligen Techno-Partys in Frankfurt. Er habe sich auf Partykultur spezialisiert, sagt er. Und das Wort „Kultur“ ist ihm wichtig. Klar gebe es bei Techno-Partys Drogenkonsum, so wie auch Alkohol konsumiert werde. Alkohol sei Anfang der neunziger Jahren in der Szene noch verpönt gewesen, jetzt aber selbstverständlich. Es seien schließlich auch Ideale vorhanden. Man könne Techno nicht auf Drogen reduzieren. Es gehe um Kreativität. Darum, „vom Kopf in den Bauch zu kommen“, die Musik in Gemeinschaft zu genießen.

Ein bißchen Party, ein bißchen Drogenaufklärung

Auch Ruth und Aleks kennen die Szene und gehören zu ihr. Die Augenbrauen gepierct, ebenso das Kinn, stehen sie hinter dem Infotisch und wippen zur Musik. Aleks ist fast immer unterwegs: tanzen. Er fällt auf, selbst inmitten des bunten Techno-Völkchens. Glatze, schwarzer Hosenrock, ein netzartiger Rucksack auf dem Rücken. Alice will dazugehören, nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die Drogenkonsumenten zeigen. Oft wird ihnen deshalb Verharmlosung vorgeworfen. Sie aber sagen, sie wollten weder verharmlosen noch verteufeln. Und mit den gängigen Drogenhilfekonzepten könne man die Szene gar nicht erreichen. Dann fehle das Vertrauen. Die meisten der Alice-Mitarbeiter haben selbst Drogenerfahrungen gemacht. Doch darüber reden sie nicht. Und wenn, dann nur vage.

Um 22 Uhr haben die drei an diesem Abend ihren Stand aufgebaut. An einem Gang, wo im Laufe der Nacht so ziemlich jeder einmal vorbeikommt. Vitamintabletten gehören zum Sortiment, ebenso eine Wassermelone. Die hat Aleks eigentlich immer dabei. Eine Melone zur Drogenaufklärung. „Die Melone schafft Vertrauen“, sagt Aleks. Früher war er bei den Jusos und engagierte sich in der Drogenpolitik. Seit zwei Jahren zieht der Mediendesigner jetzt mit Alice von Klub zu Klub und von Party zu Party. Manchmal übernachtet er auf dem Dach des Alice-Busses. Zum Beispiel dann, wenn sie bei Festivals sind.

Auf einer Party lernte er Sterneck kennen. Er fand es gut, Party mit Drogenaufklärung zu vermischen. Die Melone sei ein Anziehungspunkt. Sie sei erfrischend, und zudem erstaune es die Leute, dass sie etwas umsonst erhielten, sagt Aleks. „Ein idealer Einstieg, um ins Gespräch zu kommen.“ So wie mit der Blondine, die ihn umgarnt, nach dem Sinn von Pippi Langstrumpf fragt und sich – die Wassermelone haltend – auf einen Flirt zu freuen scheint. Flirten, Smalltalk – das gehört dazu. „Was machst du?“, „Wie geht es dir?“, „Schön, dich kennenzulernen.“ Drogenberatung und -aufklärung stehen erst einmal im Hintergrund.

Begehrte Kondome

So ist es auch bei der Frau mit Hut und Fächer, die sich Raffaela nennt. „Sie ist drauf“, sagt Sterneck. Er erkennt es an der Bewegung und an der Art und Weise, wie sie redet. Und Raffaela redet viel: Laberflash. Sie hat wohl Ecstasy konsumiert. „Es gibt Partys, da nehmen mehr als fünfzig Prozent illegale Drogen“, sagt Sterneck. Und es gebe solche, da nehme sie fast keiner. Das könne man vorher nie sagen. Raffaela ist das egal. Sie blättert die Kärtchen durch und sagt, sie würde auch gerne mitmachen. Das behaupten die Leute immer. Mindestens dreimal auf einer Party. Am nächsten Morgen kann sich dann aber kaum jemand an sein Vorhaben erinnern, bei Alice mitzumachen. Schließlich bedeutet Alice nicht nur Party, sondern auch Arbeit.

Irgendwann zieht Raffaela weiter. Nachdem sie von ihren zahlreichen Goa- und Techno-Partys berichtet hat und von ihrem Kind daheim. „Menschen wie sie nehmen keine Drogen, weil sie Probleme haben“, sagt Sterneck, „sondern, um Spaß zu haben und durchzufeiern.“ Die meisten hätten ihren Konsum einigermaßen im Griff, würden „nur“ am Wochenende Drogen nehmen. Ziel sei es außerdem nicht, die Leute von den Drogen wegzukriegen, sondern sie über Gefahren aufzuklären und sie dazu anzuregen, ihren Konsum zu hinterfragen. „Unser Beitrag ist, den Drogenkonsum in einem Rahmen zu halten, der nicht so gefährlich ist.“

Gegen zwei, drei Uhr in der Nacht erreicht die Party ihren Höhepunkt. Die Techno-Anhänger schwenken Neonstäbe und Blumengirlanden und tanzen ekstatisch auf den Tanzflächen. Schweißgebadet bei 40 Grad. Bei Alice werden die Kondome immer begehrter. Ein Typ, der an Fitnessstudio und Solarium erinnert, nimmt sich gleich einen kleinen Vorrat mit. „Georg“ hat er sich auf seinen Oberarm tätowieren lassen. Da fragt keiner mehr nach dem Namen. „Safer Sex“, sagt er immer wieder, wenn er eine Frau sieht, die in sein Beuteschema passt. Doch vergebens.

Hilfe gegen die Überdosierung

In den frühen Morgenstunden, als die Hemmschwellen fallen, haben Sterneck, Aleks und Ruth immer mehr zu tun. Dann weicht der Smalltalk häufiger ernsthaften Beratungsgesprächen. Dann bleiben meist die zurück, die illegale Drogen genommen haben. Denn um drei oder vier Uhr gehen die, die „nur“ Alkohol konsumiert haben, sagt Sterneck. Und es bleiben die, die über ihre Probleme wie bedrückende Erfahrungen mit psychedelischen Pilzen reden. Und die, die überdosiert haben und nun die Hilfe von Sterneck, Aleks und Ruth brauchen. Das Mixen von verschiedenen Drogen ist das größte Problem. Wasser, Vitamintabletten und Ruhe helfen bei den beiden Fällen von Überdosierung in dieser Nacht. Es sind zwei von einigen hundert. Kein Grund, um zu verteufeln. Kein Grund, um zu verharmlosen.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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