06.12.2008 · Wenn Frankfurt ruht, sind die Nachtbusfahrer unterwegs. Sie chauffieren Nachtschwärmer, Nachtarbeiter – und manchmal auch Kundschaft, die nicht so friedfertig ist.
Von Katharina IskandarAls der Bus gegen halb eins auf den Parkplatz am Börneplatz rollt, stellt sich Alexander Herzen an die Straße und zündet sich eine Zigarette an. Er lehnt sich an den Bus, in seinem gestreiften Hemd und der dünnen Strickjacke mit der Aufschrift „VGF“, und nimmt einen tiefen Zug. Es ist kalt in dieser Nacht, aber Herzen ist froh, wenn er ein wenig frische Luft atmen kann. In sieben Minuten wird er in den Bus steigen und durch die Stadtteile fahren. Vom Börneplatz bis zum Lokalbahnhof, weiter durch Sachsenhausen bis nach Niederrad, Goldstein, Schwanheim, Nied und Höchst.
Die Windschutzscheibe ist sein Fenster zur Welt
Bis halb fünf Uhr morgens wird er die Stadt bei Nacht erleben, durch eine ein Mal zwei Meter große Scheibe, die seit acht Jahren sein Fenster zur Welt ist. Die Welt, sagt Herzen, sei komisch geworden. Früher hätten die Menschen noch „Guten Abend“ gesagt und die Fahrscheine unaufgefordert vorgezeigt. Heute müsse er die Kunden erst daran erinnern, dass die Fahrten im öffentlichen Nahverkehr nicht kostenfrei sind. „Und dann schimpfen die auch noch. Sagen, sie hätten ihr ganzes Geld in der Kneipe verprasst. So ist sie heute, die Welt.“
Es fängt an zu nieseln, als Herzen über die Alte Brücke fahrt. Die Hochhäuser werden kurz sichtbar, mit jedem Meter Richtung Sachsenhausen schrumpfen sie. Der Main schlängelt sich unter der Brücke hindurch wie ein schwarzes Band. „Mein Chef hat gesagt, mit Betrunkenen sollte man besser Späße machen, dann werden sie nicht so schnell aggressiv“, sagt Herzen, während der Bus am Affentorplatz vorbeirollt. „Diesem Rat folge ich, und ich glaube, es hilft.“
Am Südfriedhof steigen vier junge Männer ein, setzen sich auf einen Vierersitz weiter hinten im Bus. Sie reden laut und schnell. Herzen hält an einer Ampel und lässt einen Fußgänger passieren, der langsam über die Straße schlurft. An der nächsten Haltestelle steigen drei der Jungen aus. Der, der zurückbleibt, schaut aus dem Fenster, steckt sich die Kopfhörer in die Ohren und hört Musik.
„Die meisten Fahrgäste sind ja ganz in Ordnung“, sagt Herzen. „Sie wollen einfach nur von A nach B und sind froh, wenn sie angekommen sind.“ Dennoch passiere immer mal wieder etwas. So wie vor einigen Wochen, als ein Kollege während einer Nachtfahrt angegriffen und erheblich verletzt worden war. „Ich habe mich schon gefragt, was ich in so einer Situation tun würde. Wie reagiert man, wenn man weiß, dass es jetzt brenzlig wird?“ Wahrscheinlich würde er versuchen, mit den Leuten zu reden, sagt Herzen. „Aber wenn auch das nichts nützt, kann man wohl nicht mehr viel tun.“
Kein Geld für den Fahrschein
Zwei größere Vorfälle hat er bisher erlebt. Einmal hätten zwei Betrunkene eine Scheibe mit dem Nothammer zerschlagen, ein anderes Mal sei eine ältere Frau im Bus gestürzt und ohnmächtig geworden. „Ich habe nur gedacht: Bitte, lieber Gott, lass die Oma hier nicht sterben.“ Er hatte per Notknopf die Zentrale benachrichtigt, der Krankenwagen war innerhalb weniger Minuten da. „So etwas nimmt einen mit“, sagt Herzen. „Das brauche ich nicht jeden Tag.“ Der Siebenunddreißigjährige mag die Nachtfahrten, meldet sich meistens sogar freiwillig für die Schicht, damit er tagsüber Zeit für seine Familie hat. Den Busführerschein hat er vor acht Jahren gemacht. Früher einmal war er Lastwagenfahrer für eine Milchfabrik, dann hat er als Kurier Pakete transportiert. Aber Menschen, sagt er, seien ihm lieber. Auch wenn es mit ihnen nicht immer einfach sei.
In Schwanheim steigt Andi ein. Achtzehn Jahre alt und angetrunken, die hellblauen Jeans trägt er weit heruntergezogen, im Rapper-Stil. Er hat kein Geld für einen Fahrschein. „Kann ich mitfahren?“, fragt er. Herzen nickt. „Das machen die wenigsten“, sagt Andi. Die meisten nähmen nur zahlende Fahrgäste mit, und dann sei der Ärger programmiert. Vor einigen Monaten habe er gesehen, wie Jugendliche einem Fahrer ins Gesicht geschlagen hätten, weil dieser sich geweigert habe, sie ohne Ticket mitzunehmen. „Dann hat der Fahrer keine Chance.“
Auch Herzen kennt diese Geschichten. Aber er kennt auch seine Kunden. Und er sagt, man müsse immer abwägen, wann man den Konflikt besser nicht suche. Wenn er jemanden von weitem an der Bushaltestelle sieht, überlegt er sich, ob derjenige Ärger machen könnte. Es sei die Art, wie die Fahrgäste am Wartehäuschen stünden, wie sie sich bewegten; ein Blick in die Gesichter genüge dann meist, um abschätzen zu können, welche Absichten jemand habe. Je später es werde, desto größer sei das Risiko. „Und die kritischste Zeit ist um drei Uhr.“
Um diese Zeit steuert Herzen die Konstablerwache an. Dort drängen sich die Menschen dicht an dicht. Ein Mann raucht hastig seine Zigarette zu Ende, drei Jugendliche kabbeln sich. Der Bus füllt sich mit Studenten, Nachtarbeitern, Spätausgehern. Sie alle sehen müde aus. Dann steigt Khalid ein, ein Junge mit Whiskeyflasche in der Hand. Er setzt sich nach vorn hinter Herzen, fängt an zu singen und trommelt dabei mit den Händen gegen seinen Sitz. Kurz nach dem Südbahnhof klingelt das Handy des Jungen, ein Freund ist dran. Er war in Alt-Sachsenhausen unterwegs und wurde dort offenbar bei einer Schlägerei verletzt. „Was?“, brüllt Khalid. „Blutest du? Ich komm’ dahin, ich mach die platt.“ Dann legt er auf, sagt, er sei „voll auf Krise“. Seine Hände trommeln lauter gegen den Sitz. An der Oppenheimer Landstraße steigt er aus.
Zwei Männer rufen „Polizei“ - Dann geht alles sehr schnell
Währenddessen liegt auf der hintersten Bank ein junger Mann. Die Füße hat er auf einer Ablage plaziert, die Augen geschlossen, als schlafe er. Mehrere Stationen fährt er mit, liegt ganz ruhig da. Gegen 3.15 Uhr hält der Bus an der Haltestelle „Schweizer Straße/Mörfelder Landstraße“. Plötzlich drängen sich zwei Männer durch den Gang, rufen „Polizei“. Dann geht alles sehr schnell. Sie sprechen den Dösenden an, führen ihn durch den Gang zur Tür. Dann steigen sie aus. Offenbar hatte der Jugendliche an der Konstablerwache Drogen verkauft.
Es sei das erste Mal, dass in seinem Bus jemand festgenommen wurde, sagt Herzen. Dann blickt er kurz in den Rückspiegel. Sieht, wie die Fahrgäste erschrocken schauen, niemand sagt ein Wort. „Na ja, kein Grund zur Aufregung“, sagt er dann und lenkt den Bus wieder auf die Straße, auf dem Weg zur nächsten Station. Noch etwa eine Stunde fährt er durch die Nacht. Zwei Mädchen steigen ein, vielleicht gerade mal achtzehn Jahre alt. Dann eine ältere Frau und schließlich ein Jugendlicher, der sich betrunken in einen Sitz fallen lässt. Gegen vier Uhr steigt einer nach dem anderen aus.
Morgen wird Herzen wieder fahren. Wieder in der Nacht. „Ich hoffe, dass es auch künftig gutgehen wird und es solche Vorfälle wie mit meinem verletzten Kollegen nicht mehr gibt.“ Die Welt sei halt komisch geworden. „Und wir müssen uns irgendwie damit arrangieren.“