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Nacht der Museen : Stacheldraht und Nofretetes Girlie-Band

Über den Holbeinsteg zu den Kulturtempeln: Mehr als 38.000 Neugierige nutzten die Gelegenheit, Frankfurter Museen bei Nacht zu erleben. Bild: Grapatin, Niklas

In der Nacht der Museen vernehmen Besucher die „Stimmen der Gegenwart“ – dazu gehören jedoch auch die hässlichen. Denn vor dem jüdischen Museum marschierten Neonazis auf.

          Wenn es um die Nacht der Museen in Frankfurt geht, sollte eigentlich zuerst von den Attraktionen die Rede sein, es sollte um Performances gehen, um Lightshows und das Leuchten in den Augen der Besucher. Nicht aber, wenn Neonazis vor dem Jüdischen Museum pöbeln. Sie kommen zu dritt, in Lonsdale-Jacken, und bauen sich vor der Besucherschlange auf, die bis auf die Straße reicht. Es ist Samstagabend, kurz vor elf Uhr; die Leute sind da, um Klassiker des legendären Jazzlabels „Blue Note Records“ zu hören. Zuerst aber werden sie mit Nazi-Parolen konfrontiert. Was sie in einer jüdischen Einrichtung wollten, fragen die Männer. Niemand antwortet.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Neonazis verschwinden zwar so schnell, wie sie gekommen sind, aber ihre Anwesenheit verleiht dem Auftritt des Saxophonisten Christof Lauer und seines Ensembles schmerzliche Aktualität. Die Musiker interpretieren John Coltranes „Blue Train“ von 1957 mit einer Lässigkeit, die an die große Zeit des Jazz anknüpft, als Coltrane, Miles Davis und andere in verrauchten Bars jammten, inmitten ihres Publikums. Lauer spielt die Hits des Labels, das Alfred Lion 1939 in New York gründete. Lion war Jude, er ist vor den Nazis geflohen.

          Schlauchboot-Performance zur Flüchtlingssituation

          „Ich verstehe nicht, warum Juden in Europa seit Jahrhunderten verfolgt werden“, sagt João Guilhoto, ein 27Jahre alter Portugiese, der seit drei Jahren in Frankfurt lebt. Die Laune will sich Guilhoto, ein Lockenkopf mit blauem Hemd, an diesem Abend trotzdem nicht verderben lassen. Er ist unterwegs mit drei Freunden aus Ungarn, Venezuela und Italien, allesamt Einwanderer, die hier eine neue Heimat gefunden haben.

          Getroffen haben sie sich am Römerberg. Die Theatergruppe „Antagon“ führt dort vor dem Gerechtigkeitsbrunnen eine Performance auf. Stacheldraht ragt in den Himmel, davor liegt ein Schlauchboot. Männer und Frauen laufen über den Platz, verknotet in dicke Seile. Je mehr sie sich bewegen, desto stärker verheddern sie sich in den Tauen, bis sie zappelnd auf dem Boden liegen. Eine abstrakte Auseinandersetzung mit dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer. Zum Schluss stolpert Justitia im Anzug über die Körper. Ihre verbundenen Augen scheinen hier keine Unbestechlichkeit mehr zu symbolisieren, sondern Blindheit für die Nöte der Anderen.

          Puppen wie eine Armee der Popkultur

          Guilhoto und seine Freunde ziehen weiter, zum Museum für Moderne Kunst. In Portugal war er Journalist, in Frankfurt übersetzt er Anleitungen für Computerspiele. Sein Freund Dario Aprea, ein 31 Jahre alter Softwareentwickler aus Italien, sollte nur für kurze Zeit in Deutschland arbeiten. In Frankfurt hat es ihm so gut gefallen, dass er blieb. Aprea wohnt zusammen mit der Venezolanerin Natalia Rojas, ein Energiebündel, das in knallblauem Mantel vor der Gruppe umher springt und die Richtung vorgibt. Rojas hängt am Telefon. Sie organisiert, wer zur Gruppe hinzustößt und wer sie verlässt. Ein Mädchen kommt, umarmt alle und geht wieder. „In etwa die Zusammenfassung des Lebens“, sagt Guilhoto.

          Im Museum für Moderne Kunst stehen Skulpturen von Isa Genzken. Sie sehen aus wie eine Armee der Popkultur: Schaufensterpuppen mit abgetragenen Lederjacken und Footballhelmen, Mädchen mit goldenen Tüten auf dem Kopf. Die Poetry-Slammerin Dominique Macri befragt das Publikum über die Geschichte mehrerer mit Sonnenbrillen ausstaffierter Büsten von Nofretete. Aus den Antworten strickt Macri eine Lebensgeschichte zusammen, die sie anschließend als improvisiertes Theaterstück aufführt.

          In welchem Verhältnis stünden die Figuren zueinander, fragt Macri; jemand antwortet: „Es ist eine Girlie-Band.“ Am Ende der Befragung ist geklärt, dass es um jene Nofretete gehen soll, die als einzige keine Sonnenbrille trägt. Ihre Lebensgeschichte, zusammengetragen vom Publikum: Sie kann als Einzige klar sehen und hat Abitur. Asterix hat ihr ein Auge ausgeschlagen, ihre verborgene Leidenschaft ist Julius Caesar.

          Natalia Rojas möchte sich das nicht anhören und peitscht die Gruppe zur nächsten Attraktion. „Diese Improvisation war Kindergarten“, sagt sie. In Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst sehe man meistens nur Arbeiten von Künstlern, die andere Künstler imitierten. „Aber ich möchte die Stimmen der Gegenwart vernehmen.“ Leider sind darunter auch die Stimmen der Neonazis vor dem Jüdischen Museum gewesen.

          Quelle: F.A.Z.

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