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Nach der Wahl Verlierer im Römer, ratlos

 ·  Was hätten wohl die verblichenen Frankfurter Oberbürgermeister gesagt, hätten sie am Sonntag abend aus ihren Bilderahmen im Römer heraussteigen können. Wahrscheinlich wären sie sprachlos gewesen.

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Was hätten wohl die verblichenen Frankfurter Oberbürgermeister gesagt, hätten sie am Sonntag abend aus ihren Bilderahmen im Römer heraussteigen können. Wahrscheinlich wären sie sprachlos gewesen, die Herren Franz Adickes, Walter Kolb, Rudi Arndt und all die anderen ehemaligen Stadtoberhäupter. „Haben wir dafür gekämpft?“, hätten sie vermutlich fassungslos die Petra Roths und Franz Freys und all die anderen Lokalpolitiker gefragt, die heute und morgen die Zukunft der Stadt bestimmen. Von drei Wahlberechtigten hat, grob gerechnet, nur einer seine Stimme abgegeben - das muß man als eindeutiges Mißtrauensvotum an die hiesige Kommunalpolitik, vielleicht sogar an die Politik allgemein ansehen.

Erklären konnte sich dieses Desaster niemand so richtig. Oberbürgermeisterin Petra Roth, die übrigens bei der CDU gar nicht zur Wahl gestanden hatte, wirkte ebenso ratlos wie ihr Herausforderer Franz Frey von der SPD. Die Oberbürgermeisterin benutzte einen Begriff aus dem Theater, der auf Schauspieler gemünzt wird, wenn sie gerade einmal müden Höflichkeitsapplaus erhalten: „Warm abgeklatscht“ habe man sie alle. Hätten die Wähler mindestens Nein beziehungsweise Ja gesagt, klagte Roth. „Aber so?“ Franz Frey, dessen Chancen auf einen Sieg bei der Obrbürgermeisterwahl im nächsten Jahr durch dieses schlimmste Ergebnis für die Frankfurter SPD seit Menschengedenken nicht gerade gestiegen sind, zog eher hilflos die Berliner Politik mit Rente ab 67 und dem Hin und Her in der Gesundheitspolitik zur Erklärung heran.

„Es ist Wahl, und niemand geht hin“

Ein Sozialdemokrat, Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff, faßte die ganze Misere in einem Satz zusammen: „Stell' dir vor, es ist Wahl, und niemand geht hin.“ Bitter fragte er, warum die Generation vor ihm unter großen Opfern für freie, allgemeine und geheime Wahlen gekämpft habe.

Verlierer. Allesamt waren es Verlierer, die gestern im Römer voller Erwartung die Trendergebnisse dieser Kommunalwahl sichteten, erste Bewertungen vornahmen und schon die Fühler nach neuen Partnern in einem neuen Spiel ausstrecken, bei dem erst am Donnerstag nach der Auszählung aller Kumulier- und Panschierwahlzettel die Karten vollständig ausgeteilt sein werden. Sogar die vermeintlichen Sieger zählen zu den Verlierern. Denn was sind vorläufige 37 Prozent für die CDU oder 16 Prozent für die Grünen und sechs bis sieben Prozent für die Überrschungspartei „Die Linke.WASG“ wert, wenn eine deutliche Mehrheit der Frankfurter offenbar gar keinen mehr an der Macht sehen will.

Doch „Keine Macht für niemand“ klingt nur in den Ohren von Anarchisten gut. Frankfurter Kommunalpolitiker dagegen wissen, daß die Politik weitergeht und daß jetzt als erstes die Bildung einer neuen Koalition ansteht. Und da waren sich alle CDU-Granden von Parteichef Udo Corts über Petra Roth bis zum Spitzenkandidaten Uwe Becker ganz schnell einig: „Ohne uns geht nichts.“ Fragt sich nur: „Mit wem?“ Für Lutz Sikorski, den Fraktionschef der Grünen, war es gestern keine Frage, wer das Faxgrät anstellen und die Einladung zu Gesprächen herausschicken muß. Die CDU natürlich, weil sie wieder die stärkste Partei im Römer sein wird. Freilich wird das erste Fax nicht in seinem Büro landen, sondern in dem von Franz Frey oder Klaus Oesterling. Denn die Strategen um Corts und Becker wollen rein formal erst mit der zweitstärksten Partei sprechen - ohne damit ausdrücken zu wollen, daß die SPD ihre Lieblingspartei ist.

„Wir warten bis Donnerstag“

Auch die FDP wird irgendwann ein Schreiben erhalten, aber dem liberalen Bundestagsabgeordneten Hans-Joachim Otto schwante schon gestern Übles: „Wir legen zu und werden nicht mehr gebraucht.“ Der Mann, dessen Gesicht auf mehr Wahlplakaten zu sehen war als das jedes anderen Frankfurter Politikers, der FDP-Fraktionschef Volker Stein, sprach sibyllinisch davon, daß, nachdem es für eine rein bürgerliche Koalition von CDU und FDP nicht reiche, Jamaika ja auch seinen Charme besitze. Lutz Sikorski, der zu diesem exotischen Inselglück die Farbe Grün beisteuern müßte, wollte aber noch gar nichts von Farbpaletten wissen: „Wir warten bis Donnerstag.“

Dann nämlich, so lautet seine ausgesprochene Hoffnung, kommt für die Grünen über die Kummulier-Stimmzettel noch ein Prozentpunkt hinzu. Die unausgsprochene Hoffnung dürfte indes darin bestehen, daß die CDU bis dahin gemerkt hat, daß es mit den Grünen allein auch reicht. FSV-Manager Bernd Reisig, der einen starken sozialdemokratischen Stallgeruch verbreitet, redete Sikorski ironisch schon mit „Herr Bürgermeister“ an. Aber im Hintergrund tuschelte Altkämmerer Ernst Gerhardt, die graue Eminenz der CDU, mit dem SPD-Fraktionschef Oesterling. Ob wohl das ominöse Wort „Große Koalition“ gefallen ist?

Quelle: F.A.Z., 27.03.2006, Nr. 73 / Seite 48
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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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