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"My Zeil" In der Mitte, aber noch nicht mittendrin

25.02.2010 ·  Ein Jahr nach der Eröffnung ist bei „My Zeil“ der Alltag eingekehrt. Manche Einzelhändler berichten stolz von den Umsätzen dort, andere sind ausgezogen. Für viele Frankfurter bleibt das Zentrum exterritoriales Gebiet.

Von Manfred Köhler, Frankfurt
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Hollister hilft. Das Modegeschäft im Erdgeschoss, in dem zu lauter Musik T-Shirts und Jeans in angesagtem Design verkauft werden, ist bisweilen dermaßen überlaufen, dass die hübschen Verkäuferinnen Warteschlangen organisieren müssen. Doch nicht allein deshalb ist die im Herbst eröffnete Filiale, die erste dieser Marke in Deutschland, zum Vorzeigegeschäft des Einkaufszentrums „My Zeil“ geworden, dessen Eröffnung sich am Freitag zum ersten Mal jährt. Hollister steht zudem bestens für das Konzept des Centermanagements, in dem ungewöhnlichen Neubau Einzelhändler zu präsentieren, die aus dem Rahmen fallen, jedenfalls in Frankfurt bisher nicht vertreten waren.

The North Face und Peak Performance, die Outdoor- und Sportkleidung bieten, zählen ebenso dazu, auch Ed Hardy mit seinen T-Shirts, auch das Lego-Fachgeschäft, in dem die Kundschaft die Steine sogar lose kaufen kann wie sonst Bonbons. Das neben der Zeil-Galerie zweite Einkaufszentrum an Frankfurts wichtigster Einkaufsstraße soll aber nicht nur dem Besonderen Platz bieten, sondern zugleich eine Heimat werden für Geschäfte, deren Inhabern die Zeil selbst zu schlicht ist und die Goethestraße zu edel und teuer. In mehrfacher Hinsicht also eine „neue Shopping-Dimension“, wie es vor einem Jahr vollmundig hieß.

Noch nie zu hundert Prozent vermietet

Die Wirklichkeit war von Anfang an profaner. Ankermieter sind mit der Elektrohandelskette Saturn und dem Herrenausstatter Anson’s zwei Geschäfte, die jeder Originalität unverdächtig sind, und zwischen den Ladenlokalen der besseren Marken finden sich Handyshops, S. Oliver und Mr. Akhtar’s Uhrenservice. Bis heute war „My Zeil“ noch niemals zu hundert Prozent vermietet, derzeit sind nach Angaben von Centermanager Gottfried Wabra zehn von 94 Ladenlokalen ungenutzt. Vor allem im Obergeschoss, das der Gastronomie vorbehalten ist, fallen die Leerstände auf. Die Fläche zur Fußgängerzone ist noch nie bespielt worden, eine Suppenküche und ein indischer Imbiss haben kürzlich aufgegeben.

Genau diese Etage zeigt aber auch, wie widersprüchlich der Befund nach dem ersten Jahr ist. Während die einen Gastronomen einpacken, finden der Geschäftsführer des spanischen Lokals Comedor und sein Kollege vom asiatischen Schnellrestaurant Coa nur lobende Worte über den Standort. Von allen sechs Restaurants der kleinen Coa-Kette laufe das in „My Zeil“ am besten, heißt es. Das gleiche Bild in anderen Etagen: Während etwa Samsonite still verschwunden ist, zeigt man sich bei den Fotohändlern der Kamera-Kette wie auch anderswo mit den Umsätzen zufrieden.

Kampf an vielen Fronten

Vielleicht dauert es noch etwas, bis feststeht, welche Geschäfte in „My Zeil“ funktionieren und welche nicht – und ob es das Centermanagement durchhält, Flächen eher ungenutzt zu lassen, als sie an den Erstbesten zu vergeben. Wabra hebt hervor, dass er immer noch so verfahre, dass es zum Beispiel gewiss leicht wäre, für das Obergeschoss kurzfristig eine Hamburger-Kette zu gewinnen. Aber der Hinweis, dass von den zehn leerstehenden Geschäften fünf schon wieder vermietet seien und bald eröffneten, ist ihm dann doch auch wichtig.

Tatsächlich kämpft der Centermanager nicht nur mit Leerständen, die sicherlich auch der Wirtschaftsflaute zuzuschreiben sind, sondern an vielen Fronten. Das Gebäude hat seine Tücken, namentlich das Dach – „toi toi toi“ antwortet Wabra auf die Frage, ob es denn endlich dicht sei. Brandschutzvorschriften haben zur Folge, dass das kleine Frankfurter Unternehmen Dulce für sein Eis und seine Pralinen einen ganz neuen Stand aufbauen muss.

Magnet, der seine Anziehungskraft noch entfalten muss

Schwerer aber wiegt, dass „My Zeil“ auch nach einem Jahr nicht zum Stadtgespräch geworden ist. Es ist mitten im Zentrum, aber mittendrin im Frankfurter Leben ist es bisher nicht, es gehört nicht zum guten Ton, die Geschäfte dort zu kennen. Man verabredet sich dort nicht, eher rümpft man die Nase, wie es zum guten Ton gehört, wenn die Rede auf Einkaufszentren als solche kommt. Die Tiefgarage, obwohl vom ADAC zum besten Parkhaus der Stadt geadelt, scheint noch immer unterdurchschnittlich ausgelastet; zur Besucherfrequenz im Einkaufszentrum selbst, die Wabra mit durchschnittlich 30 000 am Tag angibt, tragen allerhand Touristen bei, aus denen sich keine Stammkunden machen lassen. Doch „My Zeil“ hat wenig getan, um auf sich aufmerksam zu machen, was auch von einigen Mietern kritisiert wird. Andererseits: Wenn es schon unmöglich ist, das anspruchsvolle Konzept von Ladenmix durchzuhalten – wie viel schwerer ist es dann, die Liegenschaft bei den Bürgern der Stadt und des Umlandes als Marke zu etablieren?

Die Hoffnungen vieler Mieter richten sich auf die Eröffnung des Hotels und des Bürohochhauses zur Großen Eschenheimer Straße hin. Das gilt namentlich für die Gastronomen, aber auch zum Beispiel bei Ronnefeldt-Tee, am Hinterausgang zum Hotel hin gelegen, heißt es, dies werde das Konzept von „My Zeil“ abrunden. Ein alter Fahrensmann wie Frank Albrecht, Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands und mit seiner Parfümerie selbst Mieter in dem Einkaufszentrum, bleibt gelassen. „Man hat nie das Perfekte an einem Tag“, sagt er und ruft in Erinnerung, die Frankfurter Innenstadt habe einen Magneten gewonnen. Das stimmt schon, aber er muss wohl noch länger justiert werden, bis er seine Anziehungskraft voll entfaltet.

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Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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