Connor Stradjinski hat ein breites Kreuz. Die Muskeln zeichnen sich unter dem weißblau gestreiften T-Shirt ab. Er ist jung – gerade 23 soll er sein –, und doch bewegt er sich wie ein alter Mann. Stockend setzt er einen Fuß vor den anderen, bleibt abrupt stehen und wendet sich mechanisch nach rechts. Schuld ist wahrscheinlich der geringe Speicherplatz auf der Festplatte: Connor Stradjinski ist ein Avatar, eine animierte Figur in „Second Life“, einer virtuellen Welt im Internet. Rosemarie Willems bedient ihn. Ihrem Avatar ähnelt sie nicht – sie ist 70 Jahre alt, hat graue, leicht gelockte kurze Haare, weiche Gesichtszüge und trägt einen blaumelierten Wollpullover. Per Mausklick führt sie Connor durch die virtuelle Dresdner Nationalgalerie, gemeinsam sehen sie sich ein verpixeltes Gemälde an – er im Computerbildschirm, sie davor.
Eine zweite Welt?
So wie Rosemarie Willems sind sechs weitere Teilnehmer zum Workshop „Second Life: Eine zweite Welt?“ in das Museum für Kommunikation gekommen. In Kleingruppen sitzen sie vor Laptops, die Teil einer mobilen Medienwerkstatt sind. Die Kursleiterin verteilt vor Beginn noch Computermäuse. „Alte Leute brauchen Mäuse“, sagt ein Mann und schließt sie an die USB-Schnittstelle an. Die Internetseite von „Second Life“ baut sich nur langsam auf.
Willems wartet zurückgelehnt in ihrem Stuhl, dann und wann klickt sie auf den Bildschirm. „Haben Sie mehr Glück?“, ruft eine Teilnehmerin durch den Raum einer anderen zu. Und tatsächlich: Sie ist bereits dabei, ihre Avatarin optisch zu verschönern. Statt eines Rocks soll sie in virtueller Zukunft Leggins tragen, blassrosa mit weißen Punkten. Die Kursleiterin verfolgt den Vorgang und rät, zunächst den Rock auszuziehen. Es klappt, jedoch mit einem unangenehmen Nebeneffekt. Der „Body-Mass-Index“ wurde ebenfalls verändert. „Ich bin dick!“, ruft die Kursteilnehmerin erschrocken. Ein falscher Mausklick kann in die Krise führen.
Die Veranstaltung „Second Life“ ist Teil einer museumspädagogischen Reihe, die sich an Personen richtet, die älter als fünfzig Jahre sind. „Die Medienkompetenz bei Kindern zu stärken ist schon bekannt“, sagt Museumssprecherin Christine Nowak, die die Medienworkshops mitentwickelt hat. Seit vielen Jahren bietet das Museum Führungen und interaktive Workshops für Kinder und Jugendliche an und unterstützt sie so im Umgang mit den Medien.
Der Ansatz, Älteren einen ähnlichen Zugang zu bieten, ist neu. „Bei den älteren Erwachsenen geht es vor allem darum, Schwellenängste abzubauen“, sagt Nowak. Oft seien nur Grundkenntnisse im Umgang mit dem Internet oder dem Mobiltelefon vorhanden. „Der Erfahrungshorizont der Personen soll erweitert werden, auch damit sie ihre eigenen Enkel besser verstehen“, sagt die Kunstpädagogin. „Second Life: Eine zweite Welt?“ gehört mit zwei weiteren Veranstaltungen, die Wissensplattformen im Internet und „Google Maps“ vorstellen, zu der Reihe „Netzexkursionen“.
Wie ein pubertierendes Kind
Während des Workshops kichert eine Avatarin verlegen in ihrem Bildschirm – die stolze Anwenderin vor dem Computer ist entzückt. Auch sie, 69 Jahre alt, wirft den Kopf zur Seite und lacht wie ein pubertierendes Kind. Trotz der Freude über den kleinen emotionalen Ausbruch ihres Homunculus hat sie Vorbehalte gegenüber dem Programm: Sie meint, die Gefahr, dass man „abheben könnte“ und in die virtuelle Welt flüchten, wenn einem das „Drumherum nicht passt“, sei groß.
Das Programm soll laut Nowak die Teilnehmer im Umgang mit „Online-Umgebungen, in denen mehrere Personen aktiv sind“, schulen. Anders als bei Computerspielen wie „World of Warcraft“ oder „Sims“ sei die Geschwindigkeit bei „Second Life“ geringer – daher eigne es sich gut für ältere Personen. Zwischen 2006 und 2007 hat das Programm seine Blütezeit gehabt. Der Trend ist jedoch rückläufig, oft gibt es technische Schwierigkeiten.
Von der amerikanischen Firma Linden Lab entwickelt, wurde es als „zweite Welt“, als sogenanntes Metaversum, 2003 veröffentlicht. Diese dreidimensionale Umgebung wird von den Nutzern selbst erschaffen und weiterentwickelt, sie können Häuser bauen und Landschaften verändern. Es gibt sogar eine eigene Währung, die einen Umrechnungskurs von einem US-Dollar zu 270 Linden-Dollar hat. Eine Frankfurterin ist als Immobilienmaklerin für Häuser aus Bits und Bytes sogar zur Millionärin geworden – in amerikanischen Dollar.
Dazu wird in dem Kursus keine Zeit sein. Eine kurze Demonstration zeigt jedoch die Vorstufe zum Hausbau – ein Quader auf einem Feld wird verändert, allerdings nur in einem Film auf der Internetseite „Youtube“. Beeindruckt sehen die Kursteilnehmer auf die große Leinwand, auf die der Film gestrahlt wird. Die Idee, die Medienkompetenz von Menschen im Alter über 50 zu stärken, entstand 2006. Begonnen hat die Veranstaltungsreihe mit dem Workshop „Handy 50+“, der den Umgang mit dem Mobiltelefon behandelt – er wird auch in diesem Jahr wieder angeboten. Einer dieser Kurse vermittelte eine Woche nach dem „Second Life“Lehrgang Grundkenntnisse im Umgang mit dem Handy.
Die wichtigsten Griffe
Zu dem Kursus von Florian Vollmer sind sieben Teilnehmer gekommen. Sie sagen, sie könnten die wichtigsten Griffe: Telefonate annehmen und Personen anrufen. Dagegen bereitet das Senden von Kurzmitteilungen den meisten schon Schwierigkeiten. Zu Beginn des Workshops klingelt einsam ein Mobiltelefon in einer Tasche. Die Besitzerin bemerkt es erst nach vielen Sekunden – niemand sieht sie irritiert an, keiner fühlt sich gestört. Klingelnde Handys sind ausdrücklich erlaubt, das Annehmen eines Telefonats ein Zeichen des persönlichen Fortschritts.
Vollmer erklärt das Menü im Handy und malt zur Anschauung neun Kästen auf ein Blatt Papier. Kursteilnehmer Willibald Fiebinger entfaltet daraufhin die Bedienungsanleitung seines Mobiltelefons. Vollmer verlässt seine Grafik und kreist um die Tische, will individuelle Probleme aufspüren. Eine Stunde widmet er den Schwierigkeiten rund um den Telefonbucheintrag.
Der 72 Jahre alte Fiebiger ist mit seiner Frau Ursula Fiebiger-Reichert gekommen. Ihre Töchter haben ihnen die Teilnahme zu Weihnachten geschenkt. Seine Frau holt ein kleines rotes Lederetui aus ihrer Tasche, in dem sich eine Lupe verbirgt. Damit sieht sie sich die Tasten ihres Handys an, bevor sie zu tippen beginnt. Eine Kursteilnehmerin schreibt konzentriert und langsam mit dem Zeigefinger eine SMS und sagt: „Die Jugendlichen machen das alles mit dem Daumen. Der soll beweglicher sein, als es je ein Daumen zuvor war.“
„Das kann ich auch!“
Das Museum für Kommunikation bewerte die Kursteilnehmerzahl von zehn Personen als „keinen schlechten Schnitt“, sagt Nowak. Dennoch könne das Angebot besser angenommen werden. Da die „Netzexkursionen“ jedoch erst im Herbst vergangenen Jahres begonnen haben, ist sie zuversichtlich – erfahrungsgemäß dauere es bis zu zwei Jahre, bis ein Programm sich etabliert habe.
Rosemarie Willems will ihr Wissen in „Second Life“ ausbauen und sich das Programm auf ihren heimischen Computer laden. Sie habe in dem Kursus viel gelernt. Die Vorteile liegen auf der Hand: „Dann kann ich meinen Enkeln sagen: Das kann ich auch!“ Noch will sie sich von Connor Stradjinski nicht trennen, doch er scheint eigene Wege gehen zu wollen. Als sie ihm mit wiederholtem Tastenklicken zu verstehen geben will, dass sie die Dresdner Nationalgalerie verlassen möchte, wird er zunächst sehr pixelig und streikt schließlich ganz. Dabei wäre er sicher gern mitgegangen, aber was will er machen? Connor steckt im Datenstau.
Die nächste Netzexkursion zum Thema „Global überall“ führt am 12. Februar in die Welt von Google Maps ein. Eine Anleitung zum Umgang mit dem Handy gibt es am 23. April. Die zweistündigen Workshops beginnen jeweils um 15 Uhr im Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53.

