01.06.2010 · Welche Konsequenzen sollen aus dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche gezogen werden? Gefragt ist eine „Kultur der Offenheit“, wie es im Frankfurter Haus am Dom hieß. Dort stand auch der Zölibat zur Diskussion.
Von Stefan ToepferVom Fegefeuer zu reden, gehört nicht gerade zum Repertoire katholischer Pfarrer. Einer tut es, aber nicht, um vom Jenseits zu sprechen, sondern vom Diesseits. Das, was die Kirche derzeit erlebe, „ist ein vorgezogenes Purgatorium“, sagt der künftige Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz. Reinigung erhofft er sich von diesem Feuer – nach den Jahren sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Kirchenmänner und der Vertuschung der Taten. „Frageverbote oder Antworttabus darf es nicht mehr geben“, fügt Eltz hinzu. Von August an wird er in Frankfurt tätig sein; noch ist er Stadtdekan in Wiesbaden.
Offen sprachen er und die anderen vier Teilnehmer einer Podiumsdiskussion am Montagabend im Haus am Dom an, was aus ihrer Sicht in der Kirche im Argen liegt. Der Priester und Psychotherapeut Klaus Baumann beklagte „eine Art Filz“, der Tätern offenbar Schutz geboten habe, aber nun von ranghohen Kirchenleuten angesprochen werde. Als ein weiteres „strukturelles Problem“ sieht er es an, dass Pfarrer zu viel Macht hätten. „Eine Dienstaufsicht ist quasi nicht gegeben.“
Mechanismus des Vertuschens
„Wir müssen die Chance nutzen, um über Macht in der Kirche zu sprechen“, findet Heinz Wilhelm Brockmann (CDU). Er ist Staatssekretär im hessischen Kultusministerium und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. „Es gab in der Kirche ein Mechanismus des Vertuschens oder Nicht-Hinsehens.“ Die Frage sei, welche strukturellen Konsequenzen aus dem Missbrauch gezogen würden. Wenn nichts geschehe, bleibe die Kirche auf halber Strecke stehen. Baumannmeint, dass es bei aller legitimer Autorität in der Kirche auch eine „echte geistliche Partizipation von Laien“ geben müsse.
So weit wie Brockmann, der in demokratischen Strukturen ein Vorbild sieht, will Eltz nicht gehen. Er verteidigte das geistliche Amt, das in der Herrschaft Christi gründe und nicht durch Abstimmungen zu legitimieren sei. Allerdings sieht er die Zeit gekommen, über den Zölibat zu reden. Viele in der Bevölkerung stellten einen Zusammenhang zwischen der priesterlichen Lebensform und dem Missbrauch her, darauf müsse die Kirche reagieren. Als Modell schwebt Eltz das der orthodoxen Kirchen vor, in denen es verheiratete Priester gibt und nur höher gestellte Geistliche zölibatär leben müssen. Er wolle dieses Modell eines Zwei-Klassen-Klerus nicht romantisieren, sagte Eltz. „Aber wir müssen an diese Frage heran.“
Baumann hob hervor, dass die Kirche bei der Auswahl ihrer Priester sorgfältig vorgehen müsse. Er forderte, dass Priester und Priesterkandidaten eine „psychotherapeutische Selbsterfahrung“ machten, um sich unbewusst vorhandener Motive für ihre Berufswahl bewusst zu werden. Der Zölibat könne glaubwürdig gelebt werden – aber nicht von solchen Priestern, die diese Lebensform in einer „defensiven Absicht“ wählten, weil sie mit ihrer Sexualität nicht zurechtkämen.
Den Zugang zu Gott verlieren
Die Auffassung, dass die Rede von der Sünde in der Kirche als Quelle für den Missbrauch von Kindern die Sicht auf Strukturveränderungen verstellen wolle, kann Eltz nicht teilen. Der Papst hatte jüngst hervorgehoben, die Kirche werde nicht von außen angegriffen, sondern durch die Sünde in ihrem Inneren. „Das hat nichts Vernebelndes“, sagte Eltz. Denn es gehe auch darum, dass von Priestern missbrauchte Menschen den Zugang zu Gott verlieren könnten.
Daran erinnerte ebenfalls Petra Knötzele, Mitglied der Anti-Missbrauchs-Kommission der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Missbrauch in der Kirche sei ein besonderer Vertrauensbruch, weil erwartet werde, dass Kinder in kirchlichen Einrichtungen die Freundlichkeit Gottes kennenlernten. „Die Kinderseelen hätten den Priestern, die Kinder für ihre Triebwünsche missbraucht haben, heilig sein müssen“, sagte Baumann. Nötig sei deswegen, den Opfern mit echtem Interesse zu begegnen und ihnen möglichst Wege der Heilung zu bahnen.
Hotline anfangs stark überlastet
Eine Möglichkeit für Opfer, sich zu melden, ist die Hotline der Deutschen Bischofskonferenz. Sie hat die Nummer 08 00 / 1 20 10 00 und ist noch bis September dieses Jahres geschaltet. Für sie verantwortlich ist Andreas Zimmer. Wie er schilderte, war sie besonders anfangs stark überlastet, so dass nicht alle Anrufe entgegengenommen werden konnten.
Für vorbildlich hält Zimmer die Beschlüsse der katholische Kirche in den Vereinigten Staaten nach dem dortigen Missbrauchsskandal: Daten zu sammeln, sich eine Selbstverpflichtung aufzuerlegen, zu der auch gehöre, Missbrauch schneller zu erkennen, und genau auf Fortschritte in einzelnen Diözesen zu achten. „Dies ist eine Kultur der Offenheit, die anzustreben wäre“, sagte Zimmer. „Dafür haben wir jetzt eine historische Chance.“