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Medizinstudenten Ohne Zukunftsangst ins Examen

04.08.2009 ·  „Niemand steht auf der Straße“: Frankfurter Medizinstudenten spüren die Krise nicht. „Gegenwärtig bekommt jeder seine Stelle - unabhängig von der Note“, heißt es. Die meisten suchen sich einen Job in der Region.

Von Christina Hucklenbroich
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Spießig wolle sie auf keinen Fall klingen, sagt Magdalena Klupp. „Aber“, fährt die Frankfurter Medizinstudentin fast etwas verlegen fort, „es ist schon toll, wenn man nach dem Studienabschluss nicht auf der Straße steht oder sich wie andere von Praktikum zu Praktikum hangeln muss.“ Die Sechsundzwanzigjährige bereitet sich auf das Staatsexamen im Studiengang Medizin vor; im Januar wird sie mit ihrer Facharztausbildung beginnen. Zwischen 3600 Euro an kommunalen Krankenhäusern und 3800 Euro brutto an Universitätskliniken wird sie dann verdienen; dieses Monatsgehalt hat die Ärztegewerkschaft Marburger Bund für junge Assistenzärzte ausgehandelt. Ihr Lohn wird in den nächsten Jahren kontinuierlich steigen - an Unikliniken bis auf 4800 Euro im letzten Jahr der Assistenzzeit.

Sorgen, überhaupt eine Assistenzarztstelle zu bekommen, macht sich Klupp nicht. Sie will Fachärztin für Psychiatrie werden. „Da sieht es momentan besonders gut aus, weil das nicht so viele machen wollen“, sagt Klupp. „Wenn ich ein Fach anstreben würde, das sehr beliebt ist, könnte ich vielleicht nicht in einer begehrten Großstadt anfangen. Dass man aber überhaupt irgendwo einen Job bekommt, ist momentan sicher, würde ich sagen.“

„Gegenwärtig bekommt jeder seine Stelle“

Frank Nürnberger, Studiendekan des Fachbereichs Medizin in Frankfurt, kann diese Sichtweise nur bestätigen. „Gegenwärtig bekommt jeder seine Stelle - unabhängig von der Note“ ist sein Fazit. „Bei der Examensfeier in Frankfurt haben in der Regel ein Drittel bis die Hälfte der Absolventen schon ein Jobangebot angenommen, die meisten bleiben in der Region.“ Sechs Jahre Studium haben die jungen Frauen und Männer hinter sich, wenn sie ihr Zeugnis entgegennehmen. Nach dem Examen beginnt die große Mehrzahl mit der Facharztausbildung, mit der man sich zum Beispiel zum Hautarzt, Psychiater oder Internisten spezialisiert. Die Tätigkeit als Assistenzarzt dauert etwa sechs Jahre, in einzelnen Fächern auch länger, und gilt als anstrengende Zeit. Hierarchische Verhältnisse, unzureichende Anleitung und Arbeitsüberlastung machten vielen Assistenzärzten die Freude am Berufsleben zunichte, heißt es bei der Landesärztekammer Hessen.

Die Ärzte brauchen ihre Facharztausbildung aber in jedem Fall für eine Laufbahn im Krankenhaus und auch für die Niederlassung in eigener Praxis. Klupps Kommilitone Tin Tucman etwa möchte die Facharztausbildung für Anästhesie durchlaufen. „Im OP-Bereich geht es relativ ruhig zu für den Anästhesisten, wenn es nicht gerade ein Notfall ist“, sagt der Medizinstudent. „Es ist körperlich nicht so anstrengend wie für den Chirurgen. Man muss auch weniger Berichte schreiben.“

Beliebte Kinderheilkunde

Nicht alle Mediziner wählen das Fach, in dem sie ihr Leben lang arbeiten wollen, unter solch pragmatischen Gesichtspunkten aus; sie lassen sich auch von ihrem persönlichen Interesse leiten. „Beliebte Fächer sind derzeit Kinderheilkunde, Neurologie und Gynäkologie“, sagt Nürnberger. Vor allem Frauen wollen Kinderärztin werden. Sie überwiegen im Studiengang ohnehin: Allein in Frankfurt sind 63 Prozent der Studierenden weiblich. In ganz Hessen sind schon jetzt 58 Prozent der Ärzte bis 34 Jahre Frauen.

Karin Flühr, Katharina Hamm und Mira Lauff erfüllen das Klischee - alle drei wollen Kinderärztinnen werden. Noch sitzen sie über ihren Büchern im Lernstudio des Uniklinikums Frankfurt und bereiten sich gemeinsam auf die letzten Prüfungen vor, im Studentenjargon das „Hammerexamen“. Flühr möchte sich nach dem Examen im Januar drei Monate freinehmen, um ihre Doktorarbeit zu Ende zu schreiben; der Titel könnte wichtig für die Niederlassung sein, glaubt sie. „In Frankfurt promovieren leider viel zu wenige, nur etwa fünfzig bis sechzig Prozent der Studierenden“, sagt Nürnberger.

Größte Karrierechance an Uni-Kliniken

Flühr wird die ersten Bewerbungen schreiben, während sie die Doktorarbeit beendet. Die meisten Absolventen verschicken Initiativbewerbungen; oft entsteht auch eine Assistenzarztstelle aus dem Praktischen Jahr heraus, dem letzten Studienjahr vor dem Abschlussexamen. In dieser Zeit arbeiten die Studenten ganztags im Krankenhaus. „Es gibt deshalb auch Leute, die jetzt schon für eine Stelle zugesagt haben, obwohl das Studium noch nicht vorbei ist“, sagt Flühr. Sie möchte wie viele ihrer Kollegen nicht in eine Uniklinik, sondern in ein großes Krankenhaus. „Die größten Karrierechancen hat man an einer Uniklinik, aber viele entscheiden sich dagegen, weil man sich dort auch an Lehre und Forschung beteiligen muss, so dass die Arbeitsbelastung noch größer wird“, sagt Flühr.

Ihre Kommilitonin Katharina Hamm spielt schon jetzt mit dem Gedanken, eines Tages in Schweden zu arbeiten. Die Landesärztekammer Hessen verzeichnet seit Jahren eine wachsende Zahl von jungen Ärzten, die ins Ausland abwandern. Allein in den vergangenen vier Jahren beantragten fast 800 Mediziner Zertifikate, die sie für eine Tätigkeit im Ausland benötigen. In einer Umfrage fand die Kammer heraus, dass der Hauptgrund Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen in Deutschland ist.

Zunächst Politologie studiert

Den Gedanken, das falsche Fach gewählt zu haben, kennen die Studenten aber trotzdem nicht. Karin Flühr, 28 Jahre alt, hat zunächst Politikwissenschaften studiert, sich dann aber umentschieden. Die meisten ihrer alten Freunde aus dem Politikstudium schreiben an ihrer Doktorarbeit. „Was danach kommt, ist unklar“, sagt Flühr. „In den meisten Studiengängen fragt man sich nach dem Abschluss: Was mache ich jetzt? Kriege ich einen Job?“, ergänzt die 25 Jahre alte Mira Lauff. „Das sind Fragen, die wir uns nicht stellen müssen.“

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

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