Die Übernahme der Mehrheit an der „Frankfurter Rundschau“ durch das Kölner Verlaghaus DuMont-Schauberg kam nicht mehr ganz unerwartet. „Rundschau“-Beschäftigte haben die Mitteilung überwiegend erleichtert aufgenommen. „Klarheit ist immer gut“, lautete der Tenor nach Monaten der Ungewißheit.
Aufhorchen läßt die Ankündigung, „daß weitere Maßnahmen zur Kostensenkung“ notwendig seien, „um die Grundlage für den weiteren Bestand und künftigen publizistischen Erfolg“ der Zeitung zu sichern. Die „Rundschau“-Belegschaft hat in den zurückliegenden Jahren finanzielle Einbußen von knapp 14 auf zwölf Monatsgehälter hingenommen und dafür die Zusicherung erhalten, daß es bis Ende 2007 nicht zu weiteren betriebsbedingten Kündigungen komme. Allerdings enthält diese Abmachung die Öffnungsklausel, daß in diesem Herbst je nach wirtschaftlicher Lage neu darüber verhandelt werden könne.
Es bleibt bei „links-liberal“
Wie die Kosten weiter gesenkt werden können, ohne daß der Qualitätsanspruch der Zeitung leidet, ist Branchenkennern allerdings nicht klar. In der „Rundschau“-Redaktion ist man über die Zusicherung des neuen Mehrheitsgesellschafters erleichtert, daß die „links-liberale“ Ausrichtung beibehalten werde. Leise Zweifel werden freilich an der Zusage geäußert, die „Rundschau“ werde eine überregionale Zeitung bleiben. Man könne zwar nach außen an diesem Anspruch festhalten, aber den Redaktionsetat so kürzen, daß es mit dem Überregionalen nicht mehr weit her sei. Alles in allem überwiegt aber die Zuversicht, DuMont werde an der „Marke Frankfurter Rundschau“ festhalten.
Auch in der Druckerei in Neu-Isenburg scheint kein Raum mehr für Kostensenkungen zu sein. Das Technik-Sammelsurium, wo drei Druckmaschinentypen nebeneinander betrieben werden, schließe weitergehende Rationalisierungen aus, so ist zu hören. Anfang 2001 hatte die „Rundschau“-Druckerei den Herstellungsauftrag für knapp 300.000 Exemplare der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ an die Societäts-Druckerei in Mörfelden verloren. Bei der „Rundschau“ verblieben - neben einer Teilauflage des „Handelsblattes“ - beträchtliche Druckaufträge der zum Springer-Verlag gehörenden Zeitungen „Bild“, „Bild am Sonntag“ und „Welt am Sonntag“.
Dem Vernehmen nach hat Springer jetzt die Änderung der Mehrheitsverhältnisse bei der „Rundschau“ und die „Change-of-control“-Klausel in den bis 2010 laufenden Druckverträgen dazu genutzt, die Konditionen zum eigenen Vorteil zu ändern. Viel spricht für die Annahme, daß Springer spürbare Preissenkungen durchgesetzt hat. Sicher ist zudem, daß demnächst 220.000 Exemplare der „Bild“-Zeitung nicht mehr bei der „Rundschau“, sondern in Kassel gedruckt werden.
50 Prozent plus eine Stimme
Das kann dem neuen Mehrheitsgesellschafter keine Freude machen. Daß DuMont-Schauberg „nur“ 50 Prozent plus eine Stimme übernommen hat, nachdem es lange geheißen hatte, die SPD-Medienholding DDVG wolle mehr Anteile abgeben, mag deshalb auch mit der nach wie vor ungewissen wirtschaftlichen Zukunft der „Rundschau“ zu tun haben, denn wer mehr Anteile hält, an dem bleiben auch mehr Verluste hängen. Davon sind bei der „Rundschau“ reichlich aufgelaufen. Im Jahresabschluß 2004 der DDVG - sie behält 40 Prozent - stehen 80 Millionen Euro „Rundschau“-Schulden zu Buche. Der Abschluß für 2005 liegt noch nicht vor, aber daß der Verlust auf einen dreistelligen Millionenbetrag gestiegen ist, liegt auf der Hand.
Wie ein Symbol nimmt es sich inzwischen aus, daß im Februar dieses Jahres das „Rundschau“-Haus in der Frankfurter Innenstadt abgerissen wurde, das ein halbes Jahrhundert lang eine architektonische Wegmarke gewesen war. Im Sommer 2005 waren Verlag und Redaktion in das Büro- und Geschäftshaus „Colosseo“ im Deutschherrnviertel umgezogen. Ob die „Rundschau“ in ihrem Domizil im ehemaligen Straßenbahndepot in Sachsenhausen, das sie voraussichtlich Ende 2008 beziehen wird, zur Ruhe kommt, vermag derzeit niemand vorherzusagen.

