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Martin Hunscher im Interview : „Neue Siedlungen sind unabdingbar“

Wie belastbar ist das Stadtgebiet noch? Martin Hunscher stellt unangenehme Fragen. Bild: Cornelia Sick

Wo könnte Frankfurt noch weiter wachsen? Mit dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept sucht die Stadt nach einer Antwort. Amtsleiter Martin Hunscher zeigt den Weg.

          Mit dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept 2030 will die Stadt das Potential für neue Baugebiete und die Verdichtung bestehender Viertel ausloten. Die erste Phase der Bürgerbeteiligung ist vorbei. Wie lautet Ihre Zwischenbilanz?

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ich bin zufrieden mit dem Verlauf der Bürgergespräche und den Ergebnissen. Es ist nicht leicht, die Menschen für das abstrakte Thema der Stadtentwicklung zu begeistern. Es geht ja um Fragen der Siedlungsentwicklung auf heute unbebauten Flächen und im Bestand mit gesamtstädtischem Blick und eben nicht um die konkrete Gestaltung eines einzelnen Quartiers. Aber: Die Resonanz war sehr gut, die Debatten waren erfreulich konstruktiv. Die Menschen haben uns viele Vorschläge zur weiteren Prüfung mitgegeben. Besonders die Idee der aufsuchenden Bürgerbeteiligung hat sich bewährt: Wir haben die Menschen an den Orten zum Gespräch eingeladen, an denen sie leben, arbeiten oder ihre Freizeit verbringen.

          Liegt der Ball nun beim Magistrat?

          Im Moment liegt er noch im Stadtplanungsamt. Wir sind gerade dabei, in einer Arbeitsgruppe in Kooperation mit den Umwelt- und Verkehrsressorts alle verbliebenen Entwicklungspotentiale zu bewerten. Das sind immerhin rund 200 Teilflächen im Innen- wie im Außenbereich der Stadt. Wir haben eine Bewertungsmatrix entwickelt und werden Empfehlungen aussprechen. Auf dieser Basis muss der Magistrat dann vor allem in den Kernressorts Verkehr, Umwelt und Stadtplanung zu einer grundsätzlichen Haltung kommen: Hält man Eingriffe an der einen Stelle für gerechtfertigt, weil man sie an anderer Stelle vermeiden oder besondere Qualitäten erzeugen kann?

          Wann ist die Arbeitsgruppe fertig?

          Wir haben fest vor, bis April zu einer abschließenden räumlichen Empfehlung zu kommen. Dann muss sich der Magistrat klarwerden, wie er damit umgeht.

          Wird das Ergebnis noch einmal in Bürgerforen zur Debatte gestellt?

          Wir haben den Bürgern versprochen, dass es noch eine Rückkopplung geben wird. Das haben wir noch vor den Sommerferien vor. Jeder soll das Ergebnis kommentieren können, bevor die Stadtverordneten das Entwicklungskonzept beschließen. Einen dritten Fachdialog zu den sozialen Anforderungen an die Stadtentwicklung gibt es bereits im März.

          Das Konzept soll noch vor der Sommerpause fertig sein?

          Das ist unser Ziel.

          Es fällt auf, dass auf Bürgerforen mehr ergraute Haarschöpfe zu sehen sind als junge Leute. Auch Migranten sind unterrepräsentiert.

          Das ist ein grundsätzliches Phänomen. Wir haben diesmal aber deutlich mehr Menschen erreicht als üblich, nicht nur unsere treue Kundschaft, die an Stadtplanungsthemen interessiert ist. Um junge Menschen und auch Menschen unterschiedlichster Herkunft zu erreichen, haben wir neben den klassischen Veranstaltungen auch die sozialen Medien und Gespräche vor Ort eingesetzt.

          Wie kann man gerade Migranten stärker einbinden?

          Das ist schwierig zu beantworten. Es gilt nicht nur vereinzelt Sprachbarrieren, sondern auch kulturelle Fragen zur Bürgerbeteiligung zu überwinden. Tatsächlich haben wir versucht, diese Gruppe über die Einbindung des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten und Multiplikatoren zu mobilisieren.

          Lohnen sich diese „Demokratiekosten“, oder verzögert die Bürgerbeteiligung nur den ganzen Prozess?

          Die Planungszeit verlängert sich nicht, wenn die Beteiligung von Beginn an zum Projekt dazugehört. An einer breiten Information und öffentlichen Debatte führt bei städtebaulichen Planungen heute kein Weg vorbei. Beim Stadtentwicklungskonzept wollten wir nicht mit fertigen Plänen an die Bürger herantreten, sondern Ideen sammeln. Das ist gut investierte Zeit. Wir haben bewusst keine Flächendiskussion geführt, sondern eine Diskussion über die Folgen des Wachstums und über die Qualität und die Dichte von Stadtquartieren.

          Entsteht nicht eine Erwartungshaltung, dass die Bürger mitentscheiden können?

          Wir stellen bei jedem Beteiligungsprozess am Anfang klar, dass über das Konzept nicht in einer Art Bürgerentscheid abgestimmt wird. Die Bürgerbeteiligung ersetzt nicht die fachliche Debatte und auch nicht die politische Entscheidung. Die Hinweise aus der Bürgerschaft sind aber ein wichtiger Indikator für unsere Arbeit und Entscheidungshilfe für die Politik.

          Verstehen die Politiker, dass in den Bürgerforen die Bürger gefragt sind und es nicht darum geht, Politik zu machen und Interessen zu vertreten?

          Es ist sicher gut, die Stimmung und den Originalton in den Debatten einfangen zu wollen, aber das Wort gehört dort den Bürgern. Wir bereiten alle Anregungen zum Stadtentwicklungskonzept auf. Wir dokumentieren, wie wir damit umgehen, und werden dies den Stadtverordneten als Entscheidungshilfe mitgeben.

          In den einzelnen Stadtteilen gibt es unterschiedliche Interessen und Sorgen, je nach Lage und „Bedrohungsszenario“. Im Norden überwiegt die Furcht vor der Zersiedlung, in der Innenstadt stehen der Schutz der Kleingärten und der Kampf gegen den Verkehr im Vordergrund. Hat Sie das überrascht?

          Nein. Jeder Stadtteil hat seine Spezifika, und die Bewohner haben einen besonderen Blick auf die jeweiligen Chancen und Risiken. Mich hat die Vehemenz überrascht, mit der im Frankfurter Norden die Furcht vor Neubaugebieten vorgetragen und mit der Sorge vor einem Kollaps im Straßennetz begründet wurde. Die Deutlichkeit, mit der im Osten und Westen der Stadt Entwicklungsmöglichkeiten für die Stadtteile eingefordert wurden, hat mich allerdings ebenso überrascht.

          Sie haben zu Beginn der Bürgerforen vier Entwicklungsszenarien vorgestellt, in denen die Nachverdichtung und der Neubau neuer Stadtteile unterschiedlich stark gewichtet wurden. Gab es eine Präferenz für eines der Modelle?

          Eine klare Präferenz war in der Bürgerschaft nicht zu erkennen, sie war lokal unterschiedlich. Deutlich wurde aber die Sorge vor großen Veränderungen im persönlichen Umfeld und vor einer Überlastung der bestehenden Quartiere durch bauliche Nachverdichtung. Die Menschen befürchten, dass ihr Stadtteil zu sehr strapaziert wird. Auf der anderen Seite wurde uns klar mitgegeben, dass wir bei einer Außenentwicklung mit neuen Stadtteilen die Verkehrsinfrastruktur integral mitdenken müssen.

          Besonders die Bewohner der nördlichen Stadtteile stehen einer weiteren Siedlungsentwicklung skeptisch gegenüber. Sehen Sie überhaupt noch Chancen für die Außenentwicklung? Werden Tabus ernsthaft hinterfragt, oder ist da nichts aufgebrochen?

          Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass die Siedlungsentwicklung im Außenbereich unabdingbar ist und auch den klügeren Weg darstellt, wollen wir unsere Stadtteile nicht völlig überformen. Dazu müssen wir nicht gezwungenermaßen in den Grüngürtel eingreifen. Der ganzheitliche Untersuchungsansatz und die Szenariendebatte des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts sollen hierzu eine fachliche wie politische Entscheidungshilfe im Spiegel aller räumlichen Optionen leisten. Dabei geht es eben nicht nur um den immer wieder bemühten Pfingstberg, denn möglicherweise gibt es andere Räume, die sich als geeigneter erweisen. Das ist letztlich die Idee des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts: in Kenntnis aller Möglichkeiten sich ein Bild davon zu machen, an welcher Stelle, mit welchem Aufwand und mit welchen Chancen ein neuer Stadtteil möglich wäre - und am Ende eine ausgewogene Entscheidung zu treffen.

          Das heißt, in dem fertigen Konzept steht nicht zwingend drin, wo ein neuer Stadtteil entwickelt wird, sondern nur, dass?

          Nein, die räumliche Festlegung muss ein Stadtentwicklungskonzept natürlich leisten. Allerdings reden wir auf gesamtstädtischer Ebene über einen Maßstab, der primär Entwicklungs-, Erneuerungs- oder Verdichtungsräume und deren Zeithorizonte darstellen kann. Dann erst beginnt die planerische Detailarbeit und Präzisierung: beispielsweise, welche verkehrliche und soziale Infrastruktur nötig ist oder wie wir mit Klima- und Naturschutzfragen umgehen können. Das Stadtentwicklungskonzept ist der Einstieg in einen solchen Prozess, es liefert das räumliche Szenario, aber die konkreten Arbeitsschritte folgen danach.

          Wäre der Heiligenstock aufgrund seiner Nähe zur Innenstadt nicht besser für eine Bebauung geeignet als der Pfingstberg?

          Genau das ist eine Frage, die wir im Rahmen des Konzeptes bewerten und klären müssen.

          Ist es sinnvoll, ein solches Konzept zu erarbeiten, solange nicht feststeht, wie viele Einwohner die Region noch aufnehmen kann?

          Wir müssen doch zunächst eine Antwort auf die Frage haben, für wie belastbar wir das Frankfurter Stadtgebiet überhaupt noch halten. Erst dann können wir in die regionale Debatte einsteigen. Schauen Sie nach Wiesbaden, Darmstadt oder Offenbach: Auch dort ist man mit der Erarbeitung von Stadtentwicklungskonzepten befasst und bereitet sich so auch auf die Fortschreibung des Regionalen Flächennutzungsplans vor.

          Auf den Bürgerforen haben Gewerbegebiete keine Rolle gespielt. Manche Bürger wünschen sich sogar weniger Arbeitsplätze, um die Anziehungskraft der Stadt zu reduzieren. Bleibt die Wirtschaft auf der Strecke?

          Nein. Zwar ist den Menschen in wirtschaftlich guten Zeiten ihr persönliches Wohnumfeld näher als das Arbeitsumfeld, allerdings hat das Thema Bildung mit Blick auf die künftige Qualifizierung von Arbeitskräften eine starke Rolle gespielt. Im Arbeitsprozess kümmern wir uns allgemein um die Siedlungsentwicklung, nicht nur mit Blick auf Wohnbauflächen. Auch der Wirtschaft mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen und Standortanforderungen müssen wir eine räumliche Antwort geben.

          Sehen Sie nicht die Gefahr, dass Spielräume eingeschränkt werden, wenn Flächen wie am Bad Homburger Kreuz dem Grüngürtel zugeschlagen werden?

          Der Grüngürtelpark Nieder-Eschbach liegt an dieser Stelle tatsächlich konträr zum Gedanken einer gewerblichen Entwicklung, die sich wegen der hervorragenden Anbindung an das Verkehrsnetz anbieten könnte. Auch hier gilt aber, dass Sie eine Entscheidung nur dann plausibel treffen können, wenn Sie die Alternativen kennen, etwa an den Gemarkungsgrenzen. Vielleicht können wir dort gemeinsam mit der einen oder anderen Nachbargemeinde plausible Antworten für eine Weiterentwicklung finden.

          Die Fragen stellte Rainer Schulze.

          Quelle: F.A.Z.

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