21.10.2003 · Die Antwort darauf, warum Menschen so etwas auf sich nehmen, bleibt für Außenstehende immer ein wenig rätselhaft: "Es ist einfach ein großartiges Gefühl, über die Ziellinie zu laufen und zu wissen: Ich ...
Die Antwort darauf, warum Menschen so etwas auf sich nehmen, bleibt für Außenstehende immer ein wenig rätselhaft: "Es ist einfach ein großartiges Gefühl, über die Ziellinie zu laufen und zu wissen: Ich habe es geschafft!" Darüber sind sich Ingo Rohmund, Torsten Kranzdorf und Julia Bohn aus Frankfurt einig. Alle drei starten an diesem Wochenende beim Eurocity-Marathon. Um die 42,195 Kilometer auch zu schaffen, haben sie sich akribisch vorbereitet. Jeder auf seine Art.
Fünfmal in der Woche ziehen sie ihre Laufschuhe an, dann geht es durch Parks oder am Main entlang. Die Strecken am Fluß eigenen sich in der letzten Vorbereitungsphase am besten, denn hier sind viele Wege meistens asphaltiert. "An das harte Auftreten muß ich mich bis Sonntag gewöhnen", sagt der 21 Jahre alte Kranzdorf. Schließlich gehe der Marathon auch nicht durch Felder und Wiesen, sondern über Asphalt. Seit zwei Jahren läuft der junge Mann regelmäßig, zwei Marathons hat er erfolgreich hinter sich, außerdem einige Halbmarathons. Mittlerweile hat er den Trainigsplan gut im Kopf, wechselt täglich zwischen längeren Läufen, sogenannten Tempoläufen und regenerativen Läufen. Wie man am sinnvollsten trainiert, hat er sich von Lauffreunden erklären lassen. Der 31 Jahre alte Rohmund suchte Rat in Fachzeitschriften, und Julia Bohn, 23 Jahre alt, hat einen Trainer. "Jeder von uns hat seinen eigenen Stil der Vorbereitung", sagt sie. Gemein ist ihnen, daß jede Trainigseinheit einen Lauf zwischen zehn und 30 Kilometer beinhaltet. Bei diesem Pensum verschleißen sie pro Jahr vier Paar Laufschuhe. Mit Hilfe einer Videokamera wurde ihr Laufstil im Frankfurter Laufshop analysiert, um den Füßen auf den gut 42 Kilometern soviel Komfort wie möglich zu geben.
Um dem Körper das zu geben, was er auf der Strecke verbrennt, achten die drei Sportler auf ihre Ernährung. Besonders wichtig seien Kohlenhydrate. Aber man solle sich das nicht zu asketisch vorstellen, sagt Rohmund. So trinke er am Abend vor dem Marathon gerne ein Weißbier. Das habe zwei Vorteile, berichtet der Bankangestellte: "Da sind Kohlehydrate drin, und es beruhigt." Alle drei sind am letzten Abend vor dem Start trotz aller Erfahrung, die sie schon haben, ziemlich nervös. Sportstudentin Julia Bohn hingegen verzichtet während der letzten Trainigsphase kategorisch auf Alkohol und ist ziemlich aufgeregt. "Dann bilde ich mir alles mögliche ein, daß jetzt eine Erkältung kommt oder die Muskeln weh tun." Bisher blieb es bei der Befürchtung.
Rohmund wird am Sonntag "Zugläufer" sein. Er hält ein bestimmtes Tempo, und wer mit ihm läuft, kann sicher sein, den Marathon in 3,29 Stunden zu schaffen. Weil das minutengenaue Laufen sehr anstrengt, wechselt er sich nach der Hälfte der Strecke mit einem anderen Läufer ab.
Natürlich nützt auch die beste Vorbereitung nichts gegen den "toten Punkt". Den haben sie alle, diesen Moment auf der Strecke, wenn alles schmerzt, die Beine nicht mehr wollen, der Atem nicht schnell genug gehen kann, die Straßen scheinbar immer länger werden und die Zuschauer im Blickwinkel verschwimmen. Dann kommt der schlimme Gedanke: der ans Aufgeben. "In solchen Momenten kommen mir immer tiefe Gedanken, über den Sinn des Lebens und so", erzählt Rohmund. Mit diesem Gefühl verhält es sich wohl so ähnlich wie mit der Freude darüber, die Ziellinie erreicht zu haben: Nur Marathonläufer werden es richtig nachvollziehen können.
Eine große Hilfe seien die Zuschauer, meinen alle drei. "Mir ist jede Ablenkung von den Muskelschmerzen recht", sagt Kranzdorf. Und Rohmund freut sich besonders über Leute, die Musik machen: "Die Bongo-Spieler, die immer in Höchst stehen, sind klasse." Julia Bohn hingegen nervt es, wenn es zu laut wird: "Die Tröten sind schrecklich." Die drei fühlen sich fit für Sonntag. Am Ende wird es egal sein, welche Zeit gestoppt wird - Hauptsache, geschafft. Am Montag werden sie Muskelkater in den Beinen haben, das wissen sie jetzt schon. Es wird so schlimm sein, daß sie Treppen nur noch rückwärts gehen können. Aber im Kopf bleibt eine "einzigartige Zufriedenheit" mit sich selbst, wie Bohn es nennt. THIELKO GRIESS