Eigentlich wäre am Freitag nächster Woche Schluß. Stadtrat Nikolaus Burggraf (CDU) würde seinen Schreibtisch räumen, die Tür seines Dienstzimmers ein letztes Mal hinter sich schließen und nach Hause gehen. Am 16. Dezember endet offiziell die Amtszeit des Mannes, der 1999 als Umweltdezernent im Magistrat begann und mittlerweile eine solche Vielzahl von Themen verwaltet, daß mancher das Ressort als "Sammelsurium" verspottet. In der Tat: Wie Gesundheit, Brandschutz, Wirtschaft und Recht zusammenpassen, erschließt sich nicht auf den ersten Blick.
Doch Burggraf darf seinen Schreibtisch nicht räumen, und auch der Schlüssel zum Dienstzimmer bleibt vorerst am Bund. Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) hat bestimmt, daß er drei Monate länger bleiben muß. Das Recht dazu gibt ihr die Hessische Gemeindeordnung, wenn die Weiterführung der Amtsgeschäfte "keine unbillige Härte bedeutet". Burggraf hat das akzeptiert, obwohl der Jurist, der in der Union der wirtschaftsliberalen Mittelstandsvereinigung zugerechnet wird, schon im Frühjahr mitgeteilt hatte, für eine zweite Amtszeit von sechs Jahren nicht zur Verfügung zu stehen. Nun muß der Dreiundsechzigjährige bis zum 16. März 2006 ausharren - nur zehn Tage sind es dann noch bis zur Kommunalwahl. Und während die Frankfurter Parteien mit Programmen und Kandidaten allmählich Stellung beziehen, rückt mit Burggrafs Dienstende auch seine Nachfolge wieder in den Fokus, ein Thema, an das sich die CDU nur ungern erinnert.
Im April dieses Jahres hatte Parteichef Udo Corts versucht, mit dem 33 Jahre alten Landtagsabgeordneten Boris Rhein einen Nachfolger für Burggraf aufzubauen. Rhein sollte noch vor der Sommerpause von der Mehrheit des Viererbündnisses in den Magistrat gewählt werden. Frühestens sechs Monate vor Burggrafs Dienstende - das wäre am 16. Juni gewesen - hätte die Gemeindeordnung dies erlaubt. Corts, zugleich hessischer Wissenschaftsminister, argumentierte damals vor allem damit, daß ohne die Neubesetzung nach der Kommunalwahl Burggrafs Themenfelder womöglich monatelang brachlägen: Komplizierten Koalitionsverhandlungen schlössen sich Ausschreibungs- und Bewerbungsfristen für den Posten an.
Doch SPD und Grüne sahen das anders. Der Respekt vor dem Wähler verbiete eine solche Umbesetzung wenige Monate vor der Wahl, hieß es aus beiden Fraktionen. Und: "In dieser Wahlperiode des Stadtparlaments wird es keine Wahl für einen Nachfolger von Stadtrat Burggraf geben." Die CDU zog Rhein zurück. Vorerst. Corts warf Sozialdemokraten und Grünen "eine grobe Verletzung der Bündnisvereinbarung" vor. Das Bündnis kündigte er nicht.
Kritiker in den eigenen Reihen behaupten, Corts habe damals nicht nur Rhein aufbauen, sondern auch Burggraf loswerden wollen. Denn der Stadtrat ist umstritten. Für manchen hat er zu oft zu lange für Entscheidungen gebraucht - etwa bei der Umwandlung der Kliniken Höchst von einem Eigenbetrieb in eine Gesellschaft. Burggraf fehle "ein gewisses Einfühlungsvermögen in das Funktionieren einer Stadt", sagt einer. Außerdem verkaufe er sich in der Öffentlichkeit, also beim Wähler, nicht gut genug. "Den mußte man immer ins Bild schubsen", klagt ein anderer. Fraktionschef Uwe Becker dagegen lobt Burggraf: "Andere machen halb soviel, verkaufen es aber doppelt so gut."
Burggraf jedenfalls bekommt wahrscheinlich mehr Zeit, sich richtig ins Bild zu setzen: Er kandidiert bei der Kommunalwahl auf dem aussichtsreichen Platz 21. Geht alles gut für ihn, wäre er danach ein gewöhnlicher Stadtverordneter. Um sein Sammelsurium kümmert sich dann ein anderer.
TOBIAS RÖSMANN

