Home
http://www.faz.net/-gzg-6m24p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Magersucht Alles unter Kontrolle

Mit 15 Jahren beginnt Anna abzunehmen – und wird magersüchtig. Doch erst Jahre später kann sie sich die Krankheit eingestehen und wieder ein normales Leben führen.

© Wolfgang Eilmes Bildstörung: Anna nahm ihren Körper verzerrt wahr – je dünner sie wurde, desto dicker fühlte sie sich.

„Ich fühle mich oft noch fett“, sagt Anna. Wer ihre Geschichte kennt, zuckt bei diesen Worten zusammen. Als sie ihren Satz ergänzt, ist jedoch zu spüren, dass nichts Schlimmes mehr darin liegt: „Dieses Gefühl hindert mich aber nicht mehr am Leben“, sagt die junge Frau. Es klingt, als fühle sie sich frei. Im Reinen mit sich und ihrem Umfeld und bereit, es mit dem Leben aufzunehmen.

Anna, die ihren wahren Namen nicht verraten möchte, war magersüchtig. Vor sechs Jahren hatte ihre Leidensgeschichte begonnen: ein Kampf um Macht und Kontrolle über sich und andere. Heute ist sie 21 Jahre alt und studiert in Frankfurt Kunstgeschichte. Es geht ihr gut seit ihrem letzten Klinikaufenthalt im Januar 2010. Danach gab es für Anna nur noch zwei Optionen: „Entweder ich gebe Vollgas und fahre gegen den Baum, oder ich mach endlich was.“

Schon bald dreht sich ihr Tag nur noch darum, ob sie etwas isst oder nicht

Ein Blick in die Vergangenheit: Anna ist 15 Jahre alt, 1,72 Meter groß und 60 Kilogramm schwer. Mitten in der Pubertät erfasst sie die Angst vor dem Erwachsenwerden. Zudem frustriert sie das Gefühl, von ihrer Familie nur so wahrgenommen zu werden, wie man sie haben will, nicht wie sie wirklich ist. Ihre unbewussten Ängste versucht sie durch Hungern zu lösen. In der Magersucht findet Anna eine Gefährtin, die sie ganz für sich hat, die sie alleine kontrolliert, und die ihr niemand wegnehmen kann. Innerhalb eines Jahres hungert sie sich auf 46 Kilogramm herunter. „Ich dachte, je leichter ich werde, umso leichter wird auch alles andere. Aber in Wirklichkeit wurde alles nur schwerer“, berichtet Anna heute.

Erst wird sie bewundert für ihre schlanke Figur und die Disziplin, mit der sie sich jede Süßigkeit und fetthaltige Kost verbietet. Doch bald dreht sich ihr Tag nur noch darum, ob sie etwas isst oder nicht. Später besteht ihre tägliche Mahlzeit aus einem Salat zum Abendessen. „Aber je mehr ich abgenommen habe, umso dicker habe ich mich gefühlt. Am Ende waren sogar Äpfel zu viel.“

Mahnende und fürsorgliche Worte ihrer Familie und ihre Freunde gehen an ihr vorbei

Durch den Nährstoffmangel wird Anna immer schwächer. Sie kann sich nicht mehr konzentrieren, verliert büschelweise Haare, ihre Pubertät hört auf, und sie leidet unter extrem trockener Haut. Aber eincremen will sie sich nicht. Sie befürchtet, das Fett der Creme könnte sich im Körper ablagern.

Mahnende und fürsorgliche Worte ihrer Familie und ihre Freunde gehen an ihr vorbei. „Das Gehirn ist so verhungert, dass es nicht mehr klar denken kann“, sagt sie in einem Gespräch im Frühjahr 2009. „Alles war in Wolken gehüllt. Ich fühlte mich wie in einer Glaswelt.“ In einer Sekunde ist sie tieftraurig, im nächsten Augenblick schreit sie hysterisch herum. Körperkontakt vermeidet sie, Anna will weder sich noch andere spüren. Schließlich wird sie in das Clementine-Kinderhospital eingewiesen. Es ist ihre Rettung. Anna schafft es mit Hilfe der Ärzte und Therapeuten, sich selbst zu finden und 2009 ihr Abitur abzulegen.

„Es ist absurd“

Damit ist eine wichtige Hürde geschafft: keine Magensonde mehr, regelmäßige Mahlzeiten, Anna hat ihre Lebensfreude wieder entdeckt. Nun will sie die Welt erobern, eine Aufgabe finden. Mit einer Gruppe sozial engagierter junger Leute reist sie in den Libanon, um sich dort im nächsten halben Jahr um behinderte Menschen zu kümmern. Aber für diese Aufgabe ist sie noch zu schwach. „Bald stand ich in Beirut in der Wohnung vor dem Spiegel und dachte: ,Oh, wie fett.‘“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Flüchtlinge in Deutschland Zwei Tage im Leben des Mädchens Reem

Vor Angela Merkel kamen ihr die Tränen. Weil Reem von Deutschland träumt, so wie andere Kinder von einem Pony träumen. Porträt eines jetzt so bekannten vierzehn Jahre alten Mädchens. Mehr Von Anna Prizkau

27.07.2015, 10:52 Uhr | Feuilleton
Riesen Sandwich 65 Meter lang und 1600 Kilogramm schwer

Ausgestattet mit hunderten Kilogramm Salat, Tomaten und Mayonnaise haben sich die Köche in Mexiko ans Werk gemacht. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Mehr

30.07.2015, 09:27 Uhr | Gesellschaft
Schwule Väter Papa zieht aus

Wenn sich Väter als schwul outen, bricht für sie und ihre Angehörigen eine Welt zusammen. Holger Heckmann ist den Schritt gegangen. Und Anna-Lena Wingerter musste sich damit abfinden, dass ihre Familie aus diesem Grund nicht mehr die gleiche ist. Mehr Von Christian Palm

26.07.2015, 20:15 Uhr | Rhein-Main
Gesundheit Trotz Masern-Ausbruch mehr Impfgegner in Amerika

Nicht nur in Deutschland wird über eine Impf-Pflicht diskutiert. In Amerika formiert sich eine immer breitere Front gegen die zwangsweise Immunisierung gegen gefährliche Krankheiten - trotz einer steigenden Zahl von Masern-Fällen. Mehr

23.02.2015, 15:25 Uhr | Gesellschaft
Kommentar Die Glotze auszuschalten ist nicht Aufgabe der Politik

Eltern dürfen beim Thema Medienkonsum ihrer Kinder die Verantwortung nicht auf den Staat abwälzen. Tun sie es dennoch, schaden sie ihrem Kind. Mehr Von Florentine Fritzen

19.07.2015, 14:28 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 31.07.2011, 21:07 Uhr

Schwieriger Rollenkonflikt

Von Rainer Schulze

Die Mietpreise sind Streitthema zwischen dem Frankfurter Wohnungsunternehmen ABG und dem Oberbürgermeister. ABG will die Miete moderat anheben, Feldmann den Preisstopp. Die ABG sollte nicht Opfer politischer Machtspiele werden. Mehr 1 0