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Männliche Prostituierte : Helfer in einer verstohlenen Welt

  • -Aktualisiert am

Einsatz auf der Straße: die Streetworker Marcello Kloss (links) und Mathias Weber im Bahnhofsviertel. Bild: Hannes Jung

Hunderte Männer prostituieren sich in Frankfurt. Viele Heterosexuelle sind unter den Strichern, Familienväter unter den Freiern. Die Streetworker des Kiss-Projekts versuchen beiden zu helfen. Ein Rundgang.

          „Sag mal, gehst du anschaffen?“, fragt Marcello Kloss den jungen Mann mit den dunklen Haaren leise. Der tritt von einem Fuß auf den anderen. Seine Arme sind mit großen Tätowierungen bedeckt, der Blick glasig, ihm steht Schweiß auf der Stirn. Er nickt unmerklich. „Du kannst bei uns im Zentrum Essen kriegen und tagsüber schlafen“, sagt Kloss und sucht in seiner Tasche nach einem Flyer. Zwischen all den fremdsprachigen Broschüren findet er die deutsche nicht sofort. Auch einen Packen roter und goldener Kondome drückt er dem Stricher in die Hand. „Willst du noch Gleitgel?“, fragt ihn Mathias Weber, Kloss’ Begleiter. Da grinst der junge Mann und zeigt seine gelben Zähne. „Klar gerne. Das ist immer so teuer.“ Er stopft die Sachen in seinen Jutebeutel und bewegt sich auf einen etwa 60 Jahre alten Mann zu, der vor dem Pornokino wartet.

          Marcello Kloss und Mathias Weber sind Streetworker. Sie arbeiten für die Kriseninterventionsstelle für Stricher, die kurz Kiss heißt. Schon seit mehr als 20 Jahren bietet sie männlichen Prostituierten eine Anlaufstelle in der Alten Gasse, nahe der Konstablerwache. Derzeit gibt es in der Main-Metropole 600 bis 800 Männer und Jungen, die anschaffen gehen. Knapp 90 Prozent der Kiss-Klienten sind Ausländer, die meisten kommen aus Osteuropa und Südamerika.

          „Ich hab schon einen entdeckt“

          Kiss ist für viele von ihnen ein Ort der Aufklärung, aber vor allem ein Schutz- und Ruheraum. Die Kriseninterventionsstelle bietet den oft obdachlosen Jugendlichen und Männern die Möglichkeit, sich tagsüber zumindest für ein paar Stunden in einem der acht Ruhebetten zu erholen, sich zu duschen, einen Happen zu essen oder mit einem Sozialarbeiter zu sprechen. Kiss soll außerdem zur Gewaltprävention beitragen. „Ich schätze, dass 90 Prozent unserer Klienten heterosexuell sind. Dass sie trotzdem mit Männern Geschlechtsverkehr haben, kann in ihnen starke Aggressionen schüren“, sagt Karin Fink, die Projektleiterin der Interventionsstelle. Sie und ihre Kollegen beraten aber nicht nur Stricher, sondern auch viele von deren Kunden. Einen „typischen Freier“ kann Fink nicht ausmachen. „Ich hatte schon einen Manager aus einer Bank hier sitzen, aber auch einen Hartz-IV-Empfänger“, sagt Fink.

          Auf ihrer wöchentlichen Tour durch das Frankfurter Bahnhofsviertel bleiben Weber und Kloss vor einem Pornokino an der Kaiserstraße stehen. „Ich hab schon einen entdeckt“, sagt Kloss und deutet mit einem leichten Kopfnicken hinter sich. Dort steht ein älterer Herr in hellblauem Hemd. „Ich geh mal rüber.“ Kloss nähert sich dem Freier und gibt ihm die Hand. Überrascht scheint der nicht zu sein. Weber beobachtet das Geschehen aus ein paar Metern Entfernung.

          Trotzdem ziehen sich viele Freier von der Straße und aus den Pornokinos zurück

          „Wir kennen den Mann. Er ist verheiratet, hat einen Sohn“, sagt Weber später. Eine Seltenheit sei das nicht. Vor allem am späten Nachmittag, wenn Weber und Kloss ihre Runde durch das Bahnhofsviertel machen, seien Herren wie der im hellblauen Hemd häufig anzutreffen. „Die kommen direkt nach Dienstschluss. Dann können sie zu Hause erzählen, dass sie länger gearbeitet haben“, sagt Kloss. Viel Betrieb sei auch immer sonntags nach oder während großer Fußballspiele: „Eine gute Ausrede.“

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