17.10.2010 · Stilettos in Größe 44, Perücken, Silikonbrüste und Schminktipps: In der Boutique „Transnormal“ gibt es alles für den Mann, der sich für ein paar Stunden in eine Frau verwandeln will.
Von David Klaubert, FrankfurtAls der ältere Herr den Laden betritt, steckt seine weibliche Seite noch in einer prall gefüllten Plastiktüte. Er trägt eine beige Outdoor-Jacke, darunter ein etwas zu weites, dunkelgrünes T-Shirt, weiße Turnschuhe und die grauen Haare praktisch kurz. Seine gutmütig-großväterlichen Gesichtszüge sind glatt rasiert. „Hallo Sandra“, begrüßt ihn Manuela Mock, die Inhaberin der Boutique „Transnormal“.
Das Licht in dem kleinen Laden ist gedämpft, und auch das Dröhnen des Verkehrs draußen am Baseler Platz dringt nur als monotones Brummen durch die dunkelblauen Vorhänge vor den Schaufenstern. Von einem Regal starren weiße Frauenköpfe mit Perücken, vom schwarzen Bubikopf bis zur blonden Lockenmähne, daneben hängen an Kleiderstangen Blusen und Spitzenunterwäsche. Die freien Wände sind zugeklebt mit Partyfotos, Zeitungsausschnitten und Pin-up-Girls – das Flair eines Teenager-Zimmers, vollgestopft wie ein Theaterfundus. Oben vom Regal aus beobachtet ein lebensgroßer Plüschtiger das Geschehen.
Männer in Frauenkleidern
„Willst du einen Kaffee, Sandra?“, fragt Manuela Mock und verschwindet in eine kleine Küche, an deren Tür „VIP-Lounge“ steht. „Gerne, mit Milch und ohne Zucker“, sagt der ältere Herr, legt seine Jacke ab und setzt sich breitbeinig auf ein rotes Samtsofa. Mock reicht ihm eine Leoparden-Tasse, am Rand pinkfarbene Lippenstiftspuren, und verschwindet wieder in der Küche. „Ich habe zwei neue Perücken mitgebracht, die würde ich dir gerne zeigen“, sagt der Mann und schlürft an seinem Kaffee. „Und vielleicht kannst du mir ein bisschen Typberatung geben.“
„Zieh doch mal das an, was dir gut gefällt, dann sehen wir schon“, ruft Mock, die an ihrem Laptop in der Küche E-Mails checkt. „Wieder nur Werbung für Barhocker und Viagra“, schimpft sie vor sich hin. „Das brauche ich doch beides nicht.“ Ihr schwarzes Kleid ist tief ausgeschnitten, sie trägt eine goldene Kette, goldene Ringe und goldene Ohrringe. Die wasserstoffblondierten Haare hat sie auftoupiert zu einem zwanzig Zentimeter hohen Hahnenkamm.
Geboren wurde Mock 1961 in Wiesbaden, als Tochter eines Schauspielers und Opernsängers. Schon früh hat es sie nach Frankfurt verschlagen, mit 15 Jahren zieht die Schülerin dort in eine Wohngemeinschaft, fasziniert von der großen, wilden Stadt. Sie nimmt Schauspielunterricht, bis sie am Abend ihres 16. Geburtstags im „Monsieur Petit“ landet, einem verruchten Laden nicht weit vom Bahnhof. An der Wand des Etablissements hängt ein riesiger Elchkopf, auf der Bühne tanzen und singen Frauen in schillernden Kleidern, mit Pelzen und Federboas. Die anrüchige Atmosphäre, die Bewegungen der Frauen, aufreizend und doch stilvoll, ziehen Mock in ihren Bann – erst recht, als sie erkennt, dass in den Frauenkleidern Männer stecken.
Eine einzige echte Frau unter Männern
Immer wieder kehrt die Schülerin von da an zum „Elch“ zurück, sammelt leere Flaschen, um von dem Pfand das Eintrittsgeld für das Travestie-Theater zu zahlen. Nach ein paar Wochen hilft sie zum ersten Mal hinter der Bar aus, dann bedient sie die Lichtanlage, übernimmt die Ansage der Künstler, und irgendwann steht sie selbst auf der Bühne, als falsche Marilyn Monroe, als einzige echte Frau unter Männern. Das Mädchen freundet sich mit den Travestie-Künstlern an, lernt von ihnen, sich professionell zu schminken und zu kleiden, und schaut sich von ihnen die damenhaft-eleganten Bewegungen ab. Transvestiten aus aller Welt treten damals im „Elch“ auf, es ist die letzte Hochphase der Travestie-Shows. Sechs Jahre lang arbeitet Mock dort, dann verdrängt das immer buntere und knalligere Fernsehen die Bühnenshows, viele der Travestie-Künstler sterben an Aids oder Drogen. Mitte der achtziger Jahre schließt der „Elch“.
Das Showbusiness lässt Mock aber nicht los: Einige Jahre lebt sie mit dem kanadischen Schauspieler Craig Russell zusammen, reist mit ihm um die Welt und arbeitet auch selbst vor der Kamera, meist in der Rolle des Paradiesvogels oder als verschrobene Barfrau wie in der Comedy-Serie „Queen’s Palace“.
Im Herbst 2001 dann, als sie am Baseler Platz zufällig einen unscheinbaren, kleinen Laden leer stehen sieht, besinnt sich Manuela Mock wieder auf das, was sie einst von den Travestie-Künstlern im „Elch“ gelernt hatte: Männer in Frauen zu verwandeln.
Viele der Kunden sind verheiratet und haben Familie
Nachdem alle Viagra- und Barhocker-Mails gelöscht sind, schreitet Mock von der Küche in ihr Schminkzimmerchen um die Ecke. Auch das ist vollgestopft wie ein begehbarer Kleiderschrank: Mäntel, Blusen, Kleider, Pelze, ein großer Spiegel mit Oberlichtern, ein Stuhl. Und mittendrin wartet schon der ältere Herr. Er trägt nun durchsichtige Strumpfhosen, einen glatten, schwarzen Rock, eine wild gemusterte Seidenbluse und darüber einen Blazer, der etwas zu weit an ihm herunterhängt. „Meinst du, dass das straßentauglich ist?“, fragt er und betrachtet sich im Spiegel. „Der Rock ist sehr festlich, eher was für abends“, sagt Mock. „Das stimmt. Mit Casual-Kleidung habe ich immer Probleme, ich habe eher Abendkleider.“ Der Mann beugt sich über seine Plastiktüte und zieht eine zweite, einfarbig rote Bluse heraus. Mock reicht ihm einen neuen Rock von der Kleiderstange, dazu eine Strickjacke und eine Korsage. „Wenn du die drunterziehst, hast du höchstens Größe 38.“ Sie legt ihm die Korsage um den Bauch, zerrt mit beiden Händen an den Schnüren und verknotet sie. Die falschen Silikonbrüste, eingelegt in den BH unter der Bluse, wirken jetzt noch größer.
Seit der Eröffnung des „Transnormal“ 2001 hat sich der Rundum-Service von Manuela Mock weit herumgesprochen. Aus ganz Deutschland kommen mittlerweile Männer in den kleinen Laden, um sich für ein paar Stunden in Frauen zu verwandeln. Transsexuelle, also Menschen, die sich im falschen Körper gefangen fühlen, gehören nicht zur Kundschaft. „Das ist eine ganz andere Abteilung, die verweise ich an eine Psychologin“, sagt Mock. Die meisten ihrer Kunden seien in einer Beziehung oder verheiratet, viele hätten Familie. „Meine Kunden wollen nur eine Auszeit von ihrem Alltag als Mann nehmen“, sagt Mock. „Sie wollen hier ihre weibliche Seite ausleben.“
Camouflage zum Überdecken der letzten Bartstoppeln
Der ältere Herr in Frauenkleidern setzt sich nun auf den Stuhl vor den Spiegel, und Manuela Mock öffnet ihren großen Schminkkoffer: hautfarbene Camouflage zum Überdecken der letzten Bartstoppeln, darüber ein bisschen Puder, Kajal passend zu den blau-grauen Augen, Lidschatten und künstliche Wimpern. Ein Blick in den Spiegel, kritisches Kopfwippen: „Diese Schlupflider – da hätte ich so gern andere.“ „Ach, die Lider kann man operieren, ich habe sie mir auch machen lassen“, sagt Mock. „Wir Frauen haben da ja ein ganz anderes Schmerzempfinden. Männer schreien viel mehr.“ „Ja, wenn die Männer Kinder kriegen müssten, gäb’s gar keine mehr“, sagt der ältere Herr schmunzelnd und lehnt sich wieder zurück. Rosafarbener Lippenstift, darüber etwas Gloss, die Finger spreizen für den roten Nagellack. Schließlich zieht er sich über die graue Stoppelfrisur eine blonde Perücke, schulterlang mit dunklen Strähnen – und die Verwandlung ist vollendet.
Wichtig sei ihm vor allem, möglichst wenig aufzufallen, möglichst authentisch wie eine Frau auszusehen, sagt der 65 Jahre alte Mann. Mit Sexualität oder Homosexualität habe dieser Wunsch nichts zu tun, manchmal fühle er sich als Frau einfach wohler. „Männer haben ja durch die Hormone eine feminine Seite – und die bricht manchmal durch.“ Schon als Junge in der Pubertät, als die Mädchen im Freibad ihre bunten Kleider auszogen, habe er immer wieder den Wunsch verspürt, eines davon anzuziehen. Ein paar Jahre später habe er dann Damenunterwäsche, Unterkleider und Röcke gekauft und heimlich in seinem Zimmer anprobiert. Und irgendwann habe er sich für sein weibliches Ich den Namen Sandra ausgesucht.
„Was hast du denn heute vor?“, fragt Manuela Mock und kämmt die blonde Perücke. „Wenn Tina kommt, gehe ich mit ihr ein bisschen am Main spazieren“, antwortet Sandra. Sie wedelt mit ihren frisch lackierten Fingernägeln in der Luft, dann greift sie in ihre Handtasche und nimmt eine goldene Armbanduhr und Ohrclips heraus.
„Bist du eine Tunte?“
Seiner Frau zu Hause in Wiesbaden, sagt der ältere Herr, habe er nichts von seinem Ausflug nach Frankfurt erzählt. „Sie denkt, ich mache mit meinem Wohnmobil Urlaub an der Nordsee.“ Vor der Hochzeit vor 22 Jahren habe er ihr gesagt, dass er Transvestit sei, Verständnis habe seine Frau dafür aber nie gehabt. „Bist du eine Tunte?“, habe sie einmal gesagt und mit der Scheidung gedroht. Seitdem sei das Thema tabu. Nur in seinem Kämmerchen unter dem Dach habe er sich danach manchmal Frauenkleider angezogen, vor die Tür habe er sich damit in den vergangenen 15 Jahren nicht getraut. „Jetzt habe ich aber lange genug gelitten“, sagt er. „Irgendwie ist das ja fast schon eine Sucht.“
Als es klingelt, öffnet Mock die Tür, und Tina huscht herein, ein etwa 40 Jahre alter Mann mit Kurzhaarschnitt und Geheimratsecken. „Schau mal, Tina, ich habe einen neuen Rock bekommen“, sagt Sandra stolz. „Da mache ich dir heute Konkurrenz.“ „Das steht dir wirklich gut“, sagt Tina und verschwindet im Schminkzimmer. Sandra setzt sich wieder auf das Sofa, mit geradem Rücken, die Beine eng übereinandergeschlagen.
„Wenn meine Frau das akzeptieren würde, hätte sie eine wunderbare Freundin“
„Wenn ich mich umziehe, mache ich peu à peu eine Verwandlung durch“, sagt Sandra. Sie sei dann jemand anderes und verhalte sich viel weiblicher. „Als Mann ist es mir wurstegal, was ich anziehe – als Frau stehe ich oft vor meinem vollen Kleiderschrank und finde einfach nichts Passendes.“ Sie unterhalte sich dann auch gerne und viel über Frauenthemen. „Wenn meine Frau das akzeptieren würde“, sagt Sandra, „hätte sie eine wunderbare Freundin.“
Als auch Tina geschminkt und umgezogen ist, im schwarzen Rock, dazu eine hellrosa Bluse und dunkelbraune, schulterlange Haare, wollen die beiden aufbrechen, um am Mainufer Erinnerungsfotos zu machen. Doch Sandra vermisst ihr Handy, sucht in den Taschen ihres Stoffjäckchens und wühlt in ihrer ledernen Bellini-Handtasche. Dann steht sie auf, stöckelt um die Ecke ins Schminkzimmer, zieht dort das Handy aus der beigen Outdoor-Jacke, die neben der leeren Plastiktüte liegt. Und sagt: „Ach, ich hatte schon ganz vergessen, dass ich als Mann gekommen bin.“
David Klaubert Jahrgang 1983, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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