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Mädchenorchester von Auschwitz : Das Cello rettete ihr Leben

Die Zeitzeugin: Die 1925 in Breslau als Tochter einer gutbürgerlichen jüdischen Familie geborene Anita Lasker geriet als junge Frau in das Mahlwerk des nationalsozialistischen Vernichtungsapparats. Bild: Marcus Kaufhold

Sie ist eine der letzten noch lebende Musikerinnen des Mädchenorchesters von Auschwitz. Lange konnte Anita Lasker nicht über ihr Schicksal sprechen. Doch jetzt erzählt die Sechsundachtzigjährige als Zeitzeugin ihre Geschichte.

          Im Mädchenorchester von Auschwitz hat sie das Cello gespielt. Dieses Instrument hat das Leben der Anita Lasker damals gerettet und später bestimmt. Als Cellistin im berühmten „English Chamber Orchestra“ ist die nach dem Krieg nach England ausgewanderte Breslauerin in vielen Ländern aufgetreten. Nur nicht in Deutschland. Gab das Orchester hierzulande ein Gastspiel, dann blieb Anita Lasker in London. Nie mehr, so hatte sie sich geschworen, werde sie einen Fuß auf deutschen Boden setzen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch längst hat Anita Lasker diesen Schwur gebrochen – auch jetzt wieder, als sie, eine hellwache und durchaus auch selbstironische Frau, im Frankfurter Ikonenmuseum auf Einladung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft die fast unglaubliche Geschichte ihres Überlebens erzählte. Seit im Jahr 1997 zuerst im Weidle-Verlag und 2000 bei Rowohlt unter dem Titel „Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz“ ihre Erinnerungen erschienen sind, hat die mittlerweile Sechsundachtzigjährige mehrfach als Zeitzeugin vor allem in Schulen von jener KZ-Welt berichtet, die nach ihren Worten nur jene richtig verstehen können, die sie erlebt haben.

          Es war ein seltsames Orchester aus Amateuren

          Das Cello war ihr Lebensretter. Genauer: Ihre Kunst, dieses Instrument zu spielen. Als Anita Lasker als neuer Häftling mit der frisch eintätowierten Nummer 69388 im Arm nach der Einlieferung im Lager Auschwitz eine Mitgefangene auch noch den Kopf kahl schor, kam sie mit dieser ins Gespräch – und erzählte unter anderem, dass sie Cello spiele. So wurde Alma Rosé, die Leiterin des Mädchenorchesters von Auschwitz auf die Neue aufmerksam. Sie, die musikalisch hochbegabte Nichte Gustav Mahlers, nahm Anita Lasker in ihren Klangkörper auf. Von nun an spielte diese mit den anderen Musikerinnen auf, wenn Trupps von Häftlingen zur Arbeit aus dem Lager geführt wurden oder dorthin zurückkamen.

          Es war ein seltsames Orchester aus Amateuren, das da den Todgeweihten Töne aus einer früheren, glücklicheren Zeit ans Ohr brachte. Zwei der Mädchen spielten Gitarre, eines blies die Blockflöte, ein anderes musizierte auf dem Akkordeon. Mit Geigerinnen war das Orchester mehrfach bestückt, doch nur drei der Mädchen beherrschten dieses Instrument auch halbwegs. Für eine solche zusammengestoppelte Besetzung gab es natürlich keine Stücke. Darum schrieb Alma Rosé Klavierauszüge von Operetten oder populäre Schlager etwa von Zara Leander für ihr Orchester um. Die KZ-Oberen und die Wachmannschaften mochten am liebsten Märsche.

          Auch in der Familie wurde nicht darüber gesprochen

          Das Mädchenorchester von Auschwitz, so hat Anita Lasker später erfahren, war nicht das einzige KZ-Orchester. In Auschwitz gab es zeitweise bis zu fünf Männerorchester, die fast ausschließlich mit Berufsmusikern besetzt waren. Auch in anderen Lagern bildete Musik und Singen einen festen Bestandteil des Alltags. Sogar im Vernichtungslager Treblinka erklangen Orchestertöne. Dort hatte der Lagerleiter Kurt Franz den polnischen Jazzmusiker Artur Gold vor den Gaskammern aussortiert und ihn gezwungen, ein Orchester zu bilden. In Buchenwald, in Dachau, in Mauthausen und vielen anderen Konzentrationslagern wurden Lagerorchester zusammengestellt, und die Musiker versuchten nach Kräften, die Häftlinge in ihrem Elend zu trösten.

          Wie so viele KZ-Überlebende hat auch Anita Lasker lange nicht über ihr Schicksal gesprochen. Auch nicht in der Familie. „Es war bei uns kein Gesprächsthema“, sagte sie jetzt auch im Ikonenmuseum. Doch dann habe sie sich hingesetzt und nach und nach für ihre Kinder ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Jene an ihren Vater, einen Rechtsanwalt und Notar mit Eisernem Kreuz aus dem Ersten Weltkrieg, der nicht glauben mochte, dass auch er bedroht war. Jene an seinen vergeblichen Versuchen, nach der ältesten Tochter auch noch die beiden anderen im Ausland in Sicherheit zu bringen. Die Erinnerungen an die Deportation der Eltern am 9. April 1942. An ihre und ihrer Schwester Renate Arbeit in einer Papierfabrik. An die Fälscherwerkstatt, welche die beiden jungen Frauen aufzogen, um den französischen Kriegsgefangenen Urlaubspapiere zu verschaffen. An ihre Verhaftung und Verurteilung zu 18 Monaten Gefängnis beziehungsweise dreieinhalb Jahre Zuchthaus für Renate. Und an die Deportation nach Auschwitz.

          Gestank brennender Leichen, Rauch, Hunger, Geschrei

          Im Nachhinein stellte sich diese Gefängnisstrafe übrigens als Glücksfall heraus. Denn so kam Anita Lasker nicht mit einem Massentransport in Auschwitz an, sondern mit einem kleinen Gefängnistransport. Weil solche Gefangenen als „Karteihäftlinge“ galten, die womöglich noch als Zeugen gebraucht wurden, verzichtete man bei ihnen auf die übliche Selektion auf der Rampe.

          Gestank brennender Leichen, Rauch, Hunger, Geschrei. Diese Eindrücke haben sich am tiefsten in Anita Laskers Gedächnis eingegraben. In Bergen-Belsen, wo sie am Ende ihres Leidensweges gelandet war, stank es nicht nach brennenden, sondern unbeschreiblich nach verwesenden Leichen. Dort wurden sie und ihre Schwester Renate am 15. April 1945 von englischen Soldaten befreit. „Zum Jubeln hatten wir keine Kraft.

          Die richtigen Lehren ziehen

          Bergen-Belsen war auch der Grund dafür, dass sie schließlich ihren Schwur bracht, Deutschland auf ewig zu meiden: Als ihr englisches Kammerorchester eines Tages ein Engagement in Celle wahrnehmen sollte, fuhr sie mit, weil sie das in der Nähe liegende KZ Bergen-Belsen noch einmal sehen wollte. Im ehemaligen KZ traf sie den Historiker Thomas Rahe, heute wissenschaftlicher Leiter dort, der gerade an den Plänen für eine richtige Gedenkstätte arbeitete. „Wir suchen Leute wie Sie“, sagte er zu der Frau, die dort eine ihrer Höllen erlebt hatte.

          Anita Lasker ließ sich überzeugen. Seither hasst sie nicht mehr von London aus die Deutschen, sondern versucht mit ihrem Zeugnis die Deutschen dazu zu bewegen, ihre Vergangenheit nicht zu vergessen und aus ihr die richtigen Lehren zu ziehen.

          Quelle: F.A.Z.

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