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Luftgitarre-Meisterschaften Rocken, toben, dilettieren

07.05.2006 ·  Die hessischen Luftgitarre-Meisterschaften sind kein Novum mehr. Wer hier bestehen will, muß ausreichend unter Strom stehen und seine bürgerliche Herkunft verleugnen. Der Sieger heißt folgerichtig „Mr. 10.000 Volt“.

Von Thomas Thiel
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Es muß gesagt werden, daß jetzt, wenige Wochen vor dem großen Finale in Berlin, noch einiges im argen liegt. Die Abstimmung klappt nicht, die Zuordnung stimmt nicht - und die athletischen Defizite sind unübersehbar. Ginge es nur um Fußball, wäre das alles nicht so schlimm. Es geht aber um das Finale der deutschen Luftgitarrenmeisterschaft am 29. Juli in der Hauptstadt und um die hessischen Luftgitarrenmeisterschaften in Frankfurt, die Schau- und Warmlaufen für dieses Finale waren.

Dem hessischen Luftgitarrenwesen, obwohl dieses Jahr schon zum zweiten Mal in Form einer offiziellen Meisterschaft erscheinend, haftet immer noch der Ruch des Spleenigen und Ausgeflippten an. Wer sich am Tag nach der Meisterschaft in ein Frankfurter Straßencafe setzt und vom Nachbartisch herüberwehende Gesprächsfetzen nicht ignorieren mag, muß Äußerungen dieser Art vernehmen: „Was steht denn so in der Zeitung über diese komische Luftgitarrenmeisterschaft?“ - „Na, irgendein Kulturschmarrn wird denen schon eingefallen sein.“

Aufrechter Gesinnungsrock

Also: Die hessischen Luftgitarren-Virtuosen tummeln sich noch im Vorhof des künstlerischen Anspruchs. Das schmerzt, ist aber festzuhalten. Zweite Erkenntnis: Anders als die Politik und der Fußball ist die Luftgitarrenszene kein streng kodierter Kreis von Eingeweihten und steht spontanen Seiteneinsteigern offen. Der sympathisch-weltoffene Ansatz, das Landes-Championat zur offenen Meisterschaft zu erklären, muß jedoch als gescheitert gelten.

Die Gäste aus der Pfalz - unter den Künstlernamen „Der Sperminator“ und „Don Cunacco“ angetreten - erwiesen sich bei ihrem Auftritt nicht als würdige Botschafter ihres Landes. Der Glaube, ihre an Deutlichkeit nichts zu Wünschen übrigen lassenden Hobbys („Figge“ und „Schlafe“) seien auf der Bühne weiterer gestikulatorischer Untermalung bedürftig, fand nicht das Gefallen des Publikums. Das genuin Hessische konnte mehr überzeugen.

Was über jene Leute zu sagen wäre, die einen frühen Samstagmorgen von Mitternacht bis drei Uhr dem Betrachten von Luftgitarrenspielern reservieren: Sie haben eine Neigung zum Unverfälschten, Ehrlichen, Groben - aufrechter Gesinnungsrock liegt ihnen eher als poparistokratische Hornbrillenattitüde, AC/DC und Motörhead eher als Blur und Pulp. Vor allem aber nehmen sie sich nicht allzu ernst, was dem Ereignis jegliche Verkrampfung nimmt.

Sexismus als rhetorisches Großkampfmittel

Im rauchigen Halbdunkel des Club O25 müssen sich zehn Interpreten und fünf Juroren eine enge Bühne teilen. Angesichts ihrer offensichtlichen Deplazierung im Bühnenhintergrund ziert sich die Jury nicht, hintausgestreckte Körperteile („Der Arsch ist ein Knaller!“) zum Maßstab objektiver Kritik zu machen. Sexismus ist ohnehin rhetorisches Großkampfmittel. Und man merkt den Juroren an, daß sie an diesem Abend gern stärker im Mittelpunkt gestanden hätten als die Teilnehmer selbst.

Den Teilnehmern, zumeist noch ungeschliffenen Rohdiamanten, die einem spontanen Geniegedanken huldigen, bereitet es unverkennbare Schwierigkeiten, Hüftschwung und Griffhandakrobatik zu einem homogenen Bewegungsmuster zu koordinieren. Nur einem nicht: „Mr. 10.000 Volt“, dem für die Belange der Meisterschaft eigens aus Barcelona angereisten Frankfurter, der lammfellbedeckt über die Bühne fiebert und es mit artistisch verrengten Gliedmaßen einfach nur toben läßt.

Spontane Liebeserklärung

Im finalen Stechen sieht Herr Volt sich der 18 Jahre alten „Meta Paffay“ gegenüber - bürgerliche Namen tun an diesem Abend nichts zur Sache -, die seinem Bewegungswirbel ein natürliches Charisma entgegensetzt. Sie kann so schön ihren Kopf in den Nacken werfen, und als ihr unter wild wirbelnder Haarmähne kaum noch sichtbarer Mund ein verwegenes Lächeln andeutet, läßt sich selbst der dem Maßstab unvoreingenommener Kritik verpflichtete Juror Chong zu einer spontanen Liebeserklärung hinreißen.

Doch: Es nützt ihr nichts. Am Ende bewahrheitet sich wieder einmal das ungeschriebene Gesetz geschlechtsneutraler Hitparaden, wonach Frauen regelmäßig das Finale erreichen, dort aber ebenso regelmäßig ihren männlichen Kollegen unterliegen. „Mr. 10.000 Volt“ wird also in Berlin die hessischen Farben vertreten - und vielleicht auch zum Leuchten bringen. Das Erreichen einer sogenannten achtbaren Plazierung soll dort nach einstimmigem Jury-Urteil eine vernünftige Zielvorgabe sein.

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