Den Unterschied bemerkt man in der Straßenbahn. In Frankfurt steigen am ersten Buchmessentag vor dem Hauptbahnhof lauter Fachbesucher ein, am Leipziger Bahnhofsgebäude drängen Schulklassen in den Waggon. Geduldig überstehen sie die Fahrt zum Messegelände weit außerhalb des Zentrums, in den Messehallen stellen sie einen großen Teil des Publikums. Auch sonst ist auf der Frühjahrsbücherschau in Leipzig manches anders als im Herbst am Main. Den Mitarbeitern der Frankfurter Verlage gefällt das. Ihre Zuneigung für die Messehallen auf der grünen Wiese ist begrenzt, aber von der Messe selbst hält man an den Ständen der Verlage viel.
Oliver Vogel, Programmleiter für deutschsprachige Literatur bei S. Fischer, schätzt Leipzig, weil es so entspannt ist. In Frankfurt sei jeder Messetag mit geschäftlichen Terminen durchgetaktet, in Leipzig gebe es Zeit für Gespräche mit Kollegen und einen Kaffee zwischendurch. Wie alle Verlage ist Fischer aus Frankfurt nur mit der Hälfte der Mitarbeiter angereist, die im Herbst auf der größten Bücherschau der Welt in den Frankfurter Messehallen zum Einsatz kommen. Auch die Stände sind in Leipzig kleiner als dort. Fischer hat seine Stand-Architektur aus edlem Holz gleich ganz zu Hause gelassen und beschränkt sich wie Eichborn, Schöffling, Stroemfeld, Weissbooks und die Frankfurter Verlagsanstalt auf Bücherbretter vor weißen Stellwänden.
Enormer Aufmerksamkeitsschub
Trotz des geringeren Aufwands ist Leipzig, die gemächliche Messe für Leser, gut für das Geschäft. Uwe Rosenfeld, Geschäftsführer des Fischer Verlags, weist auf den enormen Aufmerksamkeitsschub hin, den Leipzig jedes Frühjahr für die Literaturprogramme der Verlage bedeute, schon in den Wochen vor der Messe, erst recht während der Messetage. Auch Klaus Schöffling, Leiter des Verlags Schöffling & Co., sieht Leipzig als einmalige Chance, Publikum und Autoren zusammenzubringen. Sein Verlag nutze nicht jede Gelegenheit dieser Art. Neben Leipzig gebe es Messen wie Basel und Wien, die in den vergangenen Jahren an Profil gewonnen hätten. „Auf die gehen wir nicht.“
Bei 2150 Ausstellern aus 36 Ländern kann Leipzig sich nicht mit den 7000 Ausstellern aus knapp 170 Ländern messen, die zur Frankfurter Buchmesse kommen. Stark vertreten sind in Leipzig noch immer Verlage aus Osteuropa, ein Handel mit Rechten und Lizenzen wird trotzdem kaum getätigt. Der Eichborn Verlag, an der Kaiserstraße bis auf weiteres Schöfflings Nachbar, hat seine Lizenzabteilung wie fast alle Frankfurter Verlage daher gleich ganz zu Hause gelassen. Wer nach Leipzig mitgereist ist, genießt es dafür, abends nicht nach Hause in die eigene Wohnung zu fahren, sondern im Hotel noch miteinander zu reden. Es sei eine Art Klassenausflug, sagt eine Verlagsmitarbeiterin.
Frankfurts Nachteil: „Es ergeben sich dort keine Zufallskontakte“
Nach einem gemeinsamen Urlaub des Frankfurter Literaturbetriebs sieht es in Leipzig während der Messetage tatsächlich aus. Viele Gäste vom Main treffen sich zur Überreichung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik, den das „Börsenblatt“ aus Frankfurt als Fachmagazin der Buchbranche jedes Jahr in Leipzig vergibt. Dieses Jahr geht die Auszeichnung an die Frankfurter Literaturkritikerin Ina Hartwig, der Leipziger Autor Clemens Meyer hält ihr die Laudatio, unter den Zuhörern ist neben Klaus Schöffling auch Joachim Unseld, Chef der Frankfurter Verlagsanstalt. Auch Hauke Hückstädt, Leiter des Frankfurter Literaturhauses, und Harry Oberländer, sein Kollege vom Hessischen Literaturforum, sind auf der Messe zu sehen.
Neben dem „Berliner Zimmer“ der kleinen Verlage, in dem die Preisverleihung stattfindet, befindet sich der Stand des angesehenen Wiesbadener Lyrikverlags Luxbooks. Sein Leiter Christian Lux hat sich im vorigen Herbst zum ersten Mal einen Stand auf der Frankfurter Buchmesse geleistet. Das soll auch in diesem und den nächsten Jahren so bleiben. Trotzdem gäbe Lux, wenn er wählen müsste, eher den Stand in Frankfurt auf und beließe es bei dem in Leipzig. Frankfurts Nachteil: „Es ergeben sich dort keine Zufallskontakte.“
In Leipzig ist nicht alles Champagner und in Frankfurt nicht alles nur Selters
Das ist in Leipzig anders, auch am Stand der Sozialistischen Verlagsauslieferung. Das Frankfurter Unternehmen präsentiert in Leipzig 15 Kleinverlage, deren Titel es vertreibt, die sich einen eigenen Stand aber nicht leisten können. Victoria Knopp, die den Messeauftritt der Auslieferung organisiert hat, sieht in der leidenschaftlichen Bindung des Leipziger Publikums an seine Buchmesse den größten Unterschied zu Frankfurt. Wenn man schon als Schüler über die Messe gejagt werde, sei man den Umgang mit Büchern gewohnt. „Die Leute kommen vom ersten Tag an zu uns an den Stand, weil sie es schon vor zwanzig Jahren so gemacht haben.“
Vor dem literaturgewohnten Publikum von „Leipzig liest“ schlägt Frankfurt sich wacker. Das Programm des erfolgreichen Lesefests, das dieses Jahr zum zwanzigsten Mal stattfindet, hat sich inzwischen Ableger wie „Halle liest mit“ zugelegt. Allerdings ist auch in Leipzig nicht alles Champagner und in Frankfurt nicht alles nur Selters. Das fängt bei der Zahl der Veranstaltungen an: Zum morgendlichen Auftakt des Programms sitzt Wolfgang Herles auf dem aus Frankfurt sattsam bekannten „Blauen Sofa“ und lässt sich von Cora Stephan erzählen, weshalb sie von der Bundeskanzlerin enttäuscht ist. Wie alle Lesungen auf dem Messegelände zählt ihr Gespräch zu den mehr als 2000 Veranstaltungen, die im Terminverzeichnis von Europas angeblich größtem Lesefest enthalten sind.
„Lesenacht“ hat ihre Tücken
Zählt man auf diese Weise, steht Frankfurt allerdings weit besser da als Leipzig. Allein die rund 2500 literarischen Veranstaltungen auf dem Frankfurter Messegelände, an die Buchmessendirektor Juergen Boos kürzlich erinnerte, liegen über dem Angebot der Frühjahrskonkurrenz. Die vom Kulturamt organisierten Lesungen des Frankfurter Lesefests „Open Books“ sind da noch gar nicht mitgerechnet.
Feststellen lässt sich außerdem, dass Leipzig Frankfurt als Veranstaltungsort hinterherhinkt. Büchnerpreisträger Reiner Kunze, der sein neues Kinderbuch „Was macht die Biene auf dem Meer?“ außerhalb des Leipziger Stadtzentrums im Gohliser Schlösschen präsentiert, war in Frankfurt schon vor einigen Tagen zu Gast. Auch die junge Debütantin Katharina Hartwell, die ihr erstes Buch bei der „Langen Leipziger Lesenacht“ in der Moritzbastei präsentieren darf, hat es im Hessischen Literaturforum schon im Februar vorgestellt.
Angenehme Auszeit vom wahren Geschäft
Ohnehin hat die noch immer sehr populäre „Lesenacht“ ihre Tücken. Zum Abschluss lesen Stefanie Sourlier, Autorin der Frankfurter Verlagsanstalt, und Silke Scheuermann, die ihren bei Schöffling erschienenen neuen Roman vorstellt. Die knappe halbe Stunde, die das Format ihnen zuweist, macht ihre Lesungen zum Häppchenbüffet. Immerhin ist es voll, was sich nicht von jeder Veranstaltung sagen lässt. Bei mehreren Frankfurter Verlagen ist zu hören, dass man Termine bei „Leipzig liest“ sorgfältig planen müsse. Uwe Rosenfeld drückt es so aus: Nicht jeder Autor finde an jedem Ort das Publikum, das man ihm wünschen würde.
Ines Thorn hat dieses Problem nicht. Die Frankfurter Bestsellerautorin tritt im Stadtteil Böhlitz-Ehrenberg auf, 29 Straßenbahnminuten vom Hauptbahnhof entfernt. 40 Zuhörer wollen mehr über ihren historischen Roman „Das Mädchen mit den Teufelsaugen“ und das abenteuerliche Leben von Frankfurter Frauen der frühen Neuzeit wissen. Am nächsten Tag folgt eine ausverkaufte Lesung in einer Buchhandlung der Leipziger Innenstadt. Das sei in Großstädten wie Frankfurt mit ihrem großen Kulturangebot sonst kaum der Fall, sagt Thorn. „So was schaffe ich in Orten wie Linsengericht.“ Leipzig ist für sie ein Heimspiel – sie ist hier geboren. Aber auch für die meisten anderen Frankfurter Gäste sind die Tage in Sachsen eine angenehme Auszeit vom wahren Geschäft.

