Der konfessionslose Bühnenbildner ist bei seiner Suche nach Gott auf ihn gestoßen und schätzt seine einfache, aber eindringliche Sprache. Die christliche Psychotherapeutin ist einfach neugierig, und eine andere Frau lobt ihn überschwenglich als "einen unglaublich weisen Mann": Pater Anselm Grün. Wenn er kommt, sind Säle und Kirchen voll. 600 Menschen haben ihm am Montag abend fast eineinhalb Stunden in der überfüllten Josefskirche in Bornheim zugehört. 600 Menschen, junge wie alte, die von dem Gottesmann wissen wollen, "wie das Leben gelingt". Manche lauschen dem Benediktiner aus der Abtei Münsterschwarzach mit geschlossenen Augen, andere schreiben mit. Am Schluß warten viele geduldig in einer langen Schlange, bis der Pater Bücher signiert, die sie in der Kirche gekauft haben. Die Paulusschwestern aus der benachbarten Buchhandlung machen ein gutes Geschäft an diesem Abend.
"Manche sagen, sie spüren, daß ich mit meinem Herzen dabei bin, wenn ich Vorträge halte, und nicht bloß eine Theorie verkünde", wird Pater Anselm später in mönchischer Bescheidenheit auf die Frage antworten, warum ihm so viele zuhören, seine zahlreichen Bücher lesen. Mut machen möchte er, wie er sagt. "Mit einer menschenfreundlichen Theologie." Vielleicht ist dies das Geheimnis seines Erfolgs, denn im Urteil vieler Menschen ist nicht unbedingt jeder Kirchenmann mit diesem Charisma gesegnet. Um den Menschen in der Bornheimer Josefskirche Mut zu machen, braucht er nicht mehr als eine kleine Bibel. Aus ihr liest er hin und wieder Gleichnisse Jesu vor und legt sie aus. Da sieht er in der scharfen Verurteilung jenes Mannes, der aus Angst vor seinem strengen Herrn das ihm anvertraute Geldstück vergräbt, statt es gewinnbringend zu nutzen, die Warnung vor einer falschen Gottesvorstellung und krankhaftem Sicherheitsdenken.
Da werden aus Soldaten, von denen Jesus ein anderes Mal spricht, "innere Feinde wie Fehler, Angst, Süchte oder Empfindlichkeiten". Verbissen gegen sie zu kämpfen nütze nichts, meint der Pater. Damit verschleudere man nur Energie. "Verhandeln Sie mit Ihrer Angst", sagt er im Gefolge Jesu, der im Gleichnis riet, auf den viel stärkeren Feind zuzugehen, statt gegen ihn zu kämpfen. So würden aus Gefühlen, die vermeintlich Feinde seien, Freunde.
Immer wieder empfiehlt der Pater, Gefühle nicht zu verdrängen, sondern sie "zu befragen". Zum Beispiel auch den Haß, denn auch er berge wichtige Impulse, die fruchtbar gemacht werden könnten. Sich den "Schatten" des Lebens zu stellen und seinen "Banalitäten" bedeute, sie von Gott verwandeln lassen zu können. Genauso wie die trüben Quellen, aus denen viele lebten, dem Ehrgeiz, der Arbeitssucht oder dem Versuch, es immer allen recht machen zu wollen. Das seien "kranke Lebensmuster". Lebensfördernd hingegen sei ein Vertrauen in Gott, das den Menschen frei mache und zu einem neuen, unverkrampften Verhalten führe, das "nicht blind ist für die Herausforderungen des Augenblicks".
Daß Menschen wie die Frau aus dem Publikum ihn für weise halten und in ihm einen wichtigen Lehrer sehen, erstaunt ihn nicht sonderlich. Er scheint diese Art der Bewunderung aus seinen vielen Vortragsreisen zu kennen. "Aber wissen Sie, ich predige immer auch mir selbst", sagt er nach seinem Vortrag - ohne mit seiner eigenen Unzulänglichkeit angeben zu wollen. Denn er weiß auch, woran man falsche Spiritualität erkennt: an der Überheblichkeit. stefan toepfer

