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Kultur Kunststadt

18.01.2007 ·  Frankfurt steht, was das kulturelle Angebot angeht, vergleichbaren Städten und selbst Berlin in nichts nach. Der Kulturpolitik freilich mangelt es seit längerem an Perspektiven.

Von Michael Hierholzer
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Nach wie vor hat Frankfurt, die Stadtstaaten ausgenommen, den höchsten Kulturetat aller deutschen Städte. Etwa eine viertel Milliarde Euro lässt sich die kleinste Metropole der Welt ihre Theater, Museen, Ausstellungshallen, Konzerthäuser, Literaturfestivals, freien Initiativen, aber auch die Förderung der Probemöglichkeiten für Rockmusiker und die Unterstützung vieler anderer kultureller Unternehmungen kosten.

Die Zahlen sind allerdings nur bedingt vergleichbar: So wird etwa Münchens Kultur zu einem Großteil vom Freistaat alimentiert, während Hessen trotz immer wieder erhobener Forderungen nach höheren Landeszuschüssen seine heimliche Hauptstadt südlich liegen lässt – das nordhessische Kassel hat es da bei weitem besser.

Frankfurt stemmt seit Jahrzehnten seine Kultur im Wesentlichen allein. Der Kulturpolitik ist jedoch schon länger der Elan abhandengekommen. Nicht nur in Frankfurt. Nur fiel es hier besonders auf, weil in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Säkulums die Entwicklung der Stadt mit den Mitteln der Kultur in Riesenschritten vorangegangen war und landauf, landab bewundert wurde.

Frankfurt fehlen Ausstellungsflächen

Seit der Fast-Vollendung des Museumsufers – das Museum der Weltkulturen wartet bis heute auf einen Neubau – und der Eröffnung des Museums für Moderne Kunst 1991 sind freilich keine auch nur ansatzweise vergleichbaren Großprojekte in Angriff genommen worden. Dabei hat beispielsweise Christoph Stölzl jüngst in seinem von der Landesregierung in Auftrag gegebenen Gutachten in aller Deutlichkeit festgestellt, dass Frankfurt zwar die einzigen international ausstrahlenden Institutionen im Rhein-Main-Gebiet besitzt, diese aber keineswegs ausreichen, wenn sich die Region mit anderen europäischen Großräumen vergleichen will. Dafür fehlen Frankfurt zum Beispiel Ausstellungsflächen. Im Zusammenhang mit der Altstadt-Diskussion aber hat die Idee kaum eine Chance, solche auf dem Areal, um das es geht, zu schaffen – und sei es hinter mittelalterlichen Fassaden.

Die Stadtpolitiker halten sich überhaupt sehr bedeckt, wenn es um Museumsneubauten, Theaterfestivals oder Ähnliches geht, was der Stadt und damit auch dem Rhein-Main-Gebiet einen Wettbewerbsvorteil in der sich verschärfenden Konkurrenz der Städte und Regionen verschaffen könnte. Beim Historischen Museum und beim Museum der Weltkulturen scheint sich jetzt immerhin etwas zu bewegen: Wenn es gerade im Fall des Ethnologischen Museums zu einer großzügigen Lösung käme, also zu einem architektonisch einzigartigen Gebäude mit allen multimedialen Schikanen zwecks Vermittlung, ginge gewiss ein Ruck durch die Stadt, der auch in anderen Weltgegenden zu spüren wäre.

Der Museumsneubau könnte mit den Mitteln des geplanten regionalen Kulturfonds angeschoben werden. Mit den für regionale Projekte wahrscheinlich zur Verfügung stehenden Mitteln ließe sich ohnehin kaum mehr ausrichten. Um eine Marke Rhein-Main europa- oder gar weltweit zu etablieren, bedarf es ganz anderer Größenordnungen. Bilbao hat es vorgemacht: Dank des von Frank Gehry geplanten Guggenheim-Museums hat die sonst relativ gesichtslose baskische Großstadt einen ungeahnten Aufschwung erlebt.

Das Geld ist knapp

Frankfurt bringt immer noch den Löwenanteil für die Kultur auf. Aber seit einigen Jahren ist eine Verschiebung der Verantwortlichkeiten zu beobachten. Dies hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass seit nunmehr 15 Jahren das Geld knapp ist – Anfang der neunziger Jahre der Grund, weshalb in der Frankfurter Kultur Turbulenzen einsetzten, die den Ruf der Stadt als kulturelles Vorzeigemodell nachhaltig beeinträchtigt haben. Schon damals setzten die Debatten über neue Finanzierungsmöglichkeiten und effizientere Organisationsformen für die Kultureinrichtungen ein.

Nach endlosen Diskussionen und harten innerbetrieblichen Auseinandersetzungen sind die Städtischen Bühnen mittlerweile eine GmbH. Und trotz nicht verstummender Kritik am Sponsoring ist es mittlerweile selbstverständlich geworden, Projekte, aber zunehmend auch Institutionen von Firmen fördern zu lassen. In beiden Fällen hat die Kulturpolitik Kompetenzen abgegeben oder teilt sie mit anderen Beteiligten.

Die Verbindung zwischen den kulturellen Institutionen und der Stadt ist lockerer geworden. Museen und Theater werden nicht mehr am kameralistischen Gängelband geführt, ihre Direktoren und Geschäftsführer haben an Autonomie gewonnen. Das Kulturdezernat hat mit der Rechtsformänderung den unmittelbaren Zugriff auf Oper und Schauspiel verloren. Aufsichtsratsvorsitzende der Bühnen-GmbH ist die Oberbürgermeisterin.

Ein Ballett kann sich die Stadt nicht leisten

Die Rufe nach mehr Geld aus dem Stadtsäckel sind weitgehend verstummt: Stattdessen suchen die Kulturverantwortlichen zumeist mit Erfolg nach Mäzenen und vor allem nach Sponsoren, um Lücken bei der Finanzierung ihrer Vorhaben zu schließen. Dass die nichtöffentlichen Förderer des kulturellen Lebens Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung hätten, bestreiten die Institutsleiter vehement. Nicht zu leugnen freilich ist, dass sich Drittmittel für bestimmte Kunstsparten leichter einwerben lassen als für andere.

Das Sprechtheater etwa muss darauf so gut wie ganz verzichten: Die Vorbehalte der Firmen sind in diesem Fall zu groß, zu unberechenbar erscheint den Unternehmen das Bühnenwesen mit seinen Zuspitzungen. Dass das vom Magistrat abgeschaffte TAT keine Paten in hier ansässigen Unternehmen gefunden hat, spricht in diesem Zusammenhang Bände, obwohl gerade dieses Theater wie kein anderes für die frankfurtspezifische Tradition der Moderne stand. Eine Großstadt vom Rang Frankfurts ohne Ballett: Auch dies ist und bleibt eine bittere Tatsache.

Das kulturelle Frankfurt hat inzwischen vor allem auf dem Gebiet der bildenden Kunst, aber auch der kulturhistorischen Ausstellungen Renommee zurückgewonnen. Die Arbeit von Max Hollein kann als exemplarisch gelten: Ohne Berührungsängste balanciert der Schirn-Direktor, der seit einem Jahr auch das altehrwürdige Städel und das Liebieghaus, Frankfurts Museum alter Plastik, leitet, zwischen Geldgebern, künstlerischem Anspruch, wissenschaftlicher Akribie und Publikumswirksamkeit. Hollein steht für den neuen Typus des Kulturmanagers, der ein Faible für Marketing hat und die reichlich unterschiedlichen Sprachen von Kultur und Wirtschaft gleichermaßen beherrscht. Wo sonst, wenn nicht in Frankfurt, sollte es gelingen, die eine in die andere zu übersetzen.

Die Interviews von Franz Frey (SPD) und Petra Roth (CDU) zum Thema „Kultur“ lesen sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung/ Rhein-Main-Zeitung.

Quelle: F.A.Z., 19.01.2007
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