09.12.2008 · Michael Quast setzt nicht länger auf eine Lösung im Streit um das Volkstheater Frankfurt. Zusammen mit Freunden gründet er die „Fliegende Volksbühne Frankfurt“.
Von Florian BalkeEr wollte nicht länger warten. Michael Quast hält die Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Volkstheater Frankfurt für unlösbar und setzt nicht mehr auf Vermittlungsversuche durch die Stadt. Um seine Pläne für ein zeitgenössisches Volkstheater zumindest zum Teil verwirklichen zu können, hat er mit Freunden und Förderern ein eigenes Theater gegründet. Noch ist die „Fliegende Volksbühne Frankfurt“, deren Pläne er gestern im Stoltzemuseum der Frankfurter Sparkasse vorstellte, nicht mehr als ein Verein ohne feste Spielstätte und kontinuierliches Programm, der Spenden einwerben und Kulturfördergelder beantragen kann. Wenn jedoch alles nach Plan geht, wird das auf Quasts Person, Ideen, Vorhaben und Bühnenpartnerschaften zugeschnittene Projekt die Diskussion um die Zukunft des Volkstheaters in Frankfurt von nun an wesentlich beeinflussen.
Quast weiß, dass sich Volkstheater-Prinzipalin Gisela Dahlem-Christ und ihre Schwester Bärbel Christ-Heß durch die Ereignisse der vergangenen Wochen „in die Ecke gedrängt fühlen“. Er sagt, der Versuch vieler Medien, ein glückliches Ende der Geschichte herbeizuschreiben, sei ihm sehr sympathisch gewesen. „Leider kommt es dazu nicht. Die Signale, die ich empfange, deuten auch nicht darauf hin, dass sich da noch was tut.“ Um seinen Ideen für ein modernes und lebendiges Volkstheater trotzdem eine Form zu geben, habe er sich in den vergangenen Wochen zur Gründung der „Fliegenden Volksbühne Frankfurt“ entschlossen. „Dies Theater flattert ab jetzt durch die Stadt, wo es der Frage nachgeht, was Volkstheater sein könnte.“
Party zu Schillers 250. Geburtstag
Nun sucht Quast „Landeplätze“. Obwohl er für die nahe Zukunft nur kleinere Veranstaltungen plant, hat er als Partner für die Zukunft Frankfurts große Häuser im Auge. Mit Opernintendant Bernd Loebe hat er Gespräche zu einem Jacques-Offenbach-Projekt geführt, mit dem Ensemble Modern soll es ebenso eine Zusammenarbeit geben wie mit Oliver Reese, dem designierten Nachfolger von Schauspielintendantin Elisabeth Schweeger. Geplant sind darüber hinaus die regulären Sommertermine von „Barock am Main“, eine Molière-Aufführung zum Turnfest im Juni, eine Fortsetzung des „Don Giovanni“ im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm und eine Party zu Schillers 250. Geburtstag am selben Ort.
Dass aus dem Theater ohne Heimstatt irgendwann ein Unternehmen mit einer festen Adresse werden soll, machte Quast gestern allerdings ebenfalls deutlich. „Es ist das Ziel dieses Vereins, dass die Fliegerei ein Ende hat und ein fester Spielort gefunden ist. Bis dahin wird sicher noch viel Zeit vergehen.“ Einen bestimmten Ort habe er nicht im Kopf. „Es sollte in der Innenstadt sein.“
Schwierigkeiten des Hauses
Der „schwarze Peter“ liege nun bei der Stadt, sagte Vereinsmitglied Karlheinz Braun. Die Äußerung des langjährigen Geschäftsführers des Verlags der Autoren zeigt, dass die Gründung der „Fliegenden Volksbühne“ nicht nur Quasts Ideen in Form bringen soll, sondern auch die Stadt und das Volkstheater Frankfurt unter Zugzwang setzt. Viele Frankfurter haben Quasts Pläne für eine künstlerische Erneuerung des Hauses am Großen Hirschgraben seit Februar wohlwollend verfolgt. Diese Sympathie dürfte nun auf die „Fliegende Volksbühne“ übergehen und könnte sich in Spenden der Förderer ausdrücken, die Quast für seine Zeit am Großen Hirschgraben gewonnen hatte. Auch Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) könnte dem Theatermacher, dessen Kurs der Erneuerung am Volkstheater die Stadt gefördert hat, die Unterstützung einzelner Projekte kaum verweigern.
Unter Druck geraten durch die Gründung der „Fliegenden Volksbühne Frankfurt“ sind aber vor allem das Volkstheater Frankfurt und seine Leiterin Dahlem-Christ. Die Produktionen des Hauses waren vor drei Wochen bei einer Podiumsdiskussion zur Zukunft des Volkstheaters öffentlich stark kritisiert worden. Sollte sich Quasts „Volksbühne“ im Lauf des nächsten Jahres mit einer ausreichenden Anzahl genügend großer Projekte etablieren, würde das von den Töchtern Liesel Christs geleitete Haus weiter an Anziehungskraft verlieren. Es ist durchaus denkbar, dass eine solche Situation es dem Kulturamt erschweren würde, die dem Privattheater bislang gewährten 620.000 Euro Zuschuss im Jahr weiterhin zu zahlen. Das würde die Schwierigkeiten des Hauses, das aus Sicht Quasts finanziell marode ist, vergrößern.
Für morgen ist unterdessen die erste Veranstaltung der „Fliegenden Volksbühne“ angesetzt. Im Frankfurter Autorentheater liest Quast um 20 Uhr Texte des Frankfurter Dichters Maximilian Leopold Langenschwarz. Weitere Informationen im Internet unter www.fliegendevolksbuehne.de.