Manuel Bastante kniet auf den harten Pflastersteinen der Zeil. Seinen Körper muss er weit nach vorn strecken, um in die Mitte des drei Quadratmeter großen Gemäldes zu gelangen, das er gerade mit viel bunter Kreide malt. Der Spanier verdient sein Geld mit Straßenmalerei – um davon leben zu können, muss er sich manchmal krumm machen.
In der Fußgängerzone verdienen viele Straßenkünstler Geld mit Musik, Tanz, oder Malerei. Ihre Erfahrungen zeigen, dass die Straße ein rauhes Pflaster sein kann. Es ist ein täglicher Kampf – um die Gunst der Passanten, die besten Plätze in der City und gegen den Stadtlärm. Zudem gibt es viele Vorschriften der Stadt, die den Spielraum der Künstler eingrenzen. Trotz allem beleben einige Artisten die Zeil schon seit vielen Jahren.
„Das ist Kultur für die Stadt“
Bastante bemalt den Asphalt der Stadt schon seit mehr als 15 Jahren. „Das ist Kultur für die Stadt“, sagt er mit spanischem Akzent. Wenn er spricht, malen seine von der bunten Kreide gezeichneten Hände das Gesagte mit wilden Gesten in die Luft. Hinter seiner Baskenmütze lugen schwarze Locken hervor. „Über die Kunst komme ich mit den Menschen auf der Straße ins Gespräch“, sagt er und fügt hinzu: „So habe ich Deutsch gelernt.“ Er ist auch mit einer Deutschen verheiratet. Ein Mann im Anzug fotografiert sein Werk – heute sind es zwei Engel in surrealistischem Stil. Dann geht er weiter, ohne etwas in die kleine Schale mit der Aufschrift „Danke“ zu werfen. „Ein wenig Hilfe, die Kreide kostet Geld“, ruft Bastante ihm gekränkt nach. „Manche Leute leben in einem Glashaus. Sie haben kein Gefühl mehr.“ Zwar wolle er nicht betteln, von irgendetwas müsse er aber leben. Über sein Einkommen spricht der Künstler nicht. In seiner Schale liegt ein wenig Kleingeld.
Eine Standgebühr muss Bastante der Stadt nicht bezahlen. Weil sie ihm aber verbietet, mit seiner Kreide direkt auf den Boden zu malen, muss er sich eine Stoffleinwand und Spezialkreide kaufen. „Das ist viel Geld“, sagt er. Zudem sei das Besondere an seiner Kunst, dass er die Straße bemale.
Ein Japaner ist der erste Kunde
Ein paar Meter weiter sitzt der Karikaturenzeichner Planic Zoran auf einem Klappstuhl. An seinem Stand lehnen Schwarzweiß-Karikaturen von Che Guevara, Dieter Bohlen und Michael Jackson. Auch eine von ihm selbst ist dabei: Sie zeigt einen vollbärtigen Mann, die grauen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Gelegentlich bleiben ein paar Fußgänger stehen. Sie blicken Zoran über die Schulter. Ein paar Linien mit dem Bleistift genügen, und Zoran hat den Touristen aus Japan, der sich gerade von ihm karikieren lässt, ins Bild gesetzt. Ein paar Minuten, länger braucht Zoran nicht.
Der Serbe zeichnet schon seit 14 Jahren auf der Zeil und verdient damit seinen Lebensunterhalt. Auf die Frage, wie das Geschäfte laufe, antwortet er trocken: „Es gibt gute und schlechte Tage. Comme i, comme a.“ Es reiche gerade so, um die Miete für seine Einzimmerwohnung am Frankfurter Berg zu zahlen. Die Preise für seine Zeichnungen liegen bei 20 Euro für eine Schwarzweiß-Karikatur, 40 für eine farbige. Der Japaner ist heute sein erster Kunde, „aber ich hab’ ja noch ein paar Stunden“. Ein zweiter Kunde ist schon in Sicht. Ein Passant möchte, dass seine frühere Frau als Teufel karikiert wird und dass das Bild vier Wochen lang zu sehen ist. Zoran trinkt einen Schluck aus einer Bierdose, zieht an seiner Zigarette: „Klar, kann ich machen, kostet aber extra“, sagt er. Ein solches Angebot auszuschlagen, könne er sich eben nicht leisten.
Straßenmusiker dürfen nur dreißig Minuten an einer Stelle spielen
Zur gleichen Zeit stehen drei Pantomimen am Brunnen vor dem Römer. Wie Statuen stehen sie regungslos auf Holzkisten. Ihre Gesichter sind golden geschminkt. Die schwarzen Locken der Haarperücken schauen hinter den schwarzen Dreispitzhüten hervor. Sie sind in weinrote Gewänder gehüllt und tragen weiße Kniestrümpfe. Um sie herum hat sich ein Kreis von Touristen gebildet. Zahlende Kundschaft – für jedes Foto gibt es Bares. Wenn ein Kind Geld einwirft, bewegen sich die drei synchron und bedanken sich mit einer grazilen Geste. Das Geschäft scheint gut zu laufen: Im Metallkoffer, der vor ihnen ausgebreitet ist, liegen ein Dutzend Zwei-Euro-Stücke.
Aus der Nähe gelangen die Klänge einer Bansuri, einer indischen Bambusflöte, auf den Römer und erfüllen das Stillleben mit Musik. In einer Nebengasse steht Ernest Jepifanov in einem grauen Seidengewand. Er nennt sich „Nadaprem“. Er spielt vor der Außenterrasse eines Restaurants, das in der Nähe des Historischen Museums liegt. Vor dem Restaurant sitzen nur einige Fans von Eintracht Frankfurt. Straßenmusiker dürfen nur dreißig Minuten an einer Stelle spielen. Nadaprem bricht schon nach zehn ab: „Die Energie stimmt nicht“, sagt der Litauer. In der Straßenmusik gehe es darum, in kurzer Zeit das Publikum zu gewinnen: „Am besten geht das mit Kindern.“ Fußballfans seien schlechte Zuhörer: „Die Fußball-WM war für Straßenmusiker eine Katastrophe.“
Dieses Mal bleibt der Korb leer
Nadaprem hat eine Folkrockband in Litauen. Seit acht Jahren zieht er durch die Fußgängerzonen Europas, übernachtet bei Freunden, die er überall hat. Ein „Überlebenskünstler“ sei er nicht, sagt er: „Das klingt zu sehr nach Leiden. Mir macht die Sache Spaß.“ Auch er spricht nicht über Geld – nur so viel: „Es reicht für mich und meine Familie in Litauen.“
Dann packt er seine Flöte ein und sucht eine neue Terrasse. Nicht in allen Straßencafés sind die Musiker willkommen. Es gebe auch einen Kampf um die Terrassen unter den Musikern. Vor dem Café Liebfrauenberg darf er seinen Notenständer aber aufbauen. Dass ein paar Meter weiter Bierbänke aufgestellt werden, stört ihn nicht. Nadaprem schließt die Augen und setzt seine Lippen an die Flöte. Wenn er fertig ist, kommt der schwierigste Teil seines Jobs: Er nimmt seinen Korb und bittet die Gäste um eine Spende. „Das kostet viel Überwindung“, sagt er und schlängelt sich um die Tische. Dieses Mal bleibt sein Korb leer.
