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Kriminalität Unsichtbare Spuren sichtbar machen

30.07.2010 ·  Mord verjährt nie. Deshalb rollt die Polizei regelmäßig „Altfälle“ auf, die mit modernsten kriminalwissenschaftlichen Methoden untersucht werden. Oft mit Erfolg.

Von Katharina Iskandar, Frankfurt
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Ob es der Tod von Margarethe Buckwitz oder von Trixi Scheible war, das Verbrechen an dem Schüler Sebastian Museal oder der Mord an dem 51 Jahre alten Regierungsbeamten in Oberursel – lange Zeit hat niemand gedacht, dass diese Fälle, die zehn oder gar zwanzig Jahre zurückliegen, jemals aufgeklärt werden könnten. Die meisten Spuren, hieß es, seien unbrauchbar – zu alt, zu klein, zu wenig aussagekräftig. Doch es gelang, weil mit Hilfe moderner Kriminaltechnik selbst winzige Spuren an den Asservaten gesichert werden konnten. Und schon jetzt rechnen die Ermittler mit weiteren Erfolgen.

Die Polizei nimmt an, dass die Zahl der aufgeklärten Altfälle in den nächsten Jahren enorm steigen wird, weil die Methoden immer besser werden. Auch feinste Spuren werden heutzutage entdeckt und können im Labor präpariert werden. Möglicherweise sind schon bald alle noch offenen Fälle in Hessen gelöst – zumindest die, bei denen es noch verwertbare DNS- oder Faserspuren gibt. Und das sind einige.

0,05 Quadratmillimeter große Blutspur gefunden

Der Biologe Harald Schneider, der sich auf Altfälle spezialisiert hat und diese beim Landeskriminalamt bearbeitet, schätzt die Zahl auf rund 40. Bisher konnte er in den vergangenen Jahren 15 sogenannte Cold Cases aufklären – Mordfälle also, die sich vor mindestens zehn Jahren ereignet haben und die die Ermittler zunächst ad acta legen mussten, weil es keine Möglichkeit gab, Spuren zu finden und sie zu analysieren. Das hat sich grundlegend geändert. So gelang es Schneider und seinen Mitarbeitern unter anderem, auf einem 40 Quadratmeter großen Teppich, der aus dem Keller eines Verdächtigen stammte, eine nur 0,05 Quadratmillimeter große Blutspur zu finden und diese auf ihren genetischen Code hin zu untersuchen – letztlich wurde damit der Mörder überführt.

Schneider hat eine Checkliste entwickelt, die er vor einigen Jahren, als sich die DNS-Analyse in der Kriminalwissenschaft etabliert hatte, an alle Mordkommissionen in Hessen geschickt hat – mit der Bitte, alle Altfälle noch einmal zu überprüfen. Ist noch Kleidung des Opfers vorhanden? Wurden Faserspuren gesichert? Gibt es sonstige Spurenträger wie etwa Fingernägel? Schneider sagt, diese Angaben seien wichtig, um überhaupt einzuschätzen, wie groß die Chance sei, einen Altfall nach so vielen Jahren noch aufzuklären. Zudem helfe es, wenn es schon einen Tatverdächtigen gebe, mit dem man die an den Asservaten gefundenen Spuren abgleichen könne. So wie im Fall des nun verurteilten 43 Jahre alten Technikers, der 17 Jahre nach der Tat für den Totschlag an dem Regierungsbeamten in Oberursel verurteilt wurde. Schneider hatte seinerzeit das Gutachten erstellt.

Wie brauchbar Spuren sind, hängt auch davon ab, wie gründlich sie gesichert wurden

Die Prioritäten setzt der Biologe nicht nach der Schwere der Fälle – „denn schrecklich sind sie alle“, wie er sagt – sondern danach, wie viele tatrelevante Spuren tatsächlich vorhanden sind. Wie brauchbar diese stummen Zeugen sind, hängt allerdings stark davon ab, wie gründlich sie an den Tatorten und an den Opfern gesichert wurden und wie gut sie gelagert worden sind. Vor zwanzig Jahren wurden Tatorte mitunter weniger akribisch abgesucht, weil die Möglichkeiten der DNS-Analyse noch nicht bekannt waren und sogar weitsichtige Kriminalisten nicht ahnten, was heutzutage machbar ist. „Durch die neuen Möglichkeiten der Kriminalwissenschaft hat sich auch die Spurensicherung verändert“, sagt Siegfried Manoch, Leiter der Frankfurter Mordkommission. „Man ist vorsichtiger geworden.“

Um keine Fremdspuren zu legen, betreten die Beamten die Tatorte nur noch im Schutzanzug. Zudem wird viel mehr als früher mit Folien gearbeitet, mit denen vor allem die Leiche abgeklebt wird. Sollte es kleinste Faserspuren oder Hautschuppen geben, werden sie früher oder später entdeckt. Denn die moderne Kriminaltechnik stützt sich vor allem auf Mikroskopie, wie Schneider sagt. „Unsichtbare Spuren sichtbar machen und dann analysieren – das ist das ganze Geheimnis.“

Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft

Nach Ansicht von Fachleuten wie Schneider sind die technischen Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft. Es werde in den nächsten Jahren wahrscheinlich gelingen, noch winzigere Spuren zu finden und diese auf ihre Beschaffenheit hin zu untersuchen. „Mikrospurenpräparation“ nennt Schneider das. „Dann stehen die Chancen gut, auch Fälle zu klären, die jetzt noch aussichtslos erscheinen. Denn ein Täter kann so vorsichtig sein, wie er will, irgendwelche Spuren hinterlässt er immer.“

Das macht Mordermittlern wie Manoch Mut. Denn gerade in Frankfurt gibt es einige Fälle, die die Beamten schon seit Jahren umtreiben und die sie regelmäßig aufrollen, um nach neuen Ermittlungsansätzen zu suchen – allen voran der Tod des Schülers Tristan Brübach. „Dieser Fall beschäftigt uns nach wie vor“, sagt Manoch. „Das war eines der abscheulichsten Verbrechen.“

Wie intensiv sich die Ermittler neben der aktuellen Arbeit mit den Altfällen beschäftigen, ist dabei ihnen überlassen. Manoch sagt, der Ehrgeiz, Morde auch nach langer Zeit noch aufzuklären, sei schon sehr hoch. „Das Ziel ist ja immer dasselbe: Den Täter überführen und somit für ein Stück Gerechtigkeit sorgen – auch, wenn das erst nach Jahren geschieht.“

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