11.09.2006 · In einem Kühlhaus in Frankfurt hat das Veterinäramt tonnenweise verdorbenes Rindfleisch gefunden. Ein Teil des Fleisches wäre nach Angaben eines Sprechers der Behörde nur bis zum Juli 2005 haltbar gewesen.
Von Ralf Euler und Lisa UphoffDer Skandal um sogenanntes Gammelfleisch hat Frankfurt erreicht: In einem Kühlhaus haben Kontrolleure des Veterinäramtes 1,9 Tonnen verdorbenes Rindfleisch sowie 23 Tonnen Schweinefleisch gefunden, das nach äußerem Anschein „problematisch“, sprich überlagert sei, wie es hieß. Beide Partien stammen nach Angaben von Wulfila Walter vom Frankfurter Gesundheitsdezernat nicht aus Bayern. Das Rindfleisch, das „eklatant“ verdorben und damit ungenießbar sei, komme aus Litauen und sei entweder nicht etikettiert oder nicht mehr haltbar. Auch das Schweinefleisch stamme nicht aus Deutschland. Nach den bisherigen Ermittlungen der Behörden ist von den Lieferungen kein Fleisch in den Handel gelangt.
„Ich hätte nicht gedacht, daß wir hier auf so etwas stoßen. Seit Jahren gab es in diesem Kühlhaus keine großen Verstöße“, so Walter. Nach ihren Angaben wurde das Rindfleisch schon am 1. September bei einer Routinekontrolle gefunden. „Allerdings haben wir nach dem Bayern-Skandal die Kontroll-Frequenz erhöht“, sagte Walter. Nach dem Fund sei das Kühlhaus geschlossen und versiegelt worden. Von 4 bis 16 Uhr untersuchten dann drei Tierärzte sowie fünf Lebensmittelkontrolleure die Bestände. Dazu mußten sämtliche Waren aus dem Kühlhaus entfernt werden, da eine Untersuchung bei minus 20 Grad Celsius nicht möglich ist.
Veröffentlichung der Namen aller Beteiligten gefordert
Da es sich um ein großes Kühlhaus mit Hochregalen handelt und die Ware mit Gabelstaplern herausgebracht werden muß, wird die Sichtung und Prüfung des gesamten Bestandes voraussichtlich bis Donnerstag dauern. Nach Walters Angaben wurden bisher lediglich 20 Prozent des Fleisches begutachtet. Die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Manuela Rottmann (Die Grünen) sagte, es werde Konsequenzen geben, „aber die Verschärfung der Kontrollen hat sich bewährt“. Auch in der Vergangenheit sei diesbezüglich schon einiges geschehen, so gelte zum Beispiel die von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene allgemeine Wiederbesetzungssperre für offene Stellen bei Lebensmittelkontrolleuren nicht.
Die Verbraucherzentrale forderte mehr und bessere Untersuchungen. „Es darf auf keinen Fall angemeldete Kontrollen geben“, forderte Hartmut König, Leiter der Ernährungsabteilung. Auch müßten die Zuständigkeiten geändert und von den Kommunen und Landräten zurück an das Land gehen. Zudem seien die Namen aller Beteiligten zu veröffentlichen. „Das ist die beste Abschreckung.“
Auch die Grünen im Hessischen Landtag forderten als Konsequenz aus dem Gammelfleischskandal mehr Informationen für die Verbraucher und zusätzliche Kontrollen. Wie in Dänemark sollten auch in Hessen die Verbraucher schon an der Ladentür erfahren, was die jeweils letzte Überprüfung des Betriebes, Geschäfts, Restaurants oder der Imbißbude ergeben habe, sagte der Landtagsabgeordnete Martin Häusling in Wiesbaden. In dem Nachbarland würden nach den unangekündigten Inspektionen „Smileys“ - in vier Stufen mit Gesichtsausdrücken von lachend bis grimmig - an die Eingangstüren von Lebensmittel anbietenden Betrieben geklebt. Die jüngsten Inspektionsberichte seien dort ebenfalls ausgehängt, zudem könnten Kunden die Beurteilung ihres Supermarktes oder Metzgers, aber auch von Großhändlern im Internet einsehen. Voraussetzung für eine Übernahme dieses Systems in Hessen wäre nach Angaben von Häusling eine freiwillige Vereinbarung mit der Lebensmittelbranche und dem Gaststättengewerbe.
Plädoyer für bundeseinheitliche Standards
Häusling kritisierte, in Hessen werde viel zu selten kontrolliert. Alle Unternehmen sollten mindestes einmal im Jahr von Lebensmittelprüfern in Augenschein genommen werden. Derzeit müssen Firmen laut Häusling nur alle zwei Jahre mit einer Kontrolle rechnen, große Unternehmen sogar nur alle drei Jahre. Das Landwirtschaftsministerium wies darauf hin, daß die Häufigkeit der Kontrollen sich unter anderem nach der Art der verarbeiteten Lebensmittel richte, Schlachtbetriebe würden täglich überprüft.
Um die Einstellung von zusätzlichen Lebensmittelkontrolleuren und eine bessere Ausbildung bezahlen zu können, sollten von den überprüften Groß- und Zwischenhandelsbetrieben Gebühren verlangt werden, sagte der Grünen-Abgeordnete. „100 Euro für eine einstündige Kontrolle, das bringt ein großes Unternehmen nicht in Bedrängnis.“ Die im vergangenen Jahr vom Land auf die Kreise und kreisfreien Städte verlagerte Zuständigkeit für die Lebensmittelqualität habe sich als Fehler erwiesen, meint Häusling.
Von Ministerpräsident Roland Koch und Landwirtschaftsminister Wilhelm Dietzel (beide CDU) erwarten die Grünen, daß sie am Freitag im Bundesrat gegen das Verbraucherinformationsgesetz stimmen. Nach Ansicht von Häusling muß es im Lichte der jüngsten Gammelfleischfunde so verändert werden, daß die Unternehmen und nicht nur einzelne Mitarbeiter mit Sanktionen zu rechnen hätten. Zudem plädierte er für umsatzabhängige Bußgelder, bundeseinheitliche Standards und eine „Kontrolle der Kontrolle“.
Kann nicht
Jan Carlos Quistorf (Jan_Carlos_Quistorf)
- 13.09.2006, 20:39 Uhr