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Kriminalität : Ein neues Kapitel zum großen Kunstraub aus der Schirn

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Elf Jahre nach dem Raub von drei unschätzbar wertvollen Gemälden aus der Kunsthalle Schirn hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft wieder Ermittlungen in dem nur teilweise geklärten Fall aufgenommen. Dies ...

          Elf Jahre nach dem Raub von drei unschätzbar wertvollen Gemälden aus der Kunsthalle Schirn hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft wieder Ermittlungen in dem nur teilweise geklärten Fall aufgenommen. Dies hat die Strafverfolgungsbehörde gestern ein wenig kleinlaut bestätigt, nachdem eine von den Journalisten Egmont R. Koch und Nina Svensson recherchierte Geschichte in doppelter Fassung auf dem Mark war. Die Autoren haben ihre Ergebnisse im Magazin der Süddeutschen Zeitung (". . .wir präsentieren die Lösung") veröffentlicht und die Ausstrahlung einer Fersehsendung zum Thema für kommenden Monat im WDR-Fernsehen angekündigt.

          Nach dieser Darstellung ist der spektakulärste Kunstraub der deutschen Nachkriegsgeschichte von einem jugoslawischen Mafia-Boss initiiert und organisiert worden. Stevo V., der in der Frankfurter Unterwelt als "der alte Stefan" bekannt sei, soll den Plan ausgeheckt haben, zwei von der Londoner Tate Gallery nach Frankfurt für die Ausstellung "Goethe und die Kunst" ausgeliehene Gemälde von William Turner zu stehlen, um anschließend die Galerie um Lösegeld zu erpressen. Am späten Abend des 28. Juli 1994 verschaffte sich eine Tätergruppe Zugang ins Schirn-Gebäude und hängte außer Turners "Schatten und Dunkelheit" und "Licht und Farbe" ein Nebenwerk "Nebelschwaden" von Caspar David Friedrich ab, das der Hamburger Kunsthalle gehört.

          Die unmittelbaren Räuber wurden gefaßt, vor Gericht gestellt und zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Die Bilder aber blieben trotz dieses Aufklärungserfolgs verschwunden. Über die Auftraggeber hatte die Staatsanwaltschaft Vermutungen, aber letztlich gelang der Tatnachweis nicht.

          Die Journalisten schreiben, der "alte Stefan" habe die Gemälde zeitweise bei zwielichtigen Komplizen in einer Autowerkstatt im Frankfurter Ostend untergebracht. Er habe sich mit dem Kassieren der Lösegeldforderung Zeit lassen können und dies auch getan. Insbesondere der Wert der Turner-Gemälde ist kaum realistisch zu schätzen. Entstanden zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, erreichen sie einen bis dahin nie gesehenen Abstraktionsgrad und weisen einen Weg, den die Kunst erst hundert Jahre später genommen hat. Die bestohlene Tate Gallery ließ sich von ihrer Versicherung nach einigen Jahren die Summe von 24 Millionen Pfund auszahlen, hat aber das Eigentumsrecht für acht Millionen Pfund nach einiger Zeit zurückerworben. Das Galeriegebäude wurde - ein Schuft, wer Böses dabei denkt - nach diesem Deal renoviert.

          Durch Vermittlung des Frankfurter Rechtsanwalts Edgar Liebrucks wurden schließlich 2002 alle drei Bilder wiederbeschafft und den Eigentümern zurückgegeben. Der Strafverteidiger bestätigte seinerzeit dieser Zeitung, daß er sich rechtlich die Rückendeckung der Staatsanwaltschaft geholt hatte, um mit den illegalen Bilderinhabern überhaupt verhandeln zu können. Der Anwalt mußte sich absichern, um nicht selbst als Hehler oder Geldwäscher verfolgt zu werden.

          Seine selbstgewählte Mission, bei der neben der Aussicht auf Honorar auch der Gedanke mitgespielt habe, Bilder von solcher Qualität dürften nicht auf Dauer verschwunden bleiben, war nicht ungefährlich. Liebrucks hielt sich 2003 bedeckt, als er mit dieser Zeitung sprach, nannte viele Einzelheiten nicht und keine Namen. Mit "diesen Leuten", die er zum Beispiel in einer Waldhütte zur Bilderübergabe getroffen habe, sei nicht zu spaßen. Inzwischen sind die Namen und Fotos von zwei Hehlern aus Erlensee bei Hanau aber ebenso auf dem Nachrichtenmarkt wie die rechtlich eher fragwürdigen Zugeständnisse, zu denen die Tate Gallery und Londons Scotland Yard bereit gewesen sein sollen.

          Sei es, wie es sei, Liebrucks beschaffte sowohl der Tate Gallery als auch der Hamburger Kunsthalle ihr Eigentum wieder. Während London sich anerkennend sowohl im ideellen Sinne als auch materiell durch Begleichen von vorgestrecktem Lösegeld und Honorarforderungen zeigte, liegt der Anwalt mit der Hamburger Kunsthalle im Rechtsstreit. Ende November treffen die Gegner in einem Zivilprozeß vor dem Landgericht der Hansestadt aufeinander. Liebrucks fordert 250 000 Euro, die er für die "Nebelschwaden" vorgestreckt habe.

          Ob es sich bei den an Farbigkeit und Neuigkeit mit den einst verschwundenen Turners vergleichbaren Geschichten um die Wahrheit über einen Kriminalfall oder um "Nebelschwaden" handelt, weiß die Frankfurter Staatsanwaltschaft zur Zeit nicht zu sagen. Sie hält sich bedeckt und mag nur bestätigen, daß auch sie nun wieder in ihrem Kerngeschäft, der Strafverfolgung, tätig ist.

          THOMAS KIRN

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