18.03.2004 · Mit wuchtigen Hammerschlägen treibt der römische Soldat den Nagel durch die Hand Jesu, und einige Zuschauer ziehen Luft durch ihre zusammengepreßten Zähne, so daß im Kinosaal ein deutlicher Zischlaut zu hören ist.
Mit wuchtigen Hammerschlägen treibt der römische Soldat den Nagel durch die Hand Jesu, und einige Zuschauer ziehen Luft durch ihre zusammengepreßten Zähne, so daß im Kinosaal ein deutlicher Zischlaut zu hören ist. So wie einige Minuten zuvor, als Soldaten den Leib Jesu mit Stöcken und Peitschen malträtieren, so daß keine Stelle heil bleibt. Als sie den Körper fortschleifen, bleibt auf dem Pflaster eine breite Blutspur zurück.
Es ist eine der ersten öffentlichen Vorstellungen der "Passion Christi", des Jesus-Films von Mel Gibson. Schweigend verlassen die meisten den Europa-Palast an der Hauptwache - so mächtig sind die Bilder, die sie gesehen haben. "Die Gewaltdarstellung ist an manchen Stellen schon überzogen", meint Pater Christophorus Goedereis. Der Kapuziner und Pfarrer der Liebfrauengemeinde hat sich den Film am Donnerstag zusammen mit Pfarrer Christian Schwindt, dem Leiter der Evangelischen Stadtakademie, angeschaut. "So überzogen, daß ich mich bei manchen Szenen vom Film distanziert habe und eher daran interessiert war, wie die Maskenbildner das eigentlich gemacht haben", sagt Schwindt.
Für die Pfarrer ist klar: Mel Gibson hat einen "Mainstream-Film" (Schwindt) oder "Hollywood-Streifen" (Pater Christophorus) gedreht. Dabei sind die Gewaltszenen nicht die, die die beiden am meisten beschäftigen. Schon eher, daß der Streifen mit seiner Fixierung auf den Leidensweg Jesu theologisch einiges zu wünschen übrig lasse. Das könnten auch Rückblenden, mit denen Gibson Szenen aus dem Wirken Jesu nachzeichnet, nicht ausgleichen. Was Schwindt vor allem kritisiert, ist, daß Gibson gewissen "Stereotypen" gegenüber einfach zu unkritisch bleibe: etwa dem, die Juden seien schuld an Jesu Tod. Schwindt führt als Beispiel die Gestalt des Teufels an, die bei den Juden zu sehen, ist, als Jesus gegeißelt wird. "Gibson hat kein Interesse an den seien schuld an Jesu Tod. Schwindt führt als Beispiel die Gestalt des Teufels an, die bei den Juden zu sehen, ist, als Jesus gegeißelt wird. "Gibson hat kein Interesse an historischen Fakten", kritisiert der Pfarrer, der eine kritische Theologie im Umgang mit einem auch durch das Christentum freigesetzten Antijudaismus fordert. "Gibsons Film könnte schon antisemitisch wirken", gibt auch der Pater zu bedenken. "Aber die Menge aus Juden, Römern und dem Pöbel war doch ein einziger großer Mob."
Authentizität könne Gibson auch nicht dadurch herstellen, daß er die Schauspieler Aramäisch und Lateinisch sprechen lasse, kritisiert Schwindt. Auch wenn Pater Christophorus wie sein Kollege weiß, daß die Evangelien in erster Linie keine Geschichtsbücher, sondern Glaubenszeugnisse sind und sich nur bedingt als Grundlage für einen sich historisch gebenden Film eignen, liegt für den Kapuziner gerade in der Verwendung der beiden alten Sprachen ein gewisser Reiz. "Das und die ganze Kulisse ist doch allemal besser als die Zeffirelli-Schnulze", sagt er in Anspielung auf den Jesus-Film des Regisseurs Franco Zeffirelli. "Gibsons Werk hat mich jedenfalls berührt", sagt der Pater. Auch, weil es eine klare "Botschaft" hat, die nämlich, "daß Gott sich in die letzte Radikalität des Leidens hineingibt".
Auf die Figur des Teufels hätte Gibson lieber verzichten sollen, findet der Pater. "Die war nur lächerlich." Aber das eigentlich Interessante ist für ihn sowieso nicht der Film selbst, sondern daß soviel über ihn gesprochen und geschrieben wird. Wie das kommt? "Die Welt von heute ist religiöser, als man glaubt", sagt er. Und fügt nach einem kurzen Nachdenken hinzu: "Und brutaler." STEFAN TOEPFER