25.06.2007 · Die Zahl der armen Kinder wächst. Einer Studie zufolge lebten im vergangenen Jahr deutschlandweit fast 1,9 Millionen Kinder unter 15 Jahren von Sozialleistungen, im Vergleich zu 2005 stieg die Anzahl um zehn Prozent.
Von Til HuberVor zwei Jahren war Keanu ein scheinbar hoffnungsloser Fall. Der Siebenjährige wohnte mit zwei Geschwistern bei seiner alleinerziehenden Mutter. Die war vor seiner Geburt aus Ghana nach Frankfurt gekommen. Die schwarzafrikanische Familie hatte kaum Geld, lebte von staatlichen Zuwendungen. Die Mutter war überfordert. Keanu nahm wegen völlig falscher Ernährung immer mehr zu.
Im Winter ging er in Sandalen zur Schule, im Sommer war er zu warm angezogen. Das Kind litt unter all dem, war lustlos und aggressiv. In der Schule kam Keanu, der eigentlich anders heißt, nicht mit. Die Zukunftsaussichten waren denkbar schlecht für einen wie ihn: in Armut aufgewachsen, in der Schule gescheitert und für unbestimmte Zeit auf staatliche Hilfe angewiesen.
Patenschaften für arme Grundschüler
Dann nahm er an einem Projekt der Universität Frankfurt teil. Susanne Düttmann, die im Fachbereich Erziehungswissenschaften lehrt, lässt ihre Studenten seit 2005 Patenschaften für arme Grundschüler im sozialen Brennpunkt Nordweststadt übernehmen. Die Studenten helfen beim Üben des Schulstoffs oder machen mit den Kindern Ausflüge. So sollen diese ihre schulische Leistung verbessern und neue Anregungen bekommen. Viele Kinder wüssten gar nicht, dass es um sie herum etwas anderes als die Nordweststadt gebe, sagt Düttmann.
Auch Keanu nahm das Angebot dankbar an. Verschiedene Studenten kümmerten sich in den vergangenen zwei Jahren um ihn. Als Larissa Schönknecht vor einigen Wochen seine Patin wurde, konnte sie angesichts seiner Vorgeschichte gar nicht glauben, was sie sah: „Ich war positiv schockiert“, sagt die Pädagogikstudentin. Der inzwischen neun Jahre alte Junge sei höflich, aufgeweckt und könne seine Gefühle viel besser zum Ausdruck bringen als früher. Mit seinen Klassenkameraden an der Erich-Kästner-Schule komme er inzwischen sehr gut klar. „Er saugt die Dinge auf wie ein Schwamm.“
Leider ist Keanu eines von wenigen positiven Beispielen. Zwar gibt es in Frankfurt einige Förderangebote wie an der Erich-Kästner-Schule, doch sie reichen nicht aus. Denn die Zahl der armen Kinder wächst. Sozial benachteiligte Familien profitierten offensichtlich nicht vom Wirtschaftsaufschwung, meinen Experten. Einer jüngst veröffentlichten Studie zufolge lebten im vergangenen Jahr deutschlandweit fast 1,9 Millionen Kinder unter 15 Jahren von Sozialleistungen, im Vergleich zu 2005 stieg die Anzahl um zehn Prozent.
Zahl der Hartz-IV-Empfänger gestiegen
Nach Angaben der Rhein-Main Jobcenter GmbH hat sich die Zahl der Frankfurter Kinder, die in Familien von Hartz-IV-Empfängern leben, seit April 2005 von 15.362 auf 19.120 erhöht. Damit leben derzeit rund ein Viertel mehr arme Kinder in der Stadt als vor der Einführung des neuen Lohnersatzgeldes. Alarmierend ist die Zahl auch, weil sich verschiedenen Studien zufolge durch Geldnot die Bildungschancen junger Menschen stark verschlechtern. Keine Ausbildung, kein Arbeitsplatz: Vielen droht ein lebenslanges Dasein als Fürsorgeempfänger.
„Wenn ein Kind schon im Kindergarten unter Armut leidet, ist es von vornherein stigmatisiert und ausgegrenzt“, sagt Michael Damian, Referent von Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen). Leider sei die Armut auch bei Frankfurter Schülern „zunehmend erfahrbar“. In den vergangenen Jahren hätten beispielsweise die Anträge auf Zuschüsse für Klassenfahrten zugenommen. Dafür stünden im Schuldezernat jährlich 89.000 Euro zur Verfügung. Die seien aber schnell aufgebraucht, schon im September könne man meistens keine Unterstützung mehr gewähren. „Eigentlich bräuchten wir drei- bis viermal so viel Geld“, meint Damian.
Doch nicht nur die Finanzierung von Ausflügen ist für immer mehr Familien ein Problem. Es fehlt vielen Schülern auch an scheinbar selbstverständlichen Kleinigkeiten, wie das Frankfurter Kinderbüro beobachtet. Die Einrichtung hat einen Nothilfefonds geschaffen, der sich aus Spenden von Bürgern und Unternehmen speist. Damit wird Kindern geholfen, wenn zum Beispiel 50 Euro für eine RMV-Karte fehlen oder die Eltern keine neuen Sportschuhe finanzieren können. Zudem organisiert das Büro seit zwei Jahren ebenfalls Patenschaften.
„Arme Kinder haben schlechtere Noten“
Durch Spenden von Privatleuten werden arme Kinder so dauerhaft gefördert: Zunächst werden ein Jahr lang vom Geld der Paten Beiträge für den Sportverein gezahlt und Rechnungen für Musik- oder Nachhilfeunterricht beglichen. Bewährt sich die Unterstützung, wird die Patenschaft verlängert. Bisher habe man so rund 250 Kinder fördern können, berichtet Marion Kaufmann, die im Kinderbüro für beide Projekte zuständig ist. Seit der Einführung von Hartz IV vor zwei Jahren habe die Nachfrage nach Hilfe deutlich zugenommen.
Wie gravierend die Konsequenzen der Kinderarmut für die Bildungschancen junger Menschen sind, hat das Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik festgestellt. Im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt haben die Wissenschaftler die Situation von armen Kindern bis zum Ende der Grundschulzeit analysiert. Es mangele ihnen an Kleidung und Spielzeug, heißt es in der Studie. Vor allem aber könnten arme Kinder wichtige soziale Bedürfnisse häufig nicht befriedigen. Sie feierten zum Beispiel seltener Geburtstage und brächten kaum Freunde mit nach Hause. Zudem seien sie weit seltener in Vereinen aktiv. Auch wichtige Fähigkeiten wie das Schwimmen erlernen viele dieser Kinder nicht mehr.
„Wenn die Kinder ihre sozialen Kompetenzen nicht entwickeln können, hat das Folgen für ihre schulische Laufbahn“, sagt Gerda Holz, Leiterin der Studie. Arme Kinder hätten deutlich schlechtere Noten, und ihre Lehrer trauten ihnen weniger zu. Die Folge: Während mehr als 30 Prozent der materiell abgesicherten Kinder auf Gymnasien gingen, waren es bei den Armen gerade einmal zwölf Prozent. „Die Grundschule gleicht Unterschiede zwischen den Kindern nicht aus, sondern vergrößert sie eher noch“, meint Holz. Da helfe es auch wenig, dass es im Rhein-Main-Gebiet inzwischen vielerorts Förderangebote gebe. Angebote wie das Patenprojekt der Frankfurter Universität, in dem Keanu unterstützt wird.
Schwimmen lernen
Inzwischen hat der Junge Schwimmen gelernt, er geht zweimal in der Woche in einen Basketballverein und in eine Lerngruppe. Den Sprung auf das Gymnasium wird er wohl trotzdem nicht schaffen. Und ob Keanu eine Ausbildungsstelle und einen Arbeitsplatz bekommt, kann niemand vorhersagen. Aber die Chancen auf ein Leben in Selbständigkeit sind gestiegen. Auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist, wie seine Patin Larissa Schönknecht meint. „Wichtig ist aber, dass er weiß, wo er sich Hilfe holen kann.“
Wer ist arm?
Fachleute unterscheiden zwischen absoluter und relativer Armut. Absolute Armut bedeutet, dass die physische Existenzgrundlage eines Menschen gefährdet ist - dass er also Schwierigkeiten hat, sich ausreichend Lebensmittel zu beschaffen oder ein Dach über dem Kopf zu leisten. Sozialforscher in Wohlstandsgesellschaften wie der Bundesrepublik verwenden heute aber lieber den Begriff der relativen Armut.
Er trifft auf jene zu, denen weniger als die Hälfte des inländischen Durchschnittseinkommens zur Verfügung steht. Dazu gehören in der Regel Bezieher von Lohnersatzleistungen wie dem Arbeitslosengeld II (Hartz IV). Armut ist nach dieser Definition ein Missverhältnis zwischen den finanziellen Möglichkeiten der Betroffenen und denen der Menschen in ihrem sozialen Umfeld.
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