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Kanzlerin Merkel in Frankfurt Theater im Kindergarten

21.08.2008 ·  Angela Merkel hat ihre Bildungsreise im Frankfurter Gallus begonnen und sich für den „lebendigen Einblick in die Arbeit“ des evangelischen Friedenskindergartens bedankt. Im Schlepptau der Kanzlerin: Journalisten, Leibwächter und viel Trubel für Erzieherinnen und Kinder.

Von Tobias Rösmann
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Angela Merkel braucht einen Moment, dann hat sie begriffen. Die Kanzlerin schlängelt sich am Rand des Sandkastens entlang, zwängt sich zwischen zwei Kinder und legt dem fünfjährigen Joel die Hand auf den Rücken. Dann lächelt sie. Die Fotografen nicken. Roland Koch benötigt etwas länger, dann hat auch er verstanden, wo das Problem liegt: Wer die Fotografen nicht hereinlässt in den Kindergarten, muss ihnen wenigstens ein Motiv bieten. Tief beugt sich der Ministerpräsident nach unten; David schaut ihn verdutzt an, dann grinst er.

Eine Stunde zuvor sieht es rund um den evangelischen Friedenskindergarten im Frankfurter Gallus so aus: Sechs Polizeibullis, zehn Fernsehkameras, mindestens 20 Fotoobjektive, ebenso viele Schreibblöcke. An der Frankenallee steht Herr Becker mit vielleicht 50 anderen Neugierigen. Er sieht ein bisschen aus wie Rudi Völler und ist gekommen, um zu gucken. Ihm ist aufgefallen, dass die Mütter den Töchtern für den Besuch der Kanzlerin die schicksten Kleider angezogen haben. Ein hastiger Herr vom Bundespresseamt schiebt Journalisten hinter ein schwarzes Absperrband. „Käfighaltung“, sagt einer.

Die Bundeskanzlerin hat das Thema Bildung zur Chefinsache gemacht

Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, hat das Thema Bildung zur Chefinsache gemacht. Bis Oktober wird sie Kindergärten und Schulen in ganz Deutschland besuchen und sich Ausbildungsbetriebe und herausragende Hochschulen (siehe Seite 67) zeigen lassen. Zwölf Reisen in zehn Bundesländer sind geplant. Die erste Station ist Frankfurt, der Kindergarten im Gallus.

Es fährt vor: der Audi mit dem Kennzeichen MR – für Ministerpräsident. Schöner für Koch wäre es gewesen, wenn die dunklen Limousinen mit F – OB 95 und B – DL 7374 vor ihm angekommen wären, denn dann hätte er erfahren können, was wahre Volksnähe ist. Während Koch erst einmal die zahlreichen Vertreter des Hessischen Sozialministeriums, des Kanzleramts, der hessischen Staatskanzlei und der Stadt begrüßt, eilen Petra Roth und Angela Merkel, kaum sind die Wagentüren geöffnet, zu den Bürgern. Koch erkennt den Fauxpas aber noch rechtzeitig und geht auch ein paar Hände schütteln.

Auf dem Weg in den Kindergarten stehen die Drei- bis Sechsjährigen mit einigen Erzieherinnen Spalier. Sie haben sich gut vorbereitet; erst seit Ende Juli wissen sie, dass die Kanzlerin ausgerechnet ihren Kindergarten beehren möchte. Der nimmt teil am Sprachförderprojekt „Frühstart“; die Mitarbeiter investieren viel Zeit und Mühe, um die Sprachfähigkeiten der Kleinen zu verbessern. „Danke für den lebendigen Einblick in die Arbeit“, wird Merkel später sagen.

Koch und die Kanzlerin gehen in die Knie

Die Kinder singen „Viele kleine Leute“, und Koch und die Kanzlerin gehen in die Knie – günstigerweise genau vor der Schar Fotografen, die exakt in diesem Gang und nicht näher am Eingang auszuharren hatten. „Aus Platzgründen und aus Rücksichtnahme auf die Kinder“ dürfen nur ganz wenige Journalisten mit in den Kindergarten. Für den Tross der Politiker inklusive Leibwächter ist aber genug Platz in den kleinen Räumen. „Eine Sauerei“, schimpft ein Journalist.

Durch die Scheiben sind Merkel und Koch zu sehen, hockend auf Stühlchen. Der hastige Herr vom Bundespresseamt eilt noch ein wenig im Garten umher, dann steht er still. Ein Leibwächter guckt sehr böse, als ein Fotograf auf eine Mauer klettert, weil die Bänke zum Daraufstellen schon voll sind. Eva-Maria spielt im Sand, Joel fährt Dreirad. „Haaallooo, Frau Merkel“, brüllen die Kinder vom Kindergarten gegenüber und winken.

Am Tor werden Mikrofone aufgebaut; die Absperrbänder stehen schon bereit, aber noch informiert sich die Kanzlerin über das Projekt. Von Oberbürgermeisterin Roth erfährt sie, dass Frankfurt schon seit einiger Zeit mehr Erzieher für jede Gruppe bezahlt. Eine Dame vom Kindergarten wird später sagen, dass Merkel „sehr sympathisch“ gewesen sei, alle aber froh seien, „wenn der Trubel vorbei ist“.

Merkel: „Wir brauchen eine möglichst individuelle Förderung“

In den Hastigen kommt Bewegung. Er stellt die Absperrbänder auf. Merkel und Koch treten an die Mikros – vor sich die Fotografen, hinter sich, wie zufällig, eine Schar von Kindern. Auch viele Eltern machen Bilder. Koch sagt, dass die Kinder hier „auf dem Weg zu einem fröhlichen Leben“ seien und nennt die Einrichtung „vorbildlich“. Merkel sagt: „Wir brauchen eine möglichst individuelle Förderung“, und dann sagt sie noch ein paar nicht ganz so wichtige Sätze. Als sie geht, rufen die Kinder: „Tschüüüs, Frau Merkel“.

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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