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Kandidaten des Wahlkreises 182 : Duell im wechselvollen Westen

CDU-Kandidat für den Wahlkreis 182, Frankfurt I: Matthias Zimmer Bild: Victor Hedwig

CDU-Politiker Matthias Zimmer geht als Favorit in die Wahl, aber SPD-Mann Oliver Strank rechnet sich Chancen aus. Der Wahlkreis ist keine Hochburg – und die Wählerschaft heterogen.

          Der Vorsprung vor vier Jahren war gigantisch: Gut 9000 Erststimmen lag Matthias Zimmer von der CDU damals vor seinem härtesten Konkurrenten, Gregor Amann von der SPD. Ein solcher Abstand war im westlichen der beiden Frankfurter Bundestagswahlkreise mit dem lyrischen Namen „WK 182, Frankfurt I“ zuvor nicht üblich. In der Bundestagswahl vor zwölf Jahren zum Beispiel hatte sich Amann mit gut 3000 Stimmen Vorsprung gegen den heutigen Frankfurter Ordnungsdezernenten Markus Frank durchgesetzt, 2009 und 2013 unterlag er dann allerdings gegen Zimmer. Diesmal muss Amann gar keine Stimmen mehr aufholen: Er tritt am 24. September nicht noch einmal an.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und so ist der promovierte Politologe Zimmer – 56 Jahre alt, seit 2009 im Bundestag – der einzige von elf Bewerbern, der schon vor vier Jahren in der Kandidatenriege dabei war. Nicht in erster Linie deshalb ist der mittlerweile erfahrene Parlamentarier auch der Favorit für das Direktmandat im westlichen der beiden Wahlkreise, der nur 34 Prozent der Stadtfläche, aber nahezu die Hälfte der Bevölkerung umfasst. Seinen abermaligen Sieg wahrscheinlich erscheinen lässt vielmehr der in allen Umfragen nach wie vor große Vorsprung der CDU vor den Sozialdemokraten.

          Gute Gesprächsbasis mit den Einwohnern unerlässlich

          Aus seinem Schwerpunktressort Arbeit und Soziales hebt der in der CDU links stehende Zimmer – Spitzname „Der Sozialdemokrat“ – die Einführung des Mindestlohns als Erfolg der vergangenen Legislaturperiode hervor. Sollte er in gut vier Wochen abermals das Mandat holen, will er sich nach eigenen Worten unter anderem um ein neues Programm für Langzeitarbeitslose kümmern, weil er findet: „Der Bezug von Hartz IV darf sich nicht vererben.“

          Das sieht Oliver Strank vermutlich ähnlich. Gleichwohl will der 38 Jahre alte Rechtsanwalt alles tun, damit nicht Zimmer, sondern er selbst den Wahlkreis gewinnt. Der gebürtige Frankfurter, ein promovierter Jurist, verspricht, oft und regelmäßig im Wahlkreis unterwegs zu sein. In Berlin will er sich für zwei große Themen einsetzen: Bildung und bezahlbare Wohnungen. So fordert er unter anderem, die Kitas gebührenfrei zu machen, dem Bund grundsätzlich zu gestatten, in die Bildungsinfrastruktur zu investieren, und die Bafög-Sätze zu erhöhen. In der Wohnungspolitik möchte er zum Beispiel erreichen, dass die Mietpreisbremse geschärft wird. „Die Mieter brauchen einen echten Auskunftsanspruch zur vorherigen Miethöhe und zu den getätigten Instandsetzungen.“

          Strank rechnet sich durchaus Chancen aus in einem Wahlkreis, den er geprägt sieht durch sein Gefälle. Strank spricht lieber von „Vielfalt“ und nennt die Industrie, das Ländliche, das „Gravitationszentrum Höchst“, das Westend, die Altstadt und das Bahnhofsviertel, um diese Vielfalt zu verdeutlichen. Er sagt aber auch: „Es gibt ein soziales Gefälle und auch gewisse Brennpunkte.“ Für sich nimmt der Ortsvorsteher im Ortsbeirat 1, zuständig für Altstadt, Bahnhof, Europaviertel, Gallus, Gutleut und Innenstadt, in Anspruch, den Wahlkreis sehr gut zu kennen. Um all die Vielfalt zusammenzubringen, ist seiner Meinung nach eine gute Gesprächsbasis mit den Einwohnern unerlässlich.

          So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

          Wer sich die Struktur des Wahlkreises anschaut, stellt jenseits der von Strank beschriebenen Vielfalt fest, dass in den 23 Stadtteilen 2016 überdurchschnittlich viel gebaut worden ist. Nach Angaben der Stadt entstanden dort knapp elf Neubauwohnungen je 1000 Bestandswohnungen; in ganz Frankfurt waren es nur knapp neun. Auch der Durchschnittshaushalt ist mit 1,84 Personen etwas größer als der Stadtschnitt mit 1,82. Jedem Einwohner im Westen stehen rechnerisch 35,7 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung; in ganz Frankfurt sind es 37,1 Quadratmeter.

          Knapper, als es momentan aussieht

          Etwas höher als der Durchschnitt (4,7 Prozent) ist die Arbeitslosigkeit im Westen (4,9). Von den knapp 95 500 Vollzeitbeschäftigten bekommt fast jeder Siebte ein Bruttoarbeitsentgelt von weniger als 2000 Euro, in der ganzen Stadt ist es nur knapp jeder Achte. Nahezu drei von zehn Arbeitnehmern verdienen brutto mehr als 5000 Euro, dieser Wert liegt im Stadtschnitt etwas höher.

          Insgesamt leben im westlichen Bundestagswahlkreis etwa 363 500 Menschen, das Durchschnittsalter beträgt 40,3 Jahren und ist damit etwas niedriger als in der gesamten Stadt (40,9). Der Ausländeranteil liegt bei gut 32 Prozent und ist höher als der Schnitt mit knapp 29 Prozent. Dasselbe gilt für den Anteil der Deutschen mit Migrationshintergrund (24 zu 23 Prozent). Wahlberechtigt sind annähernd 198 000 Bürger.

          Wer am Ende vorne liegt? Es könnte knapper werden, als es momentan aussieht. Höchstwahrscheinlich ist jedenfalls, dass entweder Zimmer, der auf Platz acht der CDU-Landesliste steht, oder Strank, SPD-Listenplatz 25, das Direktmandat gewinnen werden. Jessica Purkhardt (Die Grünen), Nicola Beer (FDP), Achim Kessler (Die Linke) und Horst Reschke (AfD) sind allerdings Achtungserfolge zuzutrauen. Sollte einer oder eine von ihnen ein zweistelliges Prozentergebnis schaffen, wäre das eine starke Leistung. Für Pawel Borodan (Piraten), Michael Weingärtner (Freie Wähler), Nico Wehnemann (Die Partei), Corinna Kaske-Jones (MLPD) und Marianne Arens (SGP) geht es in erster Linie um die Teilnahme.

          Von der Hauptstadt hat CDU-Politiker Matthias Zimmer auch nach acht Jahren im Bundestag nicht viel gesehen. Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit für Sightseeing und Museen in Berlin. Ob für ihn im Falle einer Niederlage auch sein Listenplatz acht zum Einzug in den Bundestag reichen würde, ist schwer zu sagen. 2013 waren 21 hessische CDU-Abgeordnete in den Bundestag eingezogen. Damals schafften es aber lediglich vier über die Landesliste, weil 17 Kandidaten ein Direktmandat gewannen. Geht es nach SPD-Herausforderer Oliver Strank, hat sein Konkurrent demnächst jedenfalls mehr Zeit für touristische Höhepunkte.

          Quelle: F.A.Z.

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