14.01.2008 · Bei der Polizei sind sie unter „Basu 21“ bekannt – „besonders auffällige Straftäter unter 21 Jahren“. Noch vor einigen Jahren interessierte sich kaum jemand für diese Intensivtäter. Das hat sich geändert - nicht erst wegen der Überfälle in Frankfurt und München.
Von Katharina IskandarBei der Polizei sind sie unter dem Kürzel „Basu 21“ bekannt – „besonders auffällige Straftäter unter 21 Jahren“. Ihre Werdegänge füllen in der Regel mehrere Ordner. Viele von ihnen haben mit Ladendiebstahl begonnen, später kamen schwerer Diebstahl, Raub, Körperverletzung hinzu – und das alles innerhalb kürzester Zeit. Noch vor einigen Jahren interessierte sich kaum jemand für diese sogenannten Intensivtäter: Jugendliche, die eben öfter straffällig wurden als andere, weiter aber nicht beachtenswert waren. Inzwischen – und dafür waren nicht erst Vorfälle wie in München oder Frankfurt nötig – werden wissenschaftliche Untersuchungen über jugendliche Wiederholungstäter angestellt; oder, wie im Frankfurter Polizeipräsidium, Sonderermittler eingesetzt, die junge Delinquenten im Auge behalten.
Seit Juni 2005 gibt es die „EG Kompass“. Die Gruppe wurde gegründet, nachdem die Ermittler festgestellt hatten, dass es immer die gleichen jungen Täter waren, die ihnen wegen Diebstahls oder Straßenraubs in den Verhören gegenübersaßen. In der Regel waren es heranwachsende Männer, die ihre Taten entweder leugneten oder keine Reue zeigten. Mit reiner Deliktforschung sei man damals nicht weitergekommen, sagt Polizeisprecher Jürgen Linker. Stattdessen sei es notwendig geworden, sich unabhängig von den begangenen Straftaten stärker auf die Täter zu konzentrieren. Denn man habe erkannt, dass diese notorisch auffälligen Jugendlichen insbesondere bei der Straßenkriminalität prozentual einen Großteil der Delikte begingen.
1400 Mehrfach- und Intensivtäter registriert
Das zeigt auch ein Blick in die Polizeistatistik des Hessischen Landeskriminalamts (LKA): Allein 2006 wurden im gesamten Bundesland rund 1400 Mehrfach- und Intensivtäter registriert, die mehr als 7000 Straftaten begangen haben sollen. Die beim LKA angesiedelte kriminalistisch-kriminologische Forschungsstelle spricht sogar von rund 90 000 Fällen, die den Intensivtätern seit ihrer Strafmündigkeit zugerechnet werden. Diese Straftäter sind nach übereinstimmender Meinung von Kriminologen auch daran schuld, dass sich Bürger in Großstädten unsicher fühlen. Nicht zuletzt machten sie den Strafverfolgungsbehörden besonders viel Arbeit. Täterorientierte, deliktübergreifende Ermittlungen haben sich bewährt, wie es in einem Bericht des LKA zur Kriminalstatistik heißt. Polizei und Justiz würden sich auch in den nächsten Jahren gezielt dieser Klientel annehmen – und das nicht nur in der Praxis, sondern auch aus wissenschaftlichem Blickwinkel. Derzeit geht die kriminalistisch-kriminologische Forschungsstelle gemeinsam mit der Universität Tübingen der Frage nach, was die Ursachen für die kriminellen Karrieren dieser Jugendlichen sind und unter welchen Bedingungen sie immer wieder straffällig werden. Die Ergebnisse der Studie werden voraussichtlich im Sommer veröffentlicht.
Die „EG Kompass“ entscheidet derweil nach eigenen Kriterien, wen sie in ihre Kartei aufnimmt. Ins Visier der Ermittler geraten alle Jugendlichen bis 18 Jahre, die mehr als fünf Straftaten in einem Jahr verübt haben, darunter mindestens ein Gewaltdelikt wie gefährliche Körperverletzung oder Raub. Delinquenten, die ein halbes Jahr lang nichts angestellt haben, werden aus der Beobachtung entlassen. 70 Personen umfasst die Kartei derzeit – Deutsche und Ausländer aus allen Stadtteilen Frankfurts. Für jeden Straftäter wird ein „Personagramm“ erstellt, in dem Informationen über das Elternhaus, bevorzugte Freizeitbeschäftigungen oder den Freundeskreis gespeichert sind. Mehrmals im Monat suchen die Beamten ihre „Schützlinge“ auf – möglichst überraschend. Kaum ein Tag vergehe, an dem die Polizisten nicht wüssten, was die Jugendlichen trieben, ob sie in der Schule gewesen seien oder mit welchen Freunden sie sich träfen, sagt Polizistin Stefanie Glaum. Ihrer Ansicht nach hat sich dieses Konzept bewährt.
„Wir studieren ihre Lebensläufe“
Das belegen die Zahlen: In der ersten Phase nach Gründung der „EG Kompass“ im Sommer 2005 waren 107 jugendliche Straftäter erfasst, die insgesamt für rund 2000 Taten verantwortlich waren. 26 Jugendliche konnten nach einem Jahr wieder aus der Kartei genommen werden; sie fielen nicht in die Kriminalität zurück. Bis heute sei diese „Erfolgsquote“ gehalten worden, heißt es bei der Polizei.
Glaum erklärt den Erfolg der Ermittlungsgruppe mit der „Mischung aus Kontrolle und Fürsorge“, die die Beamten den Straftätern entgegenbrächten. Indem die Ermittler sie unangemeldet in ihrer Freizeit aufsuchten, machten sie deutlich, dass sie sie beobachteten, „und zwar theoretisch zu jeder Zeit“. Zugleich kümmerten sie sich um die Jugendlichen, so Glaum. „Wir studieren ihre Lebensläufe, unterhalten uns mit ihnen, hören uns ihre Geschichten an.“ Für einige seien die Beamten irgendwann so etwas wie ein Mutter- oder Vaterersatz, für andere eher der große Bruder oder ein Freund. In jedem Fall aber seien sie ein Vorbild, sagt Glaum. „Und das ist wichtig, denn das haben die meisten der Straftäter bisher nie gehabt.“
„Jugendliche sehnen sich nach Regeln“
Die Polizisten machen dabei ähnliche Erfahrungen wie Sozialarbeiter: „dass sich nämlich ein Großteil der Jugendlichen insgeheim nach Regeln und Vorschriften sehnt und jemanden braucht, der die Einhaltung dieser Vorgaben auch kontrolliert“, wie Glaum sagt. Viele der Straftäter kämen aus zerrütteten Familien, in denen sich die Eltern nicht um ihre Kinder kümmerten. Vernachlässigt werden nach den Worten Glaums im Übrigen auch „sehr wohlbehütete Kinder aus gutsituierten Familien“ – auch solche habe sie schon betreut. Weil sich niemand um die Heranwachsenden sorge, gingen sie irgendwann nicht mehr in die Schule und lungerten stattdessen auf der Straße herum. „Spätestens dann kommen sie auf dumme Gedanken.“
Die größte Herausforderung sei, „einen Draht“ zu den Straftätern zu bekommen, meint Glaum. „Immerhin sind Polizisten bei den meisten nicht allzu beliebt.“ Erreichen könne man die Jugendlichen in der Regel, indem man sie ernstnehme, sagt die Beamtin. Manchmal dauere es mehrere Monate, bis die Jugendlichen bereit seien, sich mit den Ermittlern an einen Tisch zu setzen. „Aber wenn man dann im Gespräch die Ursache findet, weshalb ein Jugendlicher immer wieder raubt, prügelt oder Sachen stiehlt, ist es zum eigentlichen Ziel, nämlich den Straftäter wieder auf die richtige Bahn zu lenken, nur noch ein vergleichsweise kleiner Schritt.“