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Jugendweihe : Ohne Gott erwachsen werden

  • -Aktualisiert am

Auf der Bühne: Für die Jugendlichen ist der Tag etwas Besonderes. Bild: Bergmann, Wonge

In der DDR war sie ein Machtinstrument der Erziehung zur SED-Ideologie. In den alten Bundesländern ist die Jugendweihe als Tradition dagegen kaum bekannt. An Himmelfahrt haben dennoch 34 Jugendliche in Frankfurt das nichtreligiöse Fest gefeiert.

          Durch die geöffneten Fenster klingen die Glockenschläge der benachbarten Deutschordenskirche. Sie rufen zum Festhochamt an Christi Himmelfahrt. Im Haus der Jugend am Mainufer wird etwas anderes gefeiert. Der christliche Feiertag ist für die Teilnehmer der Jugendweihe einfach ein „freier Donnerstag“. Keiner der Jugendlichen habe einen Bezug zur Religion oder zu Gott, sagt Michael Frenzel. Der 24 Jahre alte Mann organisiert die Jugendweihe in Hessen, gemeinsam mit seiner Mutter Astrid Frenzel. 34 junge Menschen sind es in diesem Jahr, die das nicht-religiöse Fest feiern, das den Übergang zum Erwachsensein kennzeichnen soll. „Das Ziel der Jugendweihe ist es, dass die Jugendlichen lernen, selbst zu denken“, sagt Michael Frenzel.

          Für viele Menschen, vor allem aus den alten Bundesländern, ist die Jugendweihe etwas, dass es „gar nicht mehr gibt“, ein Fest, das in der DDR gefeiert wurde und politisches Instrument war. Dem ist auch so: Seit den sechziger Jahren war die Feier ein Staatsakt. Im Jahr 1985 nahmen 97,4Prozent der Jugendlichen an der Feier teil. Zur Zeremonie gehörte das Gelöbnis, in dem es hieß: „Seid ihr bereit, als junge Bürger unserer Deutschen Demokratischen Republik mit uns gemeinsam, getreu der Verfassung, für die große und edle Sache des Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen und das revolutionäre Erbe des Volkes in Ehren zu halten, so antwortet: Ja, das geloben wir!“

          Festliche Kleidung für den besonderen Tag

          In Hessen gibt es die Jugendweihe seit den frühen neunziger Jahren, sie wird inzwischen auch „Jugendfeier“ genannt. Gelobt wird hier nichts. Der Höhepunkt der fast zwei Stunden langen Feier ist der leiseste Augenblick. Niemand singt oder trägt etwas vor, im Hintergrund spielt ein Pianist einen Song vom Buena Vista Social Club auf dem Keyboard, die Jugendlichen werden mit den Vornamen aufgerufen, auf die Bühne zu kommen.

          Die Mädchen tragen knielange Kleider, die Haare sind oft geflochten, die Fingernägel lackiert und die Augen geschminkt. Die meisten Jungen tragen einen Anzug, manche sogar einen Schlips, andere ein Sakko über einer Jeans, die Haare sind mit Gel frisiert. Auf der Bühne holen die 14 und 15 Jahre alten Jugendlichen sich vor 600 Zuschauern ein kleines Blumengesteck mit gelber oder orangefarbener Nelke ab. Dazu gibt es ein Fotobuch für die Erinnerung und die signierte Autobiographie der NS-Zeitzeugin Edith Erbrich. „Eine Geste oder ein Ritual gibt es nicht“, sagt Frenzel. Das Blitzlichtgewitter der Angehörigen sei der Abschluss der Feier.

          Alternative zu kirchlichen Feiern

          Die Tradition eines nicht-religiösen Initiationsritus ist älter als die DDR. Seit dem März-Edikt von 1847war es in Preußen erlaubt, aus der Kirche auszutreten. So bildeten sich freireligiöse Bewegungen, in denen die Jugendweihe ihren Ursprung hat. 1852 veranstaltete Eduard Baltzer zum ersten Mal eine solche nichtreligiöse Feier als Alternative zu Konfirmation und Firmung. Der Pfarrer und Abgeordnete der ersten deutschen Nationalversammlung im Mai 1848 gilt als Gründervater der Jugendweihe.

          In Hessen hat die Jugendweihe keine Tradition, aber die Gruppe der Jugendlichen wächst jedes Jahr. Seit 2000 habe die Nachfrage nach der Jugendweihe „stark zugenommen“, sagt Michael Frenzel. Einige der Jugendlichen kämen aus Familien, in denen Jugendweihe Tradition sei, andere suchten nach einer anderen Möglichkeit als kirchliche Feiern. Dachverband der Jugendweihe Hessen ist der Deutsche Freidenker-Verband, eine nichtreligiöse, philosophisch begründete Weltanschauungsgemeinschaft. Es sei aber keine Pflicht, für die Teilnahme an der Jugendfeier Mitglied der Freidenker zu werden, sagt Frenzel.

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