29.12.2004 · Die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen in Frankfurt ist laut polizeilicher Kriminalstatistik von 1994 bis zum Jahr 2003 von 5990 auf 6451 (plus 7,8 Prozent) gestiegen. Der Anteil der unter Einundzwanzigjährigen an der Gesamtzahl der Tatverdächtigen lag damit bei 17,4 Prozent.
Die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen in Frankfurt ist laut polizeilicher Kriminalstatistik von 1994 bis zum Jahr 2003 von 5990 auf 6451 (plus 7,8 Prozent) gestiegen. Der Anteil der unter Einundzwanzigjährigen an der Gesamtzahl der Tatverdächtigen lag damit bei 17,4 Prozent. Nach Schätzungen der Jugendkoordinatoren Polizei gibt es in Frankfurt zwischen 100 und 200 "Intensivtäter" unter 21 Jahren; das sind Personen, die bei mehr als 20 Straftaten unter Verdacht stehen oder mit außergewöhnlich hoher krimineller Energie vorgehen. Die Zahl der von der Polizei als mögliche Kriminelle registrierten Kinder (unter 14 Jahren) stieg von 1994 bis 2003 von 456 auf 654 (plus 43 Prozent). Und die Gewaltbereitschaft nimmt zu: Jede zehnte von jungen Menschen begangene Straftat (10,5 Prozent) war im Jahr 2003 eine Körperverletzung.
Trotz dieser Zahlen warnen die beiden Jugendkoordinatoren der Frankfurter Polizei, Claudia Ringel und Rolf-Dieter Baer, vor einer Dramatisierung der Lage. Jugendkriminalität - vor allem in Form des Ladendiebstahls und des Schwarzfahrens - sei überwiegend ein "episodenhaftes und alterstypisches Verhalten von jungen Menschen", heißt es in ihrem jetzt vorgelegten Bericht für das Jahr 2003.
Nur in Einzelfällen gebe es Hinweise auf soziale Schwierigkeiten der Tatverdächtigen, die zu einer "kriminellen Karriere" führen könnten. Die Zahl der latent gewaltbereiten Jugendlichen sei im vergangenen Jahrzehnt nicht größer geworden, meinen Ringel und Baer, lediglich die Medien schenkten diesem Phänomen mehr Aufmerksamkeit. Die Jugendkoordinatoren warnen vor Pauschalurteilen und weisen darauf hin, daß die Zahl der unter Tatverdacht stehenden Heranwachsenden (18 bis 20 Jahre) beispielsweise von 1994 bis 2003 sogar um gut 200 auf 3229 zurückgegangen sei.
Vor 15 Jahren wurde bei der Frankfurter Polizei die Stelle eines Jugendkoordinators eingerichtet, seit elf Jahren sind es zwei Personen, die sich im Präsidium ausschließlich mit der Prävention von Jugendkriminalität befassen. "Wir verstehen uns als eine Vermittlungsstelle zwischen Polizei, Schule, Jugendamt und Jugendeinrichtungen, sind Ansprechpartner für Kids, Lehrer und Eltern, auch für Täter, aber vor allem für die Opfer", sagt Ringel. Die 43 Jahre alte Kriminalhauptkommissarin ist sei 1992 Jugendkoordinatorin, der 55 Jahre alte Polizeihauptkommissar Baer seit 1995.
Die beiden Beamten versuchen unter anderem, Brennpunkte der Jugendkriminalität frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern, bevor eine brisante Situation in einem Stadtteil eskaliert. Vor allem geht es ihnen darum, Auseinandersetzungen zwischen Jugendgruppen - Ringel und Baer vermeiden das Wort "Banden" - zu beenden. Banden seien organisiert, hierarchisch strukturiert und gingen planmäßig vor, erläutert Ringel. "In diesem Sinne gibt es in Frankfurt keine Jugendbanden."
Anders als noch vor einigen Jahren definierten sich die Jugendgruppen auch nicht mehr in erster Linie über ihre Nationalität, sondern vor allem über ihren Stadtteil. "Wir sind Bockenheimer Türken", heiße es zum Beispiel, und der Stadtteil werde nicht von ungefähr vor dem Heimatland genannt, berichtet Baer.
Die Mehrzahl der Mitglieder solcher Jugendcliquen, die sich martialische Namen wie "G-Force" oder "La Force" gäben, seien allerdings dennoch Ausländer oder ausländischer Abstammung. Der Anteil Nichtdeutscher an der Gesamtzahl minderjähriger Tatverdächtiger lag im Jahr 2003 bei 56 Prozent. Zudem sind gewalttätige Jugendliche fast ausnahmslos männlich. Die wenigen reinen Mädchengangs in Frankfurt stehen Ringel zufolge den jungen Männern in Sachen Brutalität nicht nach.
"Im Straßenkampf gibt es keine Regeln und kein klar definiertes Ende", sagt Baer, und anders als früher, als sich vernachlässigte, rebellierende junge Menschen zu Faustkämpfen verabredet hätten, seien heute oft Waffen im Spiel. Früher habe es einen gewissen allgemein respektierten Verhaltenskodex gegeben: Wenn ein Gegner am Boden lag, wurde nicht mehr auf ihn eingeschlagen. "Diese Hemmung ist heute nicht mehr da, und es kommt auch sehr viel früher zu Gewaltausbrüchen." Ein "blödes Grinsen" könne schon zuviel sein, und dann helfe oft auch kein schnelles "Tut mir leid" mehr.
Die Frage der "Ehre" spiele insbesondere bei nichtdeutschen Jugendlichen eine wichtige Rolle. Für einen als "Hurensohn" beschimpften jungen Muslim sei diese Schmach oft nur noch mit Schlägen oder Schlimmerem auszulöschen. Der Erklärungsansatz, junge Gewalttäter stammten in aller Regel aus sozial schwachen Schichten und Familien, in denen sie selbst Gewalt ausgesetzt seien, greife jedenfalls zu kurz, meint Baer. Der kulturelle Hintergrund sei seiner Erfahrung nach bei gewissen Formen der Gewaltkriminalität sogar ausschlaggebend.
Der Anlaß für einen mit dem Messer ausgefochtenen Streit könne ganz trivial sein: ein scheinbar provozierender Blick, ein Flirt mit einem Mädchen aus einem anderen Stadtteil, die simple Tatsache, daß ein Mitglied einer Gruppe die Grenze zu einem von einer anderen Gang "kontrollierten" Viertel überschritten habe. Was dann folge, sei allerdings manchmal auch nur ein Spiel, um Aufmerksamkeit zu erregen, meint Baer. Dann ziehe zum Beispiel ein Dutzend Jugendlicher auf dem Weg zu den Rivalen aus dem Nachbarstadtteil mit Zaunlatten durch die Straßen - so unübersehbar, daß das Einschreiten der Polizei offenbar einkalkuliert sei.
Sorgen bereitet Ringel und Baer der zunehmende Drogenkonsum unter Jugendlichen. Es gebe glaubhafte Angaben von Schülern, wonach in einigen Klassen mehr als die Hälfte der Schüler Haschisch oder Marihuana konsumierten, heißt es im Jahresbericht der beiden Beamten. In 14 Prozent der aufgeklärten Raubdelikte wiederum hatten die jugendlichen Täter eine Beziehung zum Drogenmilieu. Der Forderung von Polizeipräsident Harald Weiss-Bollandt, das Strafmündigkeitsalter von 14 auf zwölf Jahre herabzusetzen, beurteilen die beiden Jugendkoordinatoren trotz allem skeptisch. "Mit unseren Zahlen läßt sich das nicht begründen", sagt Ringel. Viel wichtiger sei es, daß die Bestrafung eines jungen Täters dem Vergehen möglichst auf dem Fuß folge.
Zudem müsse in Sachen Jugendkriminalität noch stärker als bisher auf Vorbeugung gesetzt werden. Die Jugendkoordinatoren der Polizei tun dies zum Beispiel mit Rollenspielen vor Lehrern und Schülern, bei denen gewaltfreie Konfliktlösungen eingeübt werden, oder mit Vorträgen bei Elternabenden über Kindesmißbrauch, wie er frühzeitig zu erkennen und zu verhindern ist. "Die Prävention", sagt Baer, "ist die vornehmste Aufgabe der Polizei." (ler.)