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Jüdisches Museum Von Deutschland heimgesucht

10.04.2007 ·  Streitbar war er sein Leben lang. Dem jüdischen Publizisten, Dichter und Maler Arie Goral, der sich gegen das Verdrängen der NS-Vergangenheit stark machte, ist eine Ausstellung im Museum Judengasse gewidmet.

Von Hans Riebsamen
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Bruder Abel wollte er nicht sein. Nicht schweigen, dulden, sich demütig beugen. Nein, Arie Goral hat den Kopf hoch getragen und den Mund streitbar aufgemacht, wenn es ihm nötig erschien. Und es erschien ihm oft nötig. Zum Beispiel 1963, als er zu seiner Verblüffung in der „Zeit“ die Behauptung lesen musste, in Auschwitz sei nicht gemordet worden, weil die Verfolgung und Tötung der Juden als eine „legitime Kriegshandlung“ zu betrachten sei.

Der dies geschrieben hatte, war nicht irgendeiner, sondern der Hamburger Professor Peter Hofstätter, damals der führende deutsche Sozialpsychologe. Goral erstattete gegen ihn Strafanzeige, nach Monaten der öffentlichen Auseinandersetzung, in der sich Hofstätter Schützenhilfe bei der „Deutschen National- und Soldaten-Zeitung“ holte, verbot der Senat der Hamburger Universität ihrem Ordinarius jede weitere öffentliche Äußerung.

Dornenkrone auf dem Haupt

Goral, der von 1909 bis 1996 lebte, war freilich mehr als nur ein Publizist, der keinem Streit aus dem Weg gegangen ist – dies erfährt man in der Ausstellung „Arie Goral. Kein Weg als Jude und Deutscher“ im Museum Judengasse in Frankfurt. Der Mann mit dem wehenden Haarkranz, in Hamburg eine stadtbekannte Persönlichkeit, war auch Künstler. Ein Dichter und Maler. Einige Dutzend seiner 800 Gemälde und viele seiner Grafiken, Zeichnungen und Gouachen aus dem Besitz des Ludwig Meidner-Archivs im Jüdischen Museum Frankfurt werden in der Judengasse gezeigt. Ebenso sind einige seiner lyrischen Texte zu lesen, zum Beispiel diese Selbstcharakterisierung: „Dornenstrauss bind ich im Feld, / Nicht Ranken vom Wein, kein Lorbeerlaub – / Blaublumige, brennende Distelkron, / Die ich fand, mir auf das Haupt.“

Eine der Dornenkronen, die Goral sich aufs Haupt gedrückt und die ihn – wie er am Ende seines Lebens formulierte – „auf dem Weg meiner vierzigjährigen Heimsuchung“ wieder und wieder gestochen hat, war seine Rückkehr nach Deutschland. Nie war er sich sicher, ob seine Entscheidung richtig gewesen war. Immer wieder stellte sich ihm die Frage: „Kein Weg als Jude und Deutscher?“

Kampf gegen das Verdrängen

Was Walter Sternheim, wie Goral ursprünglich hieß, dazu veranlasst hat, 1953 in jenem Land wieder Heimat zu nehmen, das er 1933 nach dem „Tag des Judenboykotts“ Hals über Kopf verlassen hatte? Weil er sich in Israel nie richtig hatte einleben können. Gewiss. Weil er dort im Unabhängigkeitskrieg 1948 Dinge erlebt hat, „die ich Juden nie zugetraut hätte“, etwa die Zerstörung arabischer Dörfer. Auch dies. Aber vor allem, weil seine Sprache Deutsch war. Und Goral, Maler und Kunstpädagoge, war ein Mann der Sprache – ganz und gar, seit er 1978 aufgehört hatte zu malen. „Im Wort fand ich mehr und mehr das Aussagbare“, sagte er einmal.

Mit Worten hat er gestritten: mit dem Hamburger Senat, dem er ein Heine-Denkmal abforderte; mit den Hamburger Verkehrsbetrieben, die nach seiner lautstarken Intervention keine Autokennzeichen mit den Buchstaben-Kombinationen HH-KZ oder HH-SS mehr verwendeten; mit der Universität, die schließlich seinem Wunsch folgte und ihrer Bibliothek den Namen des Nazi-Gegners und Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky gab. Goral war als deutscher Jude seiner Zeit voraus, denn er hat sich in den Nachkriegsjahren nicht unauffällig verhalten wie viele andere. Lange bevor in Frankfurt Juden im Fassbinder-Streit öffentlich demonstrierten, hat Goral seine Kämpfe gegen das Verdrängen der NS-Vergangenheit öffentlich ausgefochten.

Die Ausstellung „Arie Goral. Kein Weg als Jude und Deutscher?“ ist bis zum 20. Mai im Museum Judengasse, Kurt-Schumacher-Straße 10, zu sehen. Geöffnet ist sie dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr,

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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