12.03.2010 · Eine Viertelmillion russischer Juden ist nach dem Kommunismus nach Deutschland gekommen. Warum ausgerechnet hierher, erklärt eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt.
Von Hans RiebsamenKoffer und Tasche. Der Koffer im Jüdischen Museum steht für die jüdische Gemeinschaft, die sich nach dem Holocaust zu einem gut Teil aus „Displaced Persons“ osteuropäischer Herkunft in Deutschland gebildet hat. Die Tasche dagegen repräsentiert die jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach 1989 in das bald darauf vereinte Deutschland emigriert sind.
„Ausgerechnet Deutschland!“ haben sich beide Gruppen unter Hinweis auf den deutschen Judenmord im Nationalsozialismus zuweilen vorhalten lassen müssen. Diesen Ausruf des Unverständnisses hat Kurator Dimitrij Belkin denn auch als Titel für seine klar strukturierte und architektonisch originell gestaltete Ausstellung über die jüdisch-russische Einwanderung nach Deutschland gewählt. Mit ihren vielen Alltagsobjekten und Alltagsbeobachtungen schöpft diese Schau, die sich in ihrem Ablauf an den einzelnen Stationen der Immigration orientiert, wahrlich aus dem prallen Leben
Billige Gepäckstücke
Der braune Koffer in der Ausstellung ist solide aus Holz gefertigt. Auf ihm und auf anderer gepackter Bagage haben, bildlich gesprochen, Astrid und Jakob Zajdband wie viele andere Juden in Frankfurt und anderen Städten in den sechziger und siebziger Jahren gesessen, immer in der Furcht, ein neuer Nazismus und Antisemitismus könnten Deutschland ergreifen und die kleine jüdische Gemeinschaft überrollen. Die blau-rot karierte Tasche dagegen besteht aus solidem ukrainischem Kunststoff. In sie und andere billige Gepäckstücke haben die Familie Belkin und andere Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in den neunziger Jahren ihre bewegliche Habe verstaut, um in das gelobte Land an Rhein und Donau aufzubrechen. Die Zajbands wie auch die Belkins haben ihre Reisebehältnisse inzwischen ausgepackt. Sie sind endgültig angekommen im neuen Deutschland, dem Land der Demokratie und des Wohlstands, das ihnen jetzt Heimat ist.
Etwa eine Viertelmillion Juden gelangte nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zwischen 1989 und 2005 mit sowjetischem Pass hierher. Die Auswanderer kehrten Ländern den Rücken, in denen der Antisemitismus mehr oder weniger Staatspolitik war und auch nach der Wende zumindest nicht aus dem Alltag verschwand. Sie versuchten Gesellschaften zu entkommen, die nach dem Ende der kommunistischen Gewissheiten in eine völlige Verwirrung geraten waren - eine geistige und ökonomische.
Die Zuwanderung nach Deutschland begann mit dem Beschluss der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière, Juden aus der Sowjetunion einreisen zu lassen und ihnen einen dauerhaften Aufenthalt zu gewähren. Anfang 1991 beschlossen die deutschen Ministerpräsidenten, diese Aufnahmepraxis aus humanitären Gründen fortzuführen und für sowjetische Juden als „Kontingentflüchtlinge“ die Grenze offenzuhalten. Mit dieser Großzügigkeit war 2005 Schluss, mittlerweile müssen jüdische Einwanderer glaubhaft belegen, dass sie sich in absehbarer Zeit selbst ernähren können. Und sie müssen den Nachweis erbringen, dass sie in eine Jüdische Gemeinde aufgenommen werden können.
Warum nicht Amerika oder Israel?
Hier beginnt eines der Probleme, vor denen die „Russen“ standen und stehen. Denn die hiesigen Gemeinden haben längst nicht alle Einwanderer aus Moskau oder Kiew aufgenommen. Ihnen gilt in der Regel als echter Jude nur, wessen Mutter Jüdin ist. Der Stempel „Jude“ in den sowjetischen Pässen, der im Kommunismus häufig zu Diskriminierung und in der Zeit nach der Wende in der Regel zu einem Einreisevisum nach Deutschland führte, öffnete also nicht automatisch die Tür zur institutionalisierten jüdischen Gemeinschaft. Diesen Umstand verbildlichen die Ausstellungsarchitekten mit einer Art Schleuse. Sie eröffnet den Zugang zu einer der Gemeinden. Doch man kann sie auch umgehen - was mehr als die Hälfte der „Russen“ tatsächlich getan haben.
Ausgerechnet Deutschland. Warum nicht Amerika oder Israel? Die Wahl der Auswanderer beruhte oft auf irrationalen Erwägungen. Kurator Belkin etwa hat 1993 mit 21 Jahren die Ukraine verlassen, weil er, ein Kind der Perestrojka, einfach eine bessere Lebenschance suchte. Deutschland haben er und seine Freunde als Ziel gewählt, weil es im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten oder Israel „um die Ecke“ lag. „Wir hätten immer zurückkehren können.“ In der Ausstellung wird ein anderer Auswanderer mit der Bemerkung zitiert: „In Israel könnte ich nicht lange bleiben. Diese Hitze. Deutschland ist mir näher. Klimatisch und überhaupt.“
Natürlich hatten sich viele ein falsches Bild gemacht. Deutschland erwies sich nicht als Paradies. Die Einwanderer wurden zuerst einmal in Heimen einquartiert, ihre alten Berufe wurden oft nicht anerkannt, sie mussten bürokratische Hürden überwinden und landeten nicht selten auf dem Abstellgleis Sozialhilfe. So zieht der Ausstellungsbesucher auf den Spuren der Einwanderer denn auch durch das „Amt Deutschland“, einen Containerraum voller Akten mit Aufschriften wie „Diplom“, „Flüchtlinge“, „Jüdisch-Nichtjüdisch“.
„In Russland wäre ich kein Polizist geworden“
Jene, die zu alt waren, um in der neuen Heimat noch einmal beruflich und kulturell Fuß zu fassen, haben sich gern in die Nostalgie verkrochen. Dafür steht in der Ausstellung ein deutsch-russisches Wohnzimmer mit einer Bücherwand voller Klassiker von Goethe bis Puschkin, alle in russischer Sprache. „Wie ist das Wetter in Moskau?“, lautet die ironische Überschrift. Denn die „Russen“ in ihren Wohnungen in Frankfurt oder Düsseldorf wissen, weil sie am liebsten russisches Fernsehen schauen, über die Temperaturen in Omsk und St. Petersburg besser Bescheid als über die in ihrer neuen Heimatstadt.
Doch es gibt viele andere jüdische Einwanderer, die es allen Widrigkeiten zum Trotz weit gebracht haben in Deutschland. Wladimir Kaminer zum Beispiel, der Berliner Kultautor, der den Ausstellungsmachern seinen ersten Pass im neuen Leben zur Verfügung stellte, ein Dokument, das ihn lange als Staatenlosen ausgewiesen hat. Oder Mark Lifchits und Natalia Jakovskaia, die einen russischen Supermarkt aufgemacht haben. J. W., der aus Moskau kommt, posiert dem Fotografen sogar in seiner Polizeiuniform. „In Russland wäre ich kein Polizist geworden“, sagt er. In Deutschland dagegen kann er, so glaubt der Einwanderer aus Russland, als Polizist etwas Gutes für andere tun.