Mehr als 160 Mal ist er schon ins Visier der Frankfurter Polizei geraten. Von Autofahrern an roten Ampeln hat er bis zu 300 Euro erbettelt, ein Rentnerpaar um ihren BMW und 35000 Euro erleichtert und im Internet Ware versteigert, die es gar nicht gab. Die Geschichte des Mannes ist außergewöhnlich - und doch nur ein Beispiel für die kriminellen "Höchstleistungen" der 182 sogenannten Intensivtäter, die derzeit bei der Frankfurter Polizei registriert sind.
Seit 1998 befaßt man sich im Frankfurter Präsidium mit Intensiv- oder Wiederholungstätern, also mit Leuten, die in relativ kurzer Zeit vergleichsweise viele Straftaten begehen. Aus allen 18 Polizeirevieren der Stadt erhalten die Ermittler der "Arbeitsgruppe Intensivtäter" Informationen. Zum Jahresende 2003 hatten die Beamten in 18809 Fällen Ermittlungsverfahren gegen die damals 178 registrierten Vielfachtäter eingeleitet. Das entspricht einem Durchschnitt von 106 Straftaten je Person. Mehr als die Hälfte der Straftaten sind Eigentumsdelikte, wie Ladendiebstahl, Autodiebstahl oder Einbruchsdiebstähle aller Art. Der Schaden, den die Intensivtäter verursachen ist enorm: Für alle registrierten Fälle der vergangenen beiden Jahre beziffert die Polizei die Schadenssumme auf etwa 25000 Euro. Und das sei nur die Spitze des Eisbergs, sagt Lauer. Die Dunkelziffer sei natürlich sehr viel höher als die Zahl der bekannten Straftaten.
Um in die Kartei aufgenommen zu werden, muß ein Straftäter drei Bedingungen erfüllen: Mindestens 20 Ermittlungsverfahren aus den vergangenen beiden Jahren müssen gegen ihn vorliegen, seine Taten dürfen sich nicht auf ein Delikt beschränken, und es muß als sehr wahrscheinlich gelten, daß er wieder straffällig wird. "Etwas mehr als 80 Prozent der von uns betreuten Täter sind drogenabhängig", berichtet Bernd Lauer, Kriminalhauptkommissar und Leiter der Ermittlungsgruppe. Rauschgiftsüchtige seien meist körperlich geschwächt und nicht sehr vorsichtig und würden deshalb viel eher erwischt als andere, professionellere Straftäter.
Das Profil der Intensivtäter ist uneinheitlich. Die meisten sind älter als 21 Jahre alt, männlich und haben eine, wie es bei der Polizei heißt, "herabgesetzte Angstschwelle" und wenig Verantwortungsbewußtsein. Die Gründe für ihre kriminellen Karrieren unterscheiden sich dennoch oft grundlegend. Klaus-Peter Dahle vom Institut für forensische Psychiatrie in Berlin differenziert dabei zwischen zwei Tätertypen: Die eine Gruppe ist durch verschiedene biologische aber auch soziale Störfaktoren erheblich in ihrer Entwicklung vorbelastet. Unter anderem Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten, familiäre Probleme, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus prägen die Lebensläufe dieser Menschen. Sie werden laut Dahle meist schon in ihrer Jugend auffällig und setzten die kriminelle Karriere dann im Erwachsenenalter fort. Oft sind sie sogenannte Underarouser, Menschen, die ein chronisch unterentwickeltes Erregungsniveau haben und sich durch den "Kick" einer Straftat stimulieren.
Die zweite Tätergruppe ist hauptsächlich in der Jugend aktiv und steigt im Erwachsenenalter aus dem Milieu aus. Mit ihrem kriminellen verhalten versuchen diese Menschen häufig, Rückschläge in ihrer normalen Lebenswelt zu kompensieren. Sie sind meist draufgängerisch und haben das starke Bedürfnis, aktiv zu sein und Verantwortung zu tragen.
Die Therapie und Resozialisierung von Intensivtätern ist nach den Worten von Rudolf Egg von der kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, schwierig. Schließlich befänden sich Wiederholungstäter nicht in einer einmaligen Krisensituation, sondern führten ein Leben, das sie unter Umständen gar nicht aufgeben wollten. Oft könnten sie durch die Straftaten ihren aufwendigen Lebensstil oder ihre Drogensucht finanzieren. Klare Grenzen, schnelle Reaktionen und eher pädagogische als therapeutische Maßnahmen hält Dahle bei der Behandlung und Bestrafung solcher Krimineller für sinnvoll. Wichtig sei der Appell an Einsicht und Verständnis der Täter und ein "Angebot zum Problemmanagement".
Bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe stehen auf Ladendiebstahl, für schweren Diebstahl drohen Wiederholungstätern bis zu zehn Jahre Gefängnis. Durch die Ermittlungen der "Arbeitsgruppe Intensivtäter" ist in Frankfurt vor allem eine bessere Reaktion auf wiederholte Straftaten möglich - nicht zuletzt deshalb sitzen rund 40 Prozent der von Bernd Lauer und seinem Team betreuten Täter derzeit in Haft.
SANDRA FREYBERG

