In Schulen mit vielen Kindern aus Zuwandererfamilien unternehmen Lehrer teils immense Anstrengungen, damit muslimische Schüler an Klassenfahrten teilnehmen können. Auch wenn Eltern Kinder aus religiösen Gründen nicht massenhaft von den Fahrten abmelden, zeichnet sich ab, dass diese Überzeugungsarbeit schwieriger wird. Das hat eine Umfrage dieser Zeitung in mehreren Schulen im Rhein-Main-Gebiet ergeben.
Ausgangspunkt war eine zuerst in der Zeitschrift „Der Spiegel“ veröffentlichte Äußerung von Alexander Zabler, Direktor der Frankfurter Carlo-Mierendorff-Schule, einer Gesamtschule. Ihm zufolge darf bis zu ein Drittel der Schüler nicht an den Fahrten teilnehmen. Er bekommt Schreiben muslimischer Verbände, mit denen vor allem Mädchen wegen islamischer Kleidungsvorschriften von Klassenfahrten oder dem Schwimmunterricht ferngehalten werden sollen.
„Klarere Handhabe“
Wegen des Gebots, ein Kopftuch zu tragen, sei es „muslimischen Schülerinnen nicht gestattet, am gemischten Schwimm- und Sportunterricht sowie der Übernachtung außerhalb des engen Familienkreises teilzunehmen“, heißt es etwa in einem Brief des „Arabischen Kulturvereins, Moschee Tarik Ben Ziad“, in Frankfurt. Zwar seien Briefe wie diese für die Schule nicht bindend, aber er könne letztlich nichts tun, wenn begründet werde, warum ein Mädchen nicht an einer Fahrt teilnehmen solle, klagt Zabler. Dabei hätten die Eltern in einer Schulvereinbarung zugesagt, dass ihre Kinder an den Fahrten teilnehmen dürften. Der Direktor wünscht sich einen Erlass, der Kinder zur Teilnahme verpflichtet. Den kann es Kultusministerin Karin Wolff (CDU) zufolge aus rechtlichen Gründen aber nicht geben (siehe auchKultusministerin Karin Wolff im Gespräch ).
„Auch ich hätte gerne eine klarere Handhabe“, sagt Hans-Peter Müller, Leiter der Paul-Hindemith-Schule in Frankfurt, einer Gesamtschule. Doch es wird ihm und seinen Kollegen wenig anderes übrigbleiben, als so zu verfahren wie bisher. Das heißt: intensiv mit Eltern zu sprechen und sie vom Sinn der Klassenfahrten zu überzeugen versuchen. In diesem Jahr sei dies weitgehend geglückt; das sei aber keine Garantie. „Wir leisten richtige Kärrnerarbeit.“ Es gelinge in vielen Fällen, Eltern zu überzeugen, „aber nur mit erheblichem Aufwand“, zumal sie unter der Kontrolle ihres sozialen Umfelds stünden.
„Es geht um Überzeugung“
So verfahren nicht nur die Hindemith- und die Mierendorffschule, sondern auch die Gesamtschule am Gluckenstein in Bad Homburg und die Offenbacher Rudolf-Koch-Schule. „Es wird aber immer schwieriger“, urteilt Franz Seiffert, Lehrer an der Gluckenstein-Schule. Gemeinsam mit seiner Frau, die von den Philippinen stammt und bei Klassenfahrten dabei ist, besucht er Familien, „um Vertrauen zu schaffen“. Das sei früher einfacher gewesen. Seifferts Kollegin Ursula Malsy zögert, noch von „Einzelfällen“ zu sprechen. Die Situation habe sich verschärft, „besonders bei den Mädchen“. So dürften einige Fünft- und Sechstklässlerinnen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen.
An Gymnasien seien die Probleme nicht so groß wie an seiner Schule, urteilt Zabler. „Die Eltern wissen: Sonst gibt es kein Abitur.“ Ein wenig leichter habe sie es schon, sagt Christiane Rogler, Leiterin der Rudolf-Koch-Schule, eines Gymnasiums. Die Eltern seien kooperativer als anderswo. Aber auch sie und ihre Kollegen stoßen an ihre Grenzen: Es gelinge nicht immer, Eltern zu überzeugen. An Schüler, die erst in der 11. Stufe aufs Gymnasium wechselten und vorher an einer Schule mit einem noch höheren Zuwandereranteil gewesen seien, sei schwer heranzukommen. Allerdings: „Die Abmeldung von Kindern ist bisher kein Massenphänomen.“ Von einem „Pflicht-Erlass“ wie er Zabler und Müller vorschwebt, hält sie nichts. „Es geht doch um Überzeugung.“
Klassenfahrten als „Pflicht“
An der Gesamtschule in Kelsterbach seien jüngst zehn von rund 100 Schülern der 10. Stufe bei einer Klassenfahrt nicht dabei gewesen, berichtet die stellvertretende Leiterin Barbara Jühe. Bei einem vermutet sie religiöse Gründe. In solchen Fällen seien Gespräche nötig. „Denn wir sehen Klassenfahrten als Pflicht an.“ Auch wenn junge Leute über die Stränge schlügen. Das seien aber eher die Deutschen. „Wir versuchen alles, damit Kinder integriert werden, auch beim Sport“, hebt sie hervor. Ein attraktiver Sportunterricht sei bei der Eingliederung muslimischer Schülerinnen wichtiger als ideologische Debatten.
„Bei uns spielen religiöse Einflüsse keine große Rolle“, sagt Dieter Maschler, Direktor der Friedrich-Stoltze-Schule, einer Frankfurter Hauptschule. „Bei uns gibt es sehr viele Nationen, da wird jemand mit Fundamentalismus nicht weit kommen.“Wie Rogler und Müller weist er darauf hin, dass Schüler auch aus finanziellen Gründen nicht an Klassenfahrten teilnähmen. Nach Auffassung des Landesschulsprechers Kaweh Mansoori schieben Eltern religiöse Gründe oft vor, nicht zugeben zu müssen, dass ihnen Geld fehle. An Maschlers Schule stammen bis zu 90 Prozent der Schüler aus Zuwandererfamilien. Sollten Kinder von Fahrten ausgeschlossen werden, spreche er mit den Eltern und räume die Bedenken aus.
Eltern gegenüber redet auch Marita Hecker, Sozialarbeiterin an der Frankfurter Philipp-Holzmann-Schule, von Klassenfahrten als „Pflicht“. Die Berufsschule wird nicht nur von Auszubildenden besucht, sondern auch von Schülern im Berufsvorbereitungsjahr. Um sie geht es bei den Fahrten. Dem Pflichtargument gäben Eltern nach. „Dann überwiegt der Wunsch nach Bildung für die Mädchen.“ Die meisten führen mit. Mädchen, auch die muslimischen, machten im Übrigen meist die besseren Abschlüsse, „auch, um sich zu emanzipieren“. Die Jungen seien „Bildungsverlierer“.

