02.10.2008 · Ein Leistungskurs Geschichte der Frankfurter Max-Beckmann-Schule reist in die deutsch-deutsche Vergangenheit - auf dem Fahrrad entlang des ehemaligen Todesstreifens.
Von Matthias TrautschHin und her liefen die Hunde, wütend bellend, Tag und Nacht. Immer an den Drahtseilen, ein paar Meter in die eine, ein paar Meter in die andere Richtung. Ab und zu kam ein DDR-Grenzposten, machte die Tiere scharf. Irgendwann ging ihre Verhaltensstörung in Irrsinn über. Als die Grenze fiel, seien sie zu nichts mehr zu gebrauchen gewesen, sagt Uwe Eberhardt. Man habe sie töten müssen.
Als westdeutscher Zollbeamter hat Eberhardt viele Jahre an der innerdeutschen Grenze gedient, heute führt er Besucher durch das Dokumentationszentrum zur Nachkriegsgeschichte im osthessischen Wanfried. Rund um die Vitrine mit dem Modell der Sperranlage, die bis vor 19 Jahren das Werratal durchschnitt, stehen Gymnasiasten der Frankfurter Max-Beckmann-Schule. Durch die Glasplatte sehen sie detailgetreue Nachbildungen der Zäune, Wachtürme, Beobachtungsbunker, Gräben, Betonmauern. Nur die Schäferhunde sind, genau betrachtet, Ziegen. Maßstabsgerechte Hunde habe es nicht gegeben, sagt Eberhardt.
Schüler zeigen keine Ermüdungserscheinungen
Manches von dem, was der ehemalige Zöllner vom Leben an der deutsch-deutschen Grenze erzählt, wissen die Zwölftklässler schon. Es ist der dritte Tag ihrer einwöchigen Radtour entlang der Demarkationslinie zwischen Ost- und Westdeutschland, die heute die Bundesländer Hessen und Thüringen trennt. Klaus-Jürgen Wetz, der Tutor des Leistungskurses Geschichte, hat das Programm über Monate hinweg ausgearbeitet. Rund 400 Telefongespräche hat er geführt, 2000 Kilometer zurückgelegt, um Unterkünfte und historische Orte zu finden, viele Dutzend Briefe und E-Mails geschrieben, Kontakte zu Zeitzeugen geknüpft. Lokale Politiker sagten für Diskussionsrunden zu, Sponsoren übernahmen einen Teil der Kosten, und die Landtagspräsidenten von Hessen und Thüringen, Norbert Kartmann und Dagmar Schipanski, wurden für die Schirmherrschaft gewonnen.
Das Programm ist straff, Besichtigungen reihen sich an Vorträge und Zeitzeugengespräche. Doch die Schüler zeigen keine Ermüdungserscheinungen. Vielleicht liegt es an der Art der Fortbewegung, am Radfahren. Unterwegs können sie sich körperlich verausgaben, sich unterhalten, tief ein- und ausatmen. Vom Dokumentationszentrum aus führt der Weg durchs Tal der Werra. Einige der Felder sind schon abgeerntet, auf anderen steht der Mais mit prächtigen Kolben, die Bäume auf den Streuobstwiesen tragen schwer an ihrer Last. Der Blick fällt auf die herbstlich gefärbten Hänge jenseits der Werra. Es sind die Ausläufer des Thüringer Waldes, die hier mit dem Heldrastein eine Höhe von 500 Metern erreichen. Eine beschaulichere Landschaft lässt sich nicht denken. Kaum vorstellbar, dass hier eine Grenze verlief, an der Menschen auf Menschen geschossen haben.
In regelmäßigen Abständen säumen verwitterte Steinquader den Radweg. „KH“ ist auf der einen Seite eingemeißelt, „KP“ auf der gegenüberliegenden und „1837“ auf den Schmalseiten. Die Abkürzungen stehen für Kurhessen und das Königreich Preußen, die sich im Jahr 1837 auf jene Grenze geeinigt haben, an der sich die Alliierten des Zweiten Weltkriegs auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam orientierten.
Westlicher Osten, östlicher Westen
Es ist eine mäandernde, willkürlich anmutende Linie, die die Werra ein ums andere Mal überquert, die eine Ortschaft ein- und die nächste wieder ausschließt. Einen besonders kuriosen Schlenker macht die Grenze um die Nachbarorte Heldra und Großburschla. Er führt dazu, dass das geographisch östlicher gelegene Heldra politisch zum Westen gehört, während das westlichere Großburschla politisch im Osten liegt. Wie ein Blatt am thüringischen Baum ragt das Gebiet um Großburschla ins heutige Hessen hinein, mit Thüringen verbunden nur durch einen schmalen Stiel. Heute ist das nicht mehr von großem Belang – im Kalten Krieg bedeutete es für die Großburschlaer ein Leben wie in einem Gefängnis. Auf drei Seiten waren sie von Stacheldraht und Selbstschussanlagen umschlossen, nur eine scharf kontrollierte Landstraße führte hinaus.
18 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der Radweg von Wanfried nach Heldra bestens ausgebaut. Schließlich will die Region den zahlreichen Radtouristen ein möglichst bequemes Fortkommen ermöglichen. Wer aber von der geteerten Piste abkommt, dem kann es leicht passieren, dass er sich auf einem merkwürdigen Weg wiederfindet, der mit zwei Streifen aus Betonplatten befestigt ist. Es ist der ehemalige Kolonnenweg, auf dem die DDR-Grenztruppen mit ihren Fahrzeugen patrouillierten. Entlang der Werra führt er nach Bahnhof Großburschla, der nächsten Station im Programm der Frankfurter Schüler.
Bahnhof Großburschla ist ein Ortsteil, der vom restlichen Großburschla durch den Fluss und die Grenze getrennt ist. Bis 1952 konnten die Bürger noch über die Brücke von einem Ortsteil in den anderen kommen, dann fiel der Eiserne Vorhang. Großburschla war geteilt – ein kleines Berlin im Werratal. Bekannte und Freunde wurden getrennt, Enkel konnten nicht zur Beerdigung ihrer Großeltern fahren, weil Großburschla in der Fünf-Kilometer-Sperrzone lag, für die keine Besuchserlaubnis erteilt wurde. Ähnlich wie an die Berliner Mauer kamen Busladungen von Touristen an die Grenze in Großburschla, um einen Blick über den Todesstreifen in den Osten zu werfen. Das „Gasthaus zum Werratal“, das an der Brücke über den Fluss liegt, machte mit ihnen ein gutes Geschäft. Kurz nach der Wende wurde es geschlossen.
Im bunten Fahrrad-Pulk überqueren die 20 Frankfurter Gymnasiasten die Brücke. Kurz dahinter biegen sie auf den Großburschlaer Sportplatz ein. Bis zum nächsten Programmpunkt ist noch etwas Zeit, die Mädchen legen sich in die Sonne, ein paar Jungen machen Handstand. Dann setzen sie sich im Kreis um einen schlanken, jungenhaft wirkenden Mann. Es ist der Journalist Frank Junghänel, den Geschichtslehrer Wetz als Zeitzeugen gewonnen hat. Der in Ost-Berlin aufgewachsene Junghänel wurde 1980 zu den Grenztruppen eingezogen. Eineinhalb Jahre lang bewachte er den „antifaschistischen Schutzwall“ zwischen Großburschla und Bahnhof Großburschla.
Las die Stasi alle Briefe mit?
Den Schülern, die nur wenig jünger sind als er damals, liest er aus Briefen vor, die er von der Grenze an seine Mutter geschickt hat. „Wie wir erfahren haben, wurde im Nachbarregiment wieder ein Postenführer durch einen Posten erschossen“, heißt es dort. Die Angst, auf einen Flüchtenden, womöglich einen Kameraden, schießen zu müssen, habe ihn gequält. Einmal sah er ein Reh, zerrissen von den Selbstschussanlagen. „Über Einzelheiten berichte ich mündlich“, schrieb der Abiturient ein ums andere Mal. Er konnte nicht wissen, ob die Stasi mitlas.
Was hätten Sie getan, wenn es während Ihres Dienstes einen Fluchtversuch gegeben hätte?“, fragt einer der Schüler. Innerlich, sagt Junghänel, habe er den Entschluss gefasst, danebenzuzielen. „Aber in meiner Kalaschnikow waren 60 Schuss Munition – was wäre in so einer Paniksituation passiert?“ Solche Fragen hatte sich ein Jahr zuvor auch Reinhard Müller gestellt – allerdings aus der Perspektive eines Großburschlaers, der seine Flucht plante. Fast drei Jahrzehnte später führt er die Schüler an die Stelle, wo er in jener Nacht in den Fluss stieg. Eineinhalb Stunden ist er damals entlang der Böschung auf allen vieren durch den Schlamm gekrochen, um an einer ungefährlichen Stelle ans andere Ufer zu schwimmen. „Wenn man dieses Grenzgebiet tagein, tagaus erlebt hat, hat man einen anderen Bezug zur Freiheit“, sagt er den Schülern. Als die Sprache auf seine Familie kommt, die er in Großburschla zurückließ, steigen ihm die Tränen in die Augen. Die Stasi habe alles durchleuchtet, drei Jahre nach der Flucht sei die Familie ins Innere der DDR zwangsumgesiedelt worden.
Auf der westdeutschen Seite, in Heldra, erlebte Hubert Steube die Jahrzehnte der Teilung. Er gehört zu den Teilnehmern einer abendlichen Diskussionsrunde in der Herberge „Im Kleegarten“, wo die Schüler ihr Nachtquartier bezogen haben. Obwohl er wahrscheinlich schon Dutzende Male über die Ereignisse des Jahres 1989 gesprochen hat, klingt in seiner Stimme die Euphorie jener Zeit mit. Am 9. November hatte Günter Schabowski im DDR-Fernsehen erklärt, dass Privatreisen ins Ausland genehmigt werden, noch am Abend fiel die Mauer in Berlin. Bis sich die Kettenreaktion der Grenzöffnungen in die hessisch-thüringische Provinz fortgepflanzt hatte, dauerte es etwas. Doch als sich am 13. November der Schlagbaum zwischen Großburschla und Bahnhof Großburschla öffnete, nahm die Begeisterung Berliner Verhältnisse an. Die Nachbarn fielen sich in die Arme, die Blasmusik spielte „Es gab den größten Umzug, der je bei uns stattgefunden hat“, erinnert sich Steube. Sein Sohn hat nach der Wende auf thüringischer Seite, in Großburschla, geheiratet. Getrennt wird die Familie durch nichts anderes als die Werra, und das ist, wie Steube findet, „gut so – eben so, wie es sein soll“.