Ein Flügel mit ein paar braunen Federn – mehr ist nicht zu erkennen. Der Rest des Vogels ist zu einer braunen Masse verklumpt. Einmal, zweimal, zehnmal überfahren. Der Kadaver liegt am Bordstein, wenige Zentimeter neben dem Mittelstreifen der Autobahn 5, hinter dem Bad Homburger Kreuz Richtung Kassel. Leichter Aasgeruch liegt in der Luft. Frank Bader, Kolonnenführer bei der Autobahnmeisterei Frankfurt, schaut das Tier kurz an und geht weiter. Rechts rasen die Autos an ihm vorüber.
Ein toter Vogel. Bader hat schon weit Schlimmeres erlebt bei seiner Arbeit an und auf der Autobahn. Er wurde beschimpft, bespuckt und mit Coladosen beworfen. Autofahrer fühlten sich gestört, als er ihren Müll wegräumte und nachschaute, dass die Kanäle nicht verstopfen. Bader mag seinen Beruf trotzdem. Sein Haar ist raspelkurz, seine Schläfen sind grau, er spricht Hessisch. „Das ist mein Beritt, da kenne ich alles“, sagt der Siebenundvierzigjährige über seinen Autobahnabschnitt. Jeder Kanaldeckel, jede Leitplanke ist ihm vertraut. Schon Baders Vater war Straßenwärter.
Stoppen auf der Überholspur
An diesem Tag reinigt seine Kolonne den Mittelstreifen der A 5. Mit fünf Fahrzeugen sind sie am Morgen vom Hof der Autobahnmeisterei in Frankfurt losgefahren. Wenn sich im Berufsverkehr die Autos stadteinwärts stauen, dann kümmern sich die Straßenwärter um die Gegenrichtung. Sie wollen niemandem im Weg sein. Trotzdem sind sie vielen Autofahrern lästig.
„Guten Morgen, mein Name ist Bader, wir wollen heute eine Baustelle einrichten an der A 5, Mäharbeiten am Mittelstreifen bei Kilometer 468.“ Kurz nach dem Anruf bei der Verkehrsleitzentrale in Rödelheim werden die elektronischen Anzeigetafeln über der Autobahn umgeschaltet. Der weiße Ring mit dem Querstrich verschwindet – zum Missfallen vieler Autofahrer. Freie Fahrt ist nun verboten, Tempo 100 und Überholverbot fordern die Schilder jetzt. Zwei Fahrzeuge aus Baders Kolonne lassen sich zurückfallen, ihre Anhänger zeigen den heranrasenden Autofahrern, dass gleich eine Spur wegfällt. Ein Stück weiter zeigen die Tafeln Tempo 80 an: Die Arbeit kann losgehen. Baders kleiner Mercedes-Laster stoppt auf der Überholspur. Ein paar Meter dahinter fährt die Mähmaschine ihre zwei Arme aus und schneidet die Pflanzen, die aus dem Mittelstreifen ragen, direkt über der Leitplanke ab.
Manchmal riecht es nach faulen Eiern
Wenn die Männer die Arbeit nicht machten, wucherten bald die Pflanzen auf die Autobahn. Die Natur würde sich die Straße zurückholen. Ein Mittelstreifen, das sind zwei Leitplanken aus Metall oder Beton; dazwischen blühen rosa Hagebutten, ungezählte Margeriten, Disteln, Gräser, kleine Hecken. Prasselnd verschwinden die Pflanzen im Mäher. Steinchen klacken, wenn sie an das Blech des Saugstutzens fliegen.
Vorneweg geht Bader. In der Linken trägt er einen schwarzen Plastiksack, in der Rechten einen Greifer, mit dem er Müll und Unrat aufklaubt. Es riecht nach Abgasen, manchmal auch nach faulen Eiern. Nach wenigen Metern findet er ein verbogenes Stück Blech, scharfkantig, es ist länger als sein Arm. „Ein Unterbodenschutz“, sagt er, bevor er das Metallstück auf die Ladefläche des Lastwagens wirft, in dem sein Kollege vorausfährt. Wenn der Mäher über so ein Stück Blech fährt, kann es meterweit durch die Luft geschleudert werden. Später findet Bader noch eine Radkappe, einen Seitenschutz aus Plastik, ein unförmiges Stück blauen Stoffs, das eine Hose oder ein Sweatshirt gewesen könnte, mehrere Zigarettenschachteln, Flaschen, McDonalds-Tüten. Nach einem Kilometer ist der erste Müllsack voll.
An den Müll hat sich Bader gewöhnt, mit der Gefahr muss er leben: Die Lücke zwischen Lastwagen und Mäher darf nicht zu groß werden, sonst könnten eilige Autofahrer zu früh auf die linke Spur ziehen, wo er noch den Abfall sammelt. Die Straßenwärter werden öfter übersehen, trotz der Hosen und Jacken in leuchtendem Orange, auf denen reflektierende weiße Streifen angebracht sind. Erst vor ein paar Monaten hat es einen Kollegen bei Langenselbold erwischt. Bader sagt: „Wir haben fast jährlich solche Fälle.“ Mit dem Tod hat Bader öfter zu tun als ihm lieb ist. Manchmal war er nach einem Crash der Erste am Unfallort. Manchmal hat er geholfen, die Leichen von Selbstmördern zu bergen. „Vor ein paar Jahren war das schlimm, als sich die ganzen magersüchtigen Mädchen von den Brücken gestürzt haben“, sagt er ruhig. Sein braungebranntes Gesicht gerät erst in Bewegung, als er von den Erlebnissen erzählt, die noch schwerer zu verarbeiten waren. Dann verhärten sich die Falten in seinem schmalen, wettergegerbten Gesicht. „Am schlimmsten ist es, wenn Kinder dabei sind. Das geht an die Substanz.“
Eigentlich ist es ein freundlicher Tag: Sonnenschein, mehr als 20 Grad, fast windstill. Doch am Mittelstreifen braucht man eine Jacke. Das liegt am Fahrtwind. Im Abstand weniger Sekunden rauschen die Autos und Lastwagen vorbei, werden zu einer Wand aus Lärm. An Tempo 80 hält sich kaum einer. Jedes Mal kommt ein Windstoß, dass sich die Nackenhaare aufstellen. Blumen und Gräser am Mittelstreifen wogen hin und her.
Das Brummen der Laster im Kopf
Das Tempo der Autos kann Bader auf fünf Kilometer pro Stunde genau schätzen. So was hat er im Blut. Mit 19 Jahren hat er angefangen, hat die Ausbildung zum staatlich geprüften Straßenmeister gemacht, ist Arbeiter im Dienst des Landes Hessen geworden, hat sich zum Kolonnenführer hochgearbeitet. Wenn ein Lastwagen Ladung verliert und über 300 Meter auf der Autobahn verteilt, ist er im Einsatz. Oder wenn es mal wieder eine Ölspur gibt. Im Winter ist er mit dem Räumfahrzeug unterwegs, im Schichtdienst. Auch dann braucht er Geduld mit den Autofahrern, besonders wenn die wieder keine Geduld mit ihm haben. Benötigt ein Fahrer seine Hilfe, schaut er nicht weg. „Wenn einer einen Unfall hat, stelle ich mich hinter den und helfe.“
Wieder hat Bader ein paar hundert Meter geschafft, er hat den zweiten schwarzen Plastiksack in der Hand, hebt weiter Sachen auf, die Menschen aus dem Fenster geworfen oder verloren haben. Wie ein einsamer Cowboy läuft er über den Asphalt. Das Brummen der Lastwagen versucht, in den Kopf einzudringen. Bader hat sich daran gewöhnt. Die Autobahn und er sind alte Bekannte. Hat er sie nicht, fehlt sie ihm. „Wenn ich mal in den Bayerischen Wald fahre, kann ich nachts nicht schlafen.“
Warum ist das so auf Deutschlands Straßen?
(BioPhil)
- 11.08.2009, 01:18 Uhr
Müll an der Autobahn
Georg Deupmann (Deupmann)
- 11.08.2009, 16:07 Uhr
Im warsten Sinne "Auf der Strecke bleiben"
Martina Knappe (KnappeMartina)
- 20.08.2009, 14:56 Uhr

