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Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Stadtplanungsleiter Dieter von Lüpke „Auch Sehen will gelernt sein“

27.07.2010 ·  Eine kontroverse Debatte über Architektur könne Frankfurt nur gut tun, meint Dieter von Lüpke. Der Leiter des Planungsamts spricht über die unzeitgemäße Figur des Stadtbaumeisters, die Verzichtbarkeit eines gesamtstädtischen Gestaltungsbeirats und den Zustand der Baukultur.

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Angenommen, Sie haben einen Wunsch frei für eine Tat der Baukultur in Frankfurt, und eine Fee kommt und finanziert die Baukosten. Was würden Sie als vordringlich empfinden?

Da ich über einen großen Vorrat an teuren, aber auch an gewinnbringenden Wünschen verfüge, erlaube ich mir, zwei Ideen mit entgegengesetzten finanziellen Folgen vorzutragen. Teuer wird eine Einhausung der Autobahn A 661 zwischen Friedberger Landstraße und Seckbacher Landstraße – aber: es entsteht ein wunderbarer Landschaftsraum zwischen Huthpark, Bornheimer Friedhof und Günthersburgpark, vorhandene Wohnquartiere werden ruhiger und zugleich können mit Augenmaß auch neue Wohnbaumöglichkeiten gewonnen werden. Finanziell ertragreich dagegen ist es, Teile der Innenstadt im Sinne einer kritischen Rekonstruktion der untergegangenen alten Stadt baulich zu ergänzen. Dazu würde gehören, dass der Übergang zwischen Hauptwache und Roßmarkt räumlich enger gefasst wird. Oder dass ein Gebäude zwischen Goetheplatz und Roßmarkt gebaut wird. Oder eine räumliche Fassung der Neuen Kräme auf ihrer Westseite, also eine Verkleinerung des Paulsplatzes.

Für solche Vorschläge hat sich bisher keine Mehrheit gefunden. Wieso wird der einmal gewonnene öffentliche Raum so hartnäckig verteidigt, als machte die Größe von Plätzen eine Großstadt aus?

Auch Sehen will gelernt sein – und offensichtlich ist bei Nicht-Fachleuten die Sensibilität für Fassaden von Gebäuden wesentlich ausgeprägter als für städtische Räume. Der Wunsch, ein als schön empfundenes Gebäude erleben zu können, führt dann oft zu der Forderung, ein ausgedehntes unbebautes Vorfeld vor dem Gebäude zu erhalten. Wer dagegen mit offenen Augen die allgemein geliebten, wirklich alten Städte wie Zürich oder Florenz durchwandert, weiß, dass enge Stadträume Blicke lenken und Architekturen eindrücklich inszenieren, und dass kleine Stadtplätze Intimität besitzen und die Menschen wichtiger machen.

Herrscht in der Debatte über die Baukultur in Frankfurt manchmal zu viel Basisdemokratie? Alle diskutieren mit, aber fehlt nicht mitunter eine starke Stimme, eine Autorität, deren Wort wirklich Gewicht hat? Eine Art Stadtbaumeister könnte diese Rolle ausfüllen. Vermissen Sie so etwas in der Stadt?

Nein! Seit fünf bis zehn Jahren ist das bürgerschaftliche Interesse, über Planung und Architektur mitzureden, deutlich gestiegen. Das ist zu begrüßen und ein Ausdruck dessen, dass sich Frankfurter mit dieser Stadt identifizieren. Wenn sich die Stadt schlecht entwickeln sollte, „stimmen sie nicht mit den Füßen ab“ und ziehen in eine andere Gemeinde – sie wollen vielmehr hier bleiben und auf die Qualität dieser Stadt Einfluss nehmen. Zu meinen, durch „Exhumierung“ oder auf andere Weise einen zweiten Johann Friedrich Christian Hess zu gewinnen, der genau weiß, was schön und gut ist, wo es lang geht, und dem alle folgen – das halte ich für groben Unfug. Ich kann mir schlechterdings nicht vorstellen, dass die Figur des alten Stadtbaumeisters in einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft wieder vital werden könnte.

Aber profitiert die Baukultur nicht von starken Persönlichkeiten?

Zweifellos – gefragt sind aber heute bei kommunalen Entscheidungsträgern andere Begabungen als die des selbst entwerfenden oder selbst Gestaltungssatzungen formulierenden Stadtbaumeisters. Die erfolgreichen städtebaulichen Projekte werden nicht von einer Person eigenständig durchgesetzt. Auch in anderen Städten muss ein Planungsdezernent werben, kämpfen und in Bündnissen mit anderen Mehrheiten gewinnen. Solche Prozesse sind keineswegs gradlinig und einfach. Ich glaube nicht, dass eine Person aufgrund ihres Nimbus und Fachverstands selbstverständlich ansagen kann, wo es langgeht. Das ist in Frankfurt nicht anders als in München, Hamburg oder Ulm.

Unter Architekten herrscht eine große Unzufriedenheit mit der Baupolitik der Stadt. Für den Wettbewerb um das Stadthaus über dem Archäologischen Garten war die Ausschreibung relativ unpräzise. Es gab keine verlässlichen Angaben zur Fläche und keine klaren Aussagen zu den Nutzungen. Warum tut die Stadt den Architekten so etwas an?

Die Architekten mit einer Bauaufgabe zu konfrontieren, die sich aus dem äußeren Rahmen bestimmt, also aus dem städtebaulichen Umfeld, die aber kein abschließend ausformuliertes Raumprogramm beinhaltet, ist ungewöhnlich, in diesem Fall aber aus meiner Sicht angemessen. Architekten können damit umgehen. Die Wettbewerbsergebnisse zeigen ja, dass gerade diese Offenheit Kreativität angeregt hat, überzeugende Raumprogramme und zugleich qualitätvolle Gehäuse zu entwickeln.

Wer steuert denn beim Stadthaus das Verfahren? Die Dom-Römer-GmbH, das Planungsdezernat, die Stadtverordneten, die Pro-Altstadt-Initiative oder der Gestaltungsbeirat? Wer entscheidet eigentlich im Augenblick?

Die städtebaulich relevanten Entscheidungen mit Ausnahme derjenigen zum Stadthaus sind schon getroffen worden. Das Entscheidungsfeld ist jetzt im wesentlichen aufgespannt zwischen dem Aufsichtsrat der Dom-Römer-GmbH, dem Gestaltungsbeirat und dem Dom-Römer-Sonderausschuss.

Und das Planungsdezernat?

Das Planungsdezernat ist im Aufsichtsrat vertreten. Wir werden als Stadtplanungsamt bei den anstehenden Entscheidungen konsultiert, auch wenn wir die städtebauliche Ebene weitgehend verlassen haben und uns auf die Realisierung einzelner Bauvorhaben zu bewegen.

Offenbar finden sich relativ viele Leute dazu bereit, Häuser auf dem Altstadtareal zu rekonstruieren. Wie wollen sie die Bebauung steuern, damit sie ein einheitliches Bild ergibt?

Die Dom-Römer-Gesellschaft wird unter anderem wirtschaftliche Randbedingungen für den Erwerb einzelner Gebäude beziehungsweise von Erbbaurechten definieren müssen. Auf dieser Grundlage werden sich bestimmte Wünsche, zu rekonstruieren, gar nicht realisieren lassen. Ansonsten halte ich es nicht für ein Spannungsverhältnis, wenn neben einem rekonstruierten Haus ein neues Gebäude steht, das den Gestaltungsleitlinien folgt.

Könnte aus dem Altstadt-Gestaltungsbeirat ein für die gesamte Stadt zuständiger Beirat entstehen? Könnte dies die Baukultur heben?

Davon halte ich wenig. Ein Gestaltungsbeirat lebt – abgesehen von der Unabhängigkeit seiner Mitglieder – von einem gestalterischen Grundkonsens in der jeweiligen Bürgerschaft. Diesen aber kann ich in Frankfurt nicht für die Gesamtstadt erkennen. Für mich hängt Baukultur sehr stark davon ab, dass man für unterschiedliche Situationen und unterschiedliche Epochen die jeweils richtige Lösung findet. Und dieser Entwurfs- und Entscheidungsprozess bedarf einerseits Planungsalternativen und andererseits einer öffentlichen Diskussion, die nicht von einem eingeschränkten Kreis von Gestaltungsfachleuten ersetzt werden kann. Die Stadt ist gut beraten, wenn sie von Fall zu Fall entweder selbst Wettbewerbe auslobt oder private Bauherrn dazu anregt, Wettbewerbe durchzuführen, um dann anschließend die Ergebnisse öffentlich zu präsentieren und zu erörtern.

Aber das ist ja kein Widerspruch. Ein Beirat könnte doch auf die Kompatibilität der Wettbewerbsergebnisse mit der Gesamtentwicklung der Stadt achten.

Für mich treten die Juries von Wettbewerben an die Stelle von Gestaltungsbeiräten – oder umgekehrt. Einen gesamtstädtisch wirkenden Gestaltungsbeirat mit einer Nachbeurteilung der von Wettbewerbsjuries ausgezeichneten Entwürfe zu betrauen, würde die Wettbewerbsverfahren entwerten.

Wären Sie denn dafür, ein solches Gremium mit externen Experten einzurichten?

Wir haben in Frankfurt im Planen und Bauen eine Wettbewerbskultur, die wesentlich besser ist, als manche Kommentare in Fachzeitschriften glauben machen wollen. Wir sollten die Wettbewerbskultur pflegen und insbesondere öffentliche Diskussions- und Verständigungsprozesse ausbauen. Ein gesamtstädtisch wirkender Gestaltungsbeirat würde sich mangels gleichzeitig zu beurteilender Planungsalternativen, mangels Rechtsgrundlagen und angesichts der Heterogenität der in der Stadt vertretenen Gestaltungspositionen schwer tun. Ich empfehle ihn nicht.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem schon existierenden Städtebaubeirat? Wird dessen Rat nur bei Konflikten eingeholt oder kann er produktiv mitwirken?

Das Stadtplanungsamt schätzt den Rat des Städtebaubeirats. Wir konfrontieren den Städtebaubeirat daher häufig zu einem frühen Zeitpunkt gerade mit Themen, die noch nicht entschieden sind.

Gibt es bei den beteiligten Frankfurter Architekten auch Interessenskonflikte?

Konflikte treten nur in seltenen Fällen auf. Der Städtebaubeirat beschäftigt sich mit städtebaulichen Themen und weniger mit Planungen für Einzelprojekte.

Soll er denn auch öffentlich seine Meinung äußern? Es ist ja ein Beratungsgremium, das seine Ratschläge zunächst vertraulich erteilen soll. Andererseits gibt es auch ein Bedürfnis der Fachleute, die eigene Weisheit öffentlich kundzutun.

Die Vertraulichkeit hängt ab vom Stadium der Entwicklung des jeweils beratenen Projekts. Grundsätzlich ist es gut, wenn der Städtebaubeirat öffentlich Position bezieht. Es ist notwendig, in einer Stadt kontrovers über Planung und Architektur zu diskutieren. Schließlich bewegen wir uns in einem Feld, auf dem die richtige Lösung nicht errechenbar ist.

Der Vorstand des Bunds Deutscher Architekten hat im vergangenen Jahr viele Stellungnahmen zur Baukultur formuliert. Er ist dann aber durch internen Streit ausgebremst worden. Wie haben Sie diesen Konflikt und die Stellungnahmen wahrgenommen?

Die Stellungnahmen des BDA haben an Qualität und Entschiedenheit gewonnen. Für den öffentlichen Diskussionsprozess ist es wichtig, dass prononcierte Stellungnahmen abgegeben werden. Zwar zeichnen sich einige dieser Äußerungen durch eine gewisse Ignoranz gegenüber dem Planungsdezernat aus. Aber man kann sich an ihnen reiben, und sie vertreten eine klare Position. Problematischer finde ich, wenn der BDA-Vorstand Beratungsergebnisse des Städtebaubeirats in Frage stellt oder aber Wettbewerbe zu gering schätzt.

Im Nordend treibt das Verkehrsdezernat die Umgestaltung von Straßen und Bürgersteigen mit einer bunten Pflasterung voran. Läuft die Trennung von Bau- und Verkehrsdezernat einer vernünftigen Gestaltung des öffentlichen Raums zuwider?

Aufgabenverteilung und Kooperation innerhalb der Stadtverwaltung will ich öffentlich ebensowenig kommentieren, wie die Arbeitsergebnisse von Kollegen anderer Ämter. Beim Neu- und Umbau öffentlicher Räume kommen eine Vielzahl unterschiedlicher und zum Teil gegensätzlicher Anforderungen zusammen. In der Abwägung wird dem Anliegen einer guten Gestaltung leider nicht immer das richtige Gewicht beigemessen – obwohl nur gut gestaltete Lösungen nachhaltig sein können.

Sind Sie ein Freund von offenen Architekturwettbewerben oder bevorzugen Sie Verfahren, zu denen nur eine begrenzte Anzahl von Büros eingeladen wird?

Ich glaube nicht, dass es ein Erfolgsrezept für die Konzeption von Wettbewerben gibt. Man sollte in jedem Einzelfall die Aufgabe analysieren und den Kreis der Akteure und Betroffenen feststellen, um dementsprechend das Wettbewerbsverfahren maßzuschneidern. Wichtig ist, dass der Auslober die Ziele und Randbedingungen klar formuliert und alle Fragen vorab klärt, die von den teilnehmenden Planungsteams mit ihrem Fachverstand und in der verfügbaren Zeit nicht beantwortet werden können.

Anders also als beim Stadthaus?

Nein, denn in diesem Fall besaßen die Architekturbüros genau das Fachwissen, das zur Entwicklung einer überzeugenden Lösung in einem relativ weiten Entscheidungsfeld notwendig war.

Es kommt immer wieder der Vorwurf auf, dass Bauherren, die in der Innenstadt ein großes Grundstück besitzen, in den Verhandlungen mit der Stadt die Ausnutzung deutlich steigern können. Wie kommt es dazu?

Generell kann ich da keinen Mangel der städtischen Politik erkennen. In einer eng begrenzten Stadt mit hoher Zentralität und einer identitätsstiftenden Hochhaussilhouette ist hohe Baudichte nicht per se negativ. Sie bedarf aber immer einer überdurchschnittlich hohen städtebaulichen und hochbaulichen Qualität. Das Bankenviertel ist ein prominentes Beispiel dafür, dass die Stadt mit hohen Baudichten gewinnen kann. Wenn Grundstückseigentümer im großen Stil von planungsrechtlichen Entscheidungen profitieren, beteiligen wir sie auch durch städtebauliche Verträge am Ausbau der Infrastruktur oder an ergänzenden Wohnungsbaumaßnahmen.

Müsste die Stadt nicht bei manchen Projekten stärker noch mit einer eigenen städtebaulichen Vorplanung hervortreten?

Die Position des Stadtplanungsamts gegenüber Bauherren wird stärker, wenn eigene Vorplanungen vorhanden sind, und deren Inhalte frühzeitig in Verhandlungen eingebracht werden. Soweit Bebauungspläne nicht vorhanden sind, gibt es daher oft informelle Leitlinien.

Sollte sich die Stadt dann nicht stärker öffentlich einmischen? In der Diskussion über die Zukunft des Turmpalast-Areals war bisher von der Stadt wenig zu hören.

Wir müssen auf der einen Seite die privaten Gesprächspartner, die uns zur Bauberatung aufsuchen, schützen, indem wir uns in einem frühen Stadium der Verhandlungen nicht öffentlich über Zwischenstände äußern. Dies auch auf die Gefahr hin, in der Öffentlichkeit als plan- oder ratlos zu erscheinen. Auf der anderen Seite sollte das zuständige Amt beziehungsweise Dezernat in wichtigen Debatten über Fragen der Stadtentwicklung auch öffentlich Position beziehen. Zwischen diesen beiden Polen den richtigen Mittelweg zu finden, ist uns bei der Auseinandersetzung zum Turmpalast-Areal leider nicht gelungen.

Die Fragen stellten Matthias Alexander
und Rainer Schulze.

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