Frau Sponheimer, die Mainzer Fastnacht war früher eine reine Männerveranstaltung. Wie kam es, dass Sie als Solistin auf die Bühne durften?
Das lag an Ernst Neger. Er war ja Dachdeckermeister, und plötzlich kam es in seinem Betrieb zu einem Unfall. Da war es unmöglich, dass er auf der Fastnachtsbühne sang „Ich stemm’ die Flaaschworscht mit einer Hand“, während seine Männer im Krankenhaus lagen.
Im Jahr zuvor hatten Sie gemeinsam mit Ernst Neger auf die Bühne gedurft?
Genau. Nun fehlte dem MCV nicht nur Ernst Neger als Solist, sondern auch unsere gemeinsame Nummer. Und da hat der damalige MCV-Präsident mutig entschieden, „die Klaa“ solle alleine singen.
Aber hatten Sie ein Lied?
Eben nicht. Da fuhr ich nach Gießen zu Toni Hämmerle.
Das war der blinde Komponist vieler Schlager und Fastnachtshits.
Genau. Toni Hämmerle hat sich durch seine Erblindung die Lebensfreude nicht nehmen lassen. Er lief auch nicht mit dunkler Brille oder Stock durch die Welt. Toni hat versucht, auch anderen Blinden Lebensfreude zu geben – in den damaligen Zeiten haben die sich ja vor Langeweile die Knöpfe von den Hemden gedreht. Einmal hat Toni ein Haus aus Legosteinen gebaut, damit andere Blinde sich vorstellen konnten, wie ein Haus ausschaut.
Sie fuhren also zu Hämmerle nach Gießen, und er hat Ihnen spontan ein Lied komponiert?
Ja, mit dem Refrain: „Ich brauch’ etwas fürs Herz, alles andere ist nur Scherz. Ich brauch’ was mit Gefühl, alles andere ist nur Spiel.“
Au wei.
Ja, das hat Frau Hämmerle auch gesagt. Die hörte das und meinte: „So ein Mist, das ist doch kein Lied für die Kleine, die Margit ist doch keine Trude Herr!“ Da gab es erst mal Krach im Hause Hämmerle. Und ich seh den Toni heute noch da sitzen, motzig, zündet sich eine Zigarette an, auf einmal spielt er mit den Fingern auf der Tischdecke und macht: „Didelipbibbib“ – da war „Gelle gern“ entstanden, er komponierte und textete das in einer Stunde.
Für die Jüngeren: Das Lied hieß „Gell, du hast mich gelle gern, gelle ich dich auch“ und hat sich wie oft verkauft?
Über eine Million Mal.
Aber zurück zu diesem Auftritt im Jahr 1963, Sie waren damals zwanzig.
Ja, der Sitzungspräsident kündigt an: „Und nun Toni Hämmerle ...“ und der ganze Saal brüllt „... und Ernst Neger“. Aber statt Neger kündigt er eine Margit Sponheimer an. Der Beifall war dann etwas schütter und blieb es auch nach meinem ersten Lied. Aber dann kam „Gelle gern“, und dieses Lied war von der ersten Sekunde an ein Knaller, das war ein Traum, der Saal tobte. Die Plattenfirma Ariola musste bald Sonderschichten fahren, allein in den ersten vier Tagen wurde die Platte 20.000 Mal verkauft.
Haben Sie auch Goldene Schallplatten?
Ich glaube, es sind vier. Für „Gelle gern“, „Am Rosenmontag bin ich geboren“, „Zupft euch mal am Öhrchen“, ein schreckliches Lied, und das vierte habe ich vergessen.
Sind Sie eigentlich reich geworden durch den Karneval und die Platten?
Reich an Erfahrung. Ich muss aber sagen, zum Glück hatte ich eine sehr vernünftige Mutter, die mir gleich am Anfang sagte: „Von dem Geld, das du verdienst, gehört die eine Hälfte dem Finanzamt, die andere musst du sparen.“
Sie müssen „Gelle gern“ Tausende Male gesungen haben, können Sie es noch hören?
Doch. Denn es ist nicht nur ein Stimmungsschlager, es hat auch Seele. Es enthält die Zeile „Wenn die Welt mir Böses bringt, gell dann bitt’ ich dich, gell du lässt mich nicht, gell du lässt mich nicht, gell du lässt mich nicht im Stich“. Das geht den Leuten irgendwo ans Gemüt.
Sie waren Ihr ganzes Leben lang Freiberuflerin. Und die Einnahmequellen waren die Platten und die Fastnacht?
Mit der Fastnacht, jedenfalls der Mainzer Fastnacht, verdiente man damals kein Geld, in den sechziger und siebziger Jahren – im Gegensatz vielleicht zu Köln – gab es keine Gagen für die Auftritte. Aber ich bekam dann bald einen Agenten, und der vermittelte mich. Es gab ja viele Betriebsfeste, Vereinsfeste, beinahe jeder einzelne Ort hatte sein eigenes Musikfest. Ich hatte auch das Glück, mit Heinz Schenk und seinem „Blauen Bock“ auf Reisen zu gehen, wir sind getingelt.
Ist das nicht der Horror?
Ja, gelegentlich fragte man sich schon: Warum machst du das? Allein die Rumreiserei ist ja anstrengend, ich bin im Jahr 60 000 Kilometer gefahren. Aber ich hab mit Demut und Fleiß gearbeitet, das Geld auf die Bank gebracht und manchmal auch viel ausgegeben. Ich bin Wassermann, da gibt man gern Geld aus.
Was ist Heinz Schenk für ein Typ?
Ich habe unheimlich viel von ihm gelernt, er war wie mein Lehrherr. Wenn wir auf Tournee waren, habe ich jeden Abend in der Bühnengasse gestanden und ihn studiert: Wie schaffte er das, zwei Stunden sein Publikum im Griff zu haben, wieso hatte er immer den richtigen Witz parat? Da habe ich so viel von ihm gelernt. Auch in seiner Genauigkeit, seiner Pünktlichkeit war er ein absoluter Profi, immer vorbereitet, nichts dem Zufall überlassend.
War er schwierig?
Mir gegenüber war er immer freundlich und fair. Wir fuhren ja teilweise lange Strecken gemeinsam im Auto, da lernt man sich kennen, ich bin jedenfalls froh, von ihm so viel gelernt zu haben. Schwierig wurde er nur, wenn jemand nicht vorbereitet war.
Warum haben Sie eigentlich mit dem Karneval aufgehört?
1998 habe ich gespürt: Es reicht. Man will ja immer Erfolg haben, und ich merkte einfach, es war jetzt nicht mehr das Gelbe vom Ei. Ich hatte bei Ernst Neger erlebt, wie seine Kräfte schwanden. Es fiel ihm schwer, die Texte zu lernen, seine Körpersprache – er hatte ja viele Jahre immer diese Aura der Kraft – strahlte nicht mehr die gewohnte Energie aus, ich habe gesehen, wie er kämpfte, und das wollte ich nicht. Außerdem wollte ich, dass die Leute es bedauern, wenn ich aufhöre, statt dass sie fragen: „Singt die Alte immer noch?“
Haben Sie Ihren Abschied angekündigt?
Nein. Ich bin ein letztes Mal in der Rheingoldhalle vor meinem Lieblingspublikum aufgetreten. Niemand wusste, dass es das letzte Mal sein würde, auch nicht der Sitzungspräsident. Ich hab nur meinem Pianisten Bescheid gesagt, welche Noten er mitnehmen sollte, und hab der Kapelle gesagt: „Ich sing gleich als Zugabe den ,Rosenmontag‘, da lassen wir den Präsidenten gar nicht sprechen.“ Da haben sie gefragt, warum, ich habe geantwortet: „Ach, frag’ net.“ Und dann habe ich als Frau in der Fastnacht es einfach gewagt, den Schlusspunkt selbst zu setzen.
Sie hatten mit niemandem vorher gesprochen?
Nur mit meinem Mann. Denn ich hatte ja auch Angst davor, umgestimmt zu werden. Heute weiß ich, das war Selbstschutz. Ich habe dann auf der Bühne gesagt: „Ich möchte mich von Ihnen verabschieden, das war mein letzter Auftritt beim MCV und in der Mainzer Fasse-nacht überhaupt.“ Ich hatte noch eine Passage umgetextet und gesungen: „Was gestern war, das kommt nicht wieder. Was heute ist, das wird vergeh’n. Doch glücklich ist, wer immer wieder sich sagen kann, es war doch schön.“
Sie sehen uns gerührt.
Ich bin dann gleich rauf zu meinem Mann und habe gesagt: Nix wie weg!
Die Menschen weinten?
Die waren perplex. Und am nächsten Tag ging’s erst richtig los. Da bin ich beim Rosenmontagszug auf dem Wagen des MCV mitgefahren, und die Leute riefen: „Margitsche, warum machste denn so was?“ Da flossen auch bei mir die Tränen. Aber unterm Strich fühlte ich mich befreit, ich war jetzt offen für Neues.
Was hatten Sie geplant?
Ich hatte gar nichts geplant, es ergab sich so. Wolfgang Kaus rief an, der Regisseur beim Volkstheater Liesel Christ. Er sagte: „Wir brauchen dich.“ Ich habe ihm gesagt, dass ich nie Schauspielern gelernt habe, ich war ja schon im Singen eine Seiteneinsteigerin. Aber Schauspielerei – das hatte ich überhaupt nie geübt.
Ihre erste Rolle war dann in der „Landpartie nach Königstein“.
Und ich muss sagen, Wolfgang Kaus und das ganze Volkstheater – alle sind wirklich sehr nett und behutsam mit mir umgegangen und haben es mir leicht gemacht. Und so kam es, dass ich seit 1999 zu Gast bin im Frankfurter Volkstheater.
Wenn Wolfgang Kaus damals nicht angerufen hätte, wie wäre es weitergegangen mit Ihnen?
Gott sei Dank war ich materiell immer unabhängig, ich hätte nicht auf die Walz gehen müssen. Aber mir wäre eine tolle Erfahrung entgangen. Ich spiele unheimlich gern Theater, ich mache das mit viel Liebe, Ehrfurcht und Demut. Denn ich weiß, ich muss noch viel lernen. Und mein großes Glück war ja, dass ich am Volkstheater Dialekt sprechen darf, am Hochdeutschen wäre ich gescheitert.
Über welchen Applaus freut man sich mehr – den im Theater oder dem bei der Fastnacht?
Ganz klar über den im Theater, weil man sich den viel härter verdienen muss. Auf der Bühne werden ganz andere Leistungen verlangt, deshalb ist das Theater für mich eine ganz andere, fast heilige Welt.
Was hat Sie am Theater am meisten überrascht?
Dass das Publikum so fair war und mich nicht in die Fastnachts-Schublade gesteckt hat. Heute genieße ich es sehr, dass ich „die Sponheimer vom Volkstheater“ geworden bin und nicht mehr „es Margitsche von de Fassnacht“.
Werden Sie auf der Straße erkannt?
Ja.
Was sagen die Leute?
Die Menschen reagieren grundsätzlich freundlich, aber unterschiedlich. Wer mich vom Theater kennt, für den bin ich die Frau Sponheimer, für die Fastnachter die Margit.
Fällt Ihnen das Rollenlernen schwer?
Schon.
Fragt Ihr Mann Sie ab?
Ja, das ist furchtbar. Er will es mir leicht machen und verstellt dann bei den anderen Rollen immer seine Stimme, ein Albtraum! Und ich leide sehr, wenn ich die Rollen lernen muss, und frage mich, warum ich mir das antue. Aber dann sitze ich im Auto auf dem Weg zum Theater, und schon fühle ich mich gut. Ich bin keine Frau, die daheim auf die Möbel aufpasst. Wenn wir proben oder spielen, bin ich glücklich.
Sind Ihnen gute Laune und Glücksbereitschaft in die Wiege gelegt worden?
Nur teilweise. Mein Vater war eine Frohnatur, aber meine Mutter war sehr streng. Meine ostpreußische Großmutter, die mit dem Leben haderte, habe ich nur ein einziges Mal lachen gesehen. Meine Eltern waren als Selbständige natürlich sehr auf den Aufbau ihrer Firma konzentriert.
Waren Ihre Eltern denn stolz auf Ihre Karriere?
Nach etlichen Jahren, als ich einmal auf der „MS Europa“ für eine Kreuzfahrt engagiert wurde und meine Mutter mitfuhr, fand sie es auf einmal ganz angenehm, eine bekannte Tochter zu haben. Auch die Amerika-Tournee mit den Hofsängern fand sie ganz in Ordnung. In den ersten Jahren hat sie aber immer nur gesagt: „Heute Star, morgen schnuppe.“ Doch das war ganz gut so, dadurch bin ich auf dem Teppich geblieben.
Die Fragen stellten Werner D‘Inka
und Peter Lückemeier.

