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Im Gespräch: Marek und Andre Lieberberg „Unser Rat ist in Frankfurt nicht gefragt“

07.06.2011 ·  Tourneen, Konzerte und Shows organisieren Marek Lieberberg und sein Sohn Andre überall in Europa. Ihre Heimatstadt Frankfurt haben sie immer wieder bevorzugt behandelt, bis zu 70 Konzerte im Jahr veranstaltet ihre Agentur hier.

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Sie haben gerade die Tournee von Cat Stevens, der sich seit längerem Yusuf Islam nennt, veranstaltet. Warum ist er nicht in Frankfurt aufgetreten? Gibt es keine Halle oder kein Publikum?

Marek Lieberberg: Natürlich ist das Publikum in ausreichendem Maße vorhanden. Aber wenn wir ein bestuhltes Konzert in Frankfurt veranstalten wollen, dann haben wir ein Problem. Es gibt zwar das Stadion am Bornheimer Hang mit einer Kapazität von 15 000 Personen, das 40, 50 Millionen Euro kostet, alles zu Ehren des FSV und des Stadtrates Markus Frank. Jedoch fehlt in Frankfurt eine Halle, die dem Anspruch der Stadt selbst und den Anforderungen der Veranstalter und des Publikums Rechnung trägt.

Und die Festhalle?

Marek Lieberberg: Die ist einzigartig, für mich die Halle mit dem größten Charisma. Die Festhalle hat eine Seele. Sie ist, wie Billy Joel und Bruce Springsteen gesagt haben, so voller Charakter wie keine andere weltweit. Die Künstler lieben es, dort zu spielen. Aber das geht nur, wenn das Parkett unbestuhlt ist. Dann finden nämlich im größten Innenraum Europas bis zu 8000 Besucher Platz, mit den Sitzplätzen kommt man auf insgesamt 11.000 bis 12.000.

Andre Lieberberg: Für Rockkonzerte ist sie perfekt. Wenn ich den Bands erzähle, dass es dort einen „Floor“, sprich Parkett, mit 8000 Fans gibt, ist dies vor allem für Amerikaner kaum vorstellbar.

Warum? Gibt es in Amerika keine Hallen dieser Größe?

Andre Lieberberg: Doch, aber weil dort alles extrem reglementiert ist, wird die Kapazität im Innenraum besonders limitiert. Das gilt im Übrigen auch für viele Hallen in Deutschland. Die Festhalle hat dagegen sehr viele Notausgänge, und darum lässt sich der Innenraum gut füllen – was für die Atmosphäre natürlich grandios ist.

Marek Lieberberg: Dazu kommt, dass die Festhalle einen weiteren unschätzbaren Vorteil hat: Sie liegt mitten in der Stadt. Aber sie hat nun einmal ein Problem mit den Rängen. Durch die skurrile Form der geschwungenen Balkone gibt es dort eine Menge Plätze, die überhaupt keine Sicht auf die Bühne erlauben. Die Halle ist deshalb langfristig ein Konzert-Sarkophag. Ich habe immer wieder vorgeschlagen, einen Umbau zu prüfen. Diese Ränge, die aus meiner Sicht überhaupt nicht historisch sind, sollte man durch ansteigendes Parkett ersetzen. Warum sollte das nicht gehen?

Bei Cat Stevens wollen die Leute also lieber sitzen?

Marek Lieberberg: Ja, für ein älter werdendes Publikum bei Cat Stevens oder Neil Diamond eignet sich die Festhalle nicht mehr, weil die Sitzplatzkapazität hier nicht ausreicht. Also weichen wir in die Mannheimer SAP-Arena aus, die mit ihrer Infrastruktur und ihren Logen „State of the Art“ ist.

Als Standort für eine moderne und zentrale Halle käme für Sie in Frankfurt nur das Europaviertel in Frage, oder?

Marek Lieberberg: Absolut. Alle anderen Ideen – am Stadion oder am Kaiserlei – sind wahnwitzig! Die Messe ist der beste Standort. Aber die Messe-Gesellschaft hat es versäumt, bei ihren vielen Neubauten an ein multifunktionales Gebäude zu denken, das auch als Konzerthalle nutzbar ist. Ebenso wie sie sich offenbar weigert, über einen Umbau der Festhalle konkret nachzudenken, obwohl eine Arena mit 10.000 Sitzplätzen dringend erforderlich wäre.

Wer könnte denn so eine Halle bauen, wenn nicht die Stadt selbst?

Marek Lieberberg: Sie lässt sich privat nicht bauen oder wirklich rentabel betreiben. Dafür bräuchte man schon einen Sponsor wie SAP-Gründer Dietmar Hopp, der die Arena in Mannheim geschaffen hat. Ich habe die Verantwortlichen der Skyliners, die sich einen Neubau hier in Frankfurt wünschen, darauf hingewiesen, dass sich eine neue Großhalle nicht rechnet. Das zeigen die Beispiele aus anderen Städten. Hier in Frankfurt wäre eigentlich nur der Umbau der Festhalle oder eine multifunktional nutzbare Messehalle realisierbar.

Mal abgesehen davon: Haben Sie weitere Wünsche für Frankfurt?

Marek Lieberberg: Was heißt Wünsche? Wir können mit der Situation in Frankfurt durchaus leben. Aber es muss sich auf mittlere Sicht etwas tun. Auch in der Alten Oper, die ansonsten ein Glücksfall für die Stadt ist. Innen ist sie leider klaustrophobisch, sie hat weder ausreichende Foyers, noch sanitäre Einrichtungen im erforderlichen Umfang. Und die Sitze gehören ins Design-Museum. Da könnte man nach 30 Jahren ruhig an Erneuerungen denken.

Andre Lieberberg: Außerdem könnte Frankfurt eine mittlere Halle mit einer Kapazität von etwa 1000 bis 2000 gut gebrauchen. So etwas gibt es zwar in der Region, aber ich würde viel lieber in Frankfurt spielen statt in Offenbach, Neu-Isenburg oder Wiesbaden. Denn Frankfurt ist nun einmal die Metropole und ein zentraler Markt für die Musikindustrie. Man bezeichnet Hamburg, Berlin, Köln und München als die vier großen A-Märkte. Frankfurt gerät bei mancher Tournee ins Hintertreffen, weil geeignete mittlere Hallen fehlen.

Wie wäre es mit dem Bockenheimer Depot?

Andre Lieberberg: Da herrscht seit 15 Jahren Stillstand, obwohl es der perfekte Schauplatz mit der idealen Größe wäre.

Marek Lieberberg: Wir haben dort einige Rock-Konzerte veranstaltet. Aber dann kam der Umbau, das Theater, das Ballett, und jetzt ist es nahezu unmöglich, Termine zu buchen. Dabei ist das Depot eine phantastische Location: sehr zentral, charmant bis zum Exzess und aus meiner Sicht für U-Musik atmosphärisch bestens geeignet.

Im Zuge der Planungen für den Kultur-Campus wird derzeit auch über die künftige Nutzung des Bockenheimer Depots entschieden. Haben Sie Ihren Hut schon in den Ring geworfen?

Marek Lieberberg: Nein. Aber wir haben wohl ein grundsätzliches Problem, weil wir keine Subventionsempfänger sind, sondern Gewerbesteuer in Millionenhöhe abführen. Insofern ist unser Rat nicht gefragt – während gleichzeitig Millionen für ein Geisterstadion am Bornheimer Hang schnell lockergemacht werden.

Kann man dort keine Open-Air-Konzerte veranstalten?

Marek Lieberberg: Ich würde liebend gern eine Sommer-Arena mit 10.000 bis 15.000 Plätzen bespielen. Allerdings ist es schwer vorstellbar, dass unter den gegebenen Bedingungen dort ein Konzertzyklus genehmigt werden würde. Angesichts so vieler Anwohner und so großer Sensibilitäten. Nein, Danke!

Würden Sie noch mal Open-Air-Konzerte vor der Alten Oper machen?

Marek Lieberberg: Nein. Die Nachfrage war im Grunde nicht groß genug.

Andre Lieberberg: Und wir hatten unter einer strikten Lautstärke- und Zeitbegrenzung zu leiden.

Marek Lieberberg: Die Stadt hat die Konzerte durch extreme dB-Limitierungen im Interesse von drei bis vier Anwohnern abgewürgt. Und an dieser Einstellung hat sich grundsätzlich nichts geändert.

Und was halten Sie von der Idee eines Festivals, das E- und U-Musik zusammenführt? Johnny Klinke beschäftigt sich schon länger mit der Idee einer Bühne am Mainufer.

Marek Lieberberg: Überhaupt nichts! Johnny Klinke kann sehr stolz darauf sein, mit dem „Tigerpalast“ in Frankfurt etwas geschaffen zu haben, das jenseits von Moden und Trends erfolgreich ist. Er genießt das Vertrauen aller Parteien im Römer und beglückt die verschiedenen Feste der Stadt mit seinen Seiltänzern. Das Rheingau-Musik-Festival bezieht Frankfurt und die gesamt Region ein. Eine Konkurrenz hierzu wäre kontraproduktiv. Das wird von Michael Herrmann sehr professionell organisiert, da kann man nur den Hut ziehen. Was soll also ein weiteres Festival?

Was fehlt der Stadt Ihrer Meinung nach denn?

Marek Lieberberg: Zum Beispiel sollten die Verantwortlichen mit ihren grünen Brillen endlich den Grüneburgpark, unseren Hyde Park, in seiner ursprünglichen Pracht wiedererstehen lassen. Der ist nämlich eine Kostbarkeit, die dahinwelkt und verkommt. Oder sie sollten den Rathenauplatz, der jetzt eher einer Mondlandschaft gleicht, human und attraktiv gestalten. Außerdem finde ich es bedauernswert, dass Frankfurt im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen keine maßgeblichen Kunst- und Design-Galerien beheimatet. Ebenso wie eine internationale Kunstmesse schmerzlich fehlt. Ein richtig großes Problem weist Frankfurt im Bereich der Gastronomie auf: viel Masse, wenig Klasse! Es gibt bestenfalls eine Handvoll Restaurants in der gesamten Region, die wirklich kulinarischen Ansprüchen genügt.

Aber jetzt bekommt Frankfurt doch eine schöne neue Altstadt.

Marek Lieberberg: Ich habe nichts dagegen, dass man als Reverenz an die Frankfurter Historie einige Gebäude wiedererstehen lässt. Das ist mir lieber als die zu Unrecht gepriesenen und aus falsch verstandener Denkmalpflege behüteten Fünfzigerjahrebauten. Was Frankfurt wirklich braucht, sind internationale Architekten, die das Stadtbild der Zukunft prägen. Leider hat es die Stadt bisher versäumt, echte Ikonen wie Frank Gehry, Daniel Libeskind, Norman Foster oder Zaha Hadid zu beauftragen. Demgegenüber ist mir von dem mit dem Römer verbandelten Albert Speer kein einziges wirklich bahnbrechendes Werk bekannt.

Warum sind Sie denn nicht so eng mit den Verantwortlichen in der Stadt verbunden?

Marek Lieberberg: Ich war immer eher Einzelgänger als Kungler. Wir haben das Prinzip von der „Kultur für alle“, das Hilmar Hoffmann immer großspurig propagiert hat, in den vergangenen 40 Jahren tatsächlich gelebt – mit eigenen Ressourcen, ohne jede Hilfe, ohne Förderung und ohne wirkliche Anerkennung von Seiten der Stadt.

Aber Sie haben der Stadt immer die Treue gehalten und Ihren Firmensitz hier.

Marek Lieberberg: Ja, Frankfurt ist meine Geburtsstadt und war immer unser Epizentrum. Und weil hier unser Lebensmittelpunkt war, fanden hier auch die wichtigsten Konzerte statt.

Erinnern Sie sich noch an das erste?

Marek Lieberberg: Natürlich! The Who im September 1970 – aber das war eigentlich in Offenbach. Wenn man ehrlich ist, dann haben wir damals alle großen Bands in der Offenbacher Stadthalle präsentiert, Pink Floyd, Deep Purple und die Jackson Five. Die Festhalle war lange Zeit tabu und konnte wegen der Messen nicht für Konzerte angemietet werden.

Andre Lieberberg: Unser Tourneegeschäft entfaltet sich heute europaweit. Aber die Leidenschaft für den Standort Frankfurt haben wir stets beibehalten. So freue ich mich immer besonders, wenn ich eine bestimmte Band oder Show nach Frankfurt bringe.

Wie viele Konzerte veranstalten Sie denn im Jahr in Frankfurt?

Andre Lieberberg: Das schwankt, aber 2010 waren es zum Beispiel 71, ein Jahr davor 40.

Ihre Konzertagentur ist ein Familienbetrieb. Teilen Sie sich die Verantwortung?

Marek Lieberberg: Andre ist für die jungen Bands zuständig und trägt seit 2002 die Programmverantwortung für unsere beiden Festivals „Rock am Ring“ und „Rock im Park“. Er hat neue Kontakte, die gilt es zu pflegen und für die Zukunft zu entwickeln. Ich kümmere mich um meine Dinosaurier, sprich Sting, Bruce Springsteen, Bryan Adams, Depeche Mode – da fühle ich mich kompetent. Diese Künstler sind loyal, was bei jungen Bands oft anders ist.

Andre Lieberberg: Ich habe auch zu neueren Bands inzwischen eine engere Beziehung aufgebaut, Linkin Park oder Green Day zum Beispiel. Aber die Musikszene unterliegt starken Veränderungen. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der Genres vervielfacht, genau wie die Anzahl potenziell erfolgreicher Bands – Bands im Übrigen, die oft ohne spürbaren Erfolg bei Tonträgern Karriere machen.

Es zählt also nicht mehr, wie viele CDs ein Musiker oder eine Band verkauft?

Andre Lieberberg: Doch, Verkäufe sind immer noch Gradmesser, aber nicht mehr der alleinige Indikator für Erfolg. Die Musikindustrie wandelt sich gerade dramatisch. Während man den Stellenwert eines Künstlers früher an den Verkaufs-Charts ablesen konnte, muss man heute vielfältige Quellen beachten: Download-Zahlen, Musik-Foren und Online-Charts. Wichtig sind weiterhin die Themen, die die Fans in den sozialen Netzwerken beschäftigen. Da muss man schon sehr aktiv sein, um zu erkennen, was das Publikum gerade begeistert.

Marek Lieberberg: Ich arbeite ja mit vielen Heritage-Künstlern zusammen, gewissermaßen den Denkmälern der Musikszene. Auch bei ihnen stehen meist die aktuellen Tonträger nicht mehr im Vordergrund, sondern das Gesamtwerk. Ihr Konzert-Erfolg ist meist losgelöst von Neuveröffentlichungen und Verkäufen.

Klappt Ihre Zusammenarbeit immer reibungslos?

Andre Lieberberg: Ja, aber ich bin nicht so schnell auf hundertachtzig wie Marek. Wenn irgendwelche Schwierigkeiten auftreten, lasse ich mir mit meiner Entscheidung immer etwas mehr Zeit. Marek sagt schnell: „Schluss, wir machen das jetzt so, auch wenn wir damit auf Konfrontationskurs gehen.“ Ich bin kompromissbereiter, aber spüre natürlich die gleiche innere Unruhe wie mein Vater. Ich gehe nur anders damit um. Der Druck, den er mir macht, spornt mich an. Dann mache ich mir eben einen Kopf und versuche weiterzukommen. Und so funktioniert unser Zusammenspiel sehr gut.

Marek Lieberberg: Ich akzeptiere inzwischen, dass Andre mitunter anders reagiert. Meine Söhne dürfen mir ihre Meinung ohne Wenn und Aber sagen. Ich schätze ihr Wissen und ihre Kompetenz. Und da ich im Verlauf der nächsten fünf Jahre ohnehin die Geschäfte in Andres Hände legen werde, ist das für mich überhaupt kein Problem. Aber eins steht fest: Wir sind beide keine Aussitzer. Dann wären wir schon lange nicht mehr im Geschäft.

Die Fragen stellten Matthias Alexander
und Peter Badenhop.

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