Manche meinen, der Altstadt-Gestaltungsbeirat sei lediglich dafür zuständig, die Einhaltung der Gestaltungssatzung zu überwachen. Sie aber wollen offenbar mehr, denn Sie haben nun zum dreizehnten Mal getagt. Worum geht es Ihnen?
Lederer: Gestaltungssatzungen gibt es in fast allen deutschen Großstädten. Wenn Sie durch diese Städte gehen, dann sehen Sie auch, wie weit wir mit Gestaltungssatzungen kommen. Das Entscheidende ist, dass in Frankfurt etwas entstehen soll, das es so bisher noch nicht gibt: Es geht um Antworten auf die Frage, wie man auf kleinen Parzellen Gebäude errichten kann, die weder Rekonstruktionen sind noch eine banale Architektur, wie wir sie landauf, landab finden. Die Aufgabe ist, einen Bruch zu vermeiden und an etwas anzuschließen, das eine mehrhundertjährige Geschichte hat.
Mäckler: Der Gestaltungsbeirat ist ein Fachbeirat, der das Gelingen dieser deutschlandweit einmaligen Bauaufgabe zwischen Dom und Römer ermöglichen soll. Dazu bedarf es mehr als nur darauf zu achten, dass die Gestaltungssatzung eingehalten wird. Mit der Idee, den wiedererrichteten Altstadthäusern eine zeitgemäße Architektur beizufügen, die dem Qualitätsanspruch an diesem historisch wichtigen Frankfurter Stadtzentrum gerecht wird, hat der Magistrat eine mutige richtungweisende Entscheidung getroffen, die es umzusetzen gilt. Er hätte es sich auch einfacher machen können, indem er stattdessen Retroarchitektur aufgerufen hätte.
Warum tagt der Gestaltungsbeirat eigentlich nicht öffentlich?
Lederer: Das muss die Politik bestimmen. Ich komme ja aus Stuttgart, und da ist das Thema sehr virulent. Ich fände es gut, Fragen der Gestaltung stärker öffentlich zu diskutieren. Es war gerade das Missgeschick, dass in Frankfurt nach dem ersten Altstadt-Wettbewerb jeder seinen Wohnzimmergeschmack geäußert hat und dachte, er hätte damit recht.
Mäckler: Wenn Sie allerdings hören würden, worüber wir in unserer heutigen Sitzung diskutiert haben, nämlich über die Frage, wie die Modelle für den Wettbewerb gebaut werden, dann würden Sie sicher nicht kommen wollen.
Aber es gibt doch hoffentlich auch spannende Diskussionen?
Lederer: Natürlich, zum Beispiel darüber, ob man die Fragen der Gestaltung vom persönlichen Geschmack trennen kann. Das ist doch die Kernfrage: Gibt es in der Gestaltung der Altstadt objektivierbare Maßstäbe, wenn man Kontinuität zeigen möchte? Wir haben heute Morgen zum Beispiel über Glasfugen gesprochen: Soll zwischen den neuen und den rekonstruierten Häusern eine Glasfuge entstehen? Viele Architekten, die im 20. Jahrhundert ausgebildet worden sind, werden das bejahen. Das Neue müsse sich absetzen, heißt es dann üblicherweise. Aber wenn man in die Geschichte schaut, dann stellt man fest, dass in Altstädten immer einfach weiter gebaut wurde, so wie das bei den Altbauten des Historischen Museums der Fall ist.
Mäckler: Die Glasfuge hatte ihre Berechtigung, als sich die frühe Moderne von der Architektur des Kaiserreiches absetzen wollte. Das war am Anfang des 20. Jahrhunderts im Sinne gesellschaftspolitischer Anforderungen programmatisch und konsequent gedacht. Man wollte sich vom Alten lösen. Dementsprechend hat Ludwig Mies van der Rohe in dieser Zeit die Weißenhofsiedlung mit Häusern errichten lassen, die ohne Schmuck und ohne Dach aus weißen Kuben bestand.
Aber was hat das mit der heutigen Aufgabenstellung zu tun?
Mäckler:Genau das Gleiche passiert heute hundert Jahre später am Römerberg. Nur eben mit Schmuck und mit Dach! Dem Gestaltungsbeirat gehören Architekten an, die aus der Moderne kommen. Petra Kahlfeld, Arno Lederer, Fritz Neumeyer und ich vertreten sehr unterschiedliche Haltungen zur Architektur. Aber wir versuchen alle, die Moderne weiterzudenken, sie in der Geschichte zu verankern, ohne dass damit eine historisierende Architektur entsteht. Das mag nicht jeder Architekt, weil man den eigenen Standpunkt möglicherweise in Frage stellen muss.
Wie weit geht denn Ihre Toleranz in gestalterischer Hinsicht?
Lederer: Wir sind uns einig darin, dass der Wettbewerb völlig andere Vorstellungen von Architektur einschließt als die, die wir hegen. Es soll gezeigt werden, wie man im 21. Jahrhundert an die Frage des Weiterbauens herangehen kann. Das ist ein Experiment, das Frankfurt auszeichnen könnte.
Mäckler: Es gehört schon Ernsthaftigkeit dazu. Mit Eventarchitekturen kommen wir hier nicht weiter.
Wie groß ist der Gestaltungsspielraum der Wettbewerbsteilnehmer angesichts einer sehr detaillierten Gestaltungssatzung?
Lederer: Jede Satzung ist so offen, dass man sie interpretieren kann, sonst bräuchten wir ja auch keine Juristen. Das trifft für Fragen der Gestaltung umso mehr zu. Die Regelwerke bedürfen einer Interpretation. Es muss jemanden geben, der sie auslegt. Architektur kann man nicht nur in Textform fassen, sie hat einen großen emotionalen Teil. So wie jedes Theaterstück und jedes Drehbuch einen anderen Interpreten findet. Da gibt es gute und schlechte Regisseure. Bei der Altstadt geht es darum, dass man das Stück, das in einem Rohtext vorliegt, in eine Richtung inszeniert, die in sich Bestand hat.
Wird es denn vom Beirat eine schriftliche Ergänzung zur Gestaltungssatzung geben?
Mäckler: Die Gestaltungssatzung gibt den Rahmen. Jedem Teilnehmer wird darüber hinaus ein Manual an die Hand gegeben, aus dem die Geschichte des jeweiligen Hauses hervorgeht, und es gibt einen Text von Fritz Neumeyer, der die Idee der Neubebauung beschreibt.
Lederer: Wenn ich vor dem Frankfurter Dom stehe und ihn betrachte, dann kann ich einen ganzen Tag lang schauen und habe noch nicht alles gesehen. Wenn Sie in München vor der Allianz-Arena stehen, dann haben Sie die Fassade in fünf Minuten verstanden. Das ist dem Tempo geschuldet, mit dem diese Architektur im Vorbeifahren wahrgenommen wird. In der Altstadt geht es dagegen um Entschleunigung und Konzentration. Das ist der gesellschaftliche Überbau: Es muss Orte geben, an denen das Tempo langsam ist und die Aufenthaltsqualität steigt. Das setzt voraus, dass die Räume, in denen ich mich bewege, lesbar sind.
Und dafür ist eine möglichst genaue Satzung nötig?
Lederer: Mit einer Satzung ist das nicht in den Griff zu bekommen. Eine Satzung reagiert auf einen Missstand, stellt aber nicht die Frage nach dem Experiment und dem Fortschreiben. Dafür braucht es Experten, die das unterstützen und die nicht Gestaltungspolizisten sind.
Worauf werden Sie dabei besonders achten?
Mäckler: Das für den Stadtraum Wichtigste überhaupt ist die Fassade. Wenn wir neben Fachwerkhäusern Neues bauen, muss es dem Alten architektonisch wenigstens gleichwertig sein. Oder sogar besser. Deshalb fordert der Gestaltungsbeirat schon im Wettbewerb eine detaillierte Ausarbeitung der Fassaden.
Lederer: Wir begreifen aus dem 20. Jahrhundert heraus die Fassade als etwas, das das Haus nach außen abschließt. Ich bezahle, also sieht die Fassade so aus, wie ich das will. Diese Ich-Gesellschaft der achtziger und neunziger Jahre kommt in die Krise. Wir merken auch im Fußball, dass es besser funktioniert, wenn sich eine Mannschaft als Team versteht. Der Bauherr muss begreifen: Die eine Hälfte meines Projekts mache ich für mich, die andere bestimmt den öffentlichen Raum. Die Öffentlichkeit hat den größten Anspruch an die Fassade.
Es sind sehr viele Architekten zum Wettbewerb um die Altstadthäuser eingeladen worden. Die Chance, zum Zuge zu kommen, ist nicht riesig. Kann man denn da erwarten, dass sich die Teilnehmer die nötige Zeit für Details nehmen?
Lederer: Je mehr mitmachen, desto mehr Angebote an guten Lösungen werden wir erhalten. Das macht natürlich viel Arbeit. Aber es geht bei einem solchen Projekt für die beteiligten Architekten ohnehin nicht ums Geldverdienen.
Mäckler: Wir haben Architekten eingeladen, von denen wir wissen, dass sie sich in ihren Bauten um das Detail und die Anmutung der Fassade bemühen. Und wenn sie auch alle eine architektonisch völlig unterschiedliche Haltung einnehmen, so müssen sie sich doch mit dem Ort und seiner Geschichte auseinandersetzen und weiterdenken. Frankfurt war immer Vorreiter in solchen Dingen, denken Sie an den Siedlungsbau von Ernst May. Es ist doch fabelhaft, dass Frankfurt versucht, neue Wege zu gehen, statt sich modischen Trends anzuschließen. Die Bebauung könnte eine Art Bauausstellung werden.
Wie stark können diejenigen, die ein Haus erwerben wollen, bei seiner Gestaltung mitreden?
Mäckler: Sie können die Häuser der Saalgasse als Vorbild nehmen: Auch hier haben Architekten damals die einzelnen Gebäude im Rahmen einer gestalterischen Vorgabe entworfen. Der Käufer hat sich eines der Häuser ausgesucht, das er mit Fassade und im Inneren auch selbst gestalten konnte. Die Fassade aber entsprach dem Entwurf des Wettbewerbsergebnisses. Es ist wichtig, dass die Stadt das steuern kann. Denn es soll ja ein Stadtraum mit hoher handwerklicher Qualität entstehen.
Lederer: Der Bauherr bekommt das Privileg, am öffentlichen Raum mitzuarbeiten. Es gab auch im alten Siena und im Karlsruhe des 18. Jahrhunderts verbindliche Vorgaben.
Mäckler: Und auch in der Moderne. In der Weißenhofsiedlung gab es klare Vorgaben, die der Architekt zu beachten hatte.
Die zu rekonstruierenden Häuser werden sich voraussichtlich über das Areal verteilen. Wäre es nicht besser, Ensembles zu bilden?
Mäckler: Nein, es wäre gut, wenn die Rekonstruktionen mit zweitgemäßer Architektur gemischt wären. Das Schönste wäre, wenn es zur Harmonie eines Ensembles aus Alt und Neu käme. Eine gewisse Unsicherheit ist ja leider immer noch vorhanden, weil bis heute nicht klar ist, auf welchen Parzellen zusätzlich Rekonstruktionen entstehen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein potentieller Käufer, wenn er die modernen Entwürfe aus dem Wettbewerb für sein Grundstück sieht, auf eine Rekonstruktion verzichtet.
Lederer: Wir reden aber in beiden Fällen von Architektur. Seit Dresdens Frauenkirche ist bewiesen, dass auch eine Rekonstruktion Architektur ist. Mich interessiert immer nur, ob es gute Architektur ist oder nicht.
Wie wollen Sie mit den Spolien umgehen? Sollen die wie Rosinen in einem Kuchenteig verteilt werden?
Lederer: Da gilt das, was auch für die neuen Details gilt: Sie müssen im Gesamtzusammenhang bewertet werden.
Mäckler: Die Spolie soll an dem Ort eingesetzt werden, an dem sie sich ursprünglich befand. Für die übrigen diskutiert der Gestaltungsbeirat, ob es eine Art Spolienhof geben könnte. Wichtig ist, dass sie von der Geschichte des Ortes erzählen.
Seit etwa fünf Jahren wird gestritten und geplant, passiert ist nicht viel. Glauben Sie, dass am Ende eine gelungene Altstadtbebauung entstanden sein wird?
Mäckler: Wir sind eigentlich enthusiastisch, dass das Ganze funktionieren wird, und ist der Abriss des Technischen Rathauses nicht schon sehr viel? Fünf Jahre sind für solch ein Projekt keine lange Zeit. Man muss auch sehen: Jeder, der an diesem Projekt arbeitet, betritt Neuland. Die politisch Verantwortlichen der Stadt Frankfurt haben der Architektur die Chance gegeben, die Moderne weiterzuentwickeln und sie mit der Geschichte des Ortes in Einklang zu bringen. Dieses kann zum Vorbild in Deutschland werden.
Lederer: Beim Bauen ist die Zeit relativ. Die Frankfurter Altstadt ist in Jahrhunderten gewachsen. Und jetzt gibt es die Chance, etwas besser zu machen als anderswo.
Die Fragen stellte Matthias Alexander.

