12.11.2008 · Im Kreis Groß-Gerau soll es mit Hilfe der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ bald Familienhebammen geben. Gemeinsam mit der Diakonie ist Katharina Etteldorf für das neue Projekt verantwortlich, das das „soziale Frühwarnsystem“ stärken soll.
Im Kreis Groß-Gerau soll es mit Hilfe der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ bald Familienhebammen geben. Gemeinsam mit der Diakonie ist Katharina Etteldorf für das neue Projekt verantwortlich, das das „soziale Frühwarnsystem“ stärken soll.
Um das Wohl von Kindern zu schützen, ist oft von einem sozialen Frühwarnsystem die Rede. Was ist darunter zu verstehen?
Ein soziales Frühwarnsystem ist eine Form des verbindlichen, kooperativen, sozialraumbezogenen, präventiven Handelns. Ziel ist, riskante Entwicklungen von Kindern und ihren Familien bereits in ihrer Entstehung zu erkennen und zu bearbeiten, damit Probleme sich nicht verfestigen oder um sie abzumildern. Es gibt in Deutschland zwar ein weitverzweigtes Netz vielfältiger Hilfen für Familien, aber einzelne Modelle für sich alleine reichen nicht. Familien können nur in einem umfassenden und differenzierten Netzwerk „Frühe Hilfen“ versorgt werden.
Wie ist es um dieses Frühwarnsystem bestellt, wenn im Kreis Groß-Gerau in jedem Jahr etwa zehn Kinder im Alter bis zu drei Jahren vom Jugendamt in Obhut genommen werden?
Im Kreis Groß-Gerau befindet sich das soziale Frühwarnsystem im Aufbau. Der Kreis ist aktiv geworden und hat ein ämter-, träger- und professionenübergreifendes Netzwerk „Frühe Hilfen“ auf den Weg gebracht. Gerade die Tatsache, dass jährlich fünf bis zehn Kinder im Alter von null bis drei Jahren durch das Jugendamt in Obhut genommen werden, spricht bereits jetzt schon für ein gut funktionierendes soziales Netzwerk. Solche Fälle wird es immer geben. Es gibt eben Eltern, die etwa suchtmittelabhängig oder schwer psychisch krank sind und deswegen teilweise oder ganz als Betreuungs-, Bindungs- und Erziehungsperson für ihre Kinder ausfallen.
In diesem Frühwarnsystem sind viele Experten tätig: Ärzte, Hebammen, Therapeuten, Sozialarbeiter. Was erwarten Sie von Freunden oder Nachbarn einer Familie, in denen ein Kind offenkundig vernachlässigt wird?
Zivilgesellschaftliches Engagement ist wichtig. Wenn Freunde oder Nachbarn einer Familie mitbekommen, dass ein Kind vernachlässigt wird, können sie Hilfe anbieten, zum Beispiel bei einer kranken Mutter für vorübergehende Entlastung sorgen, indem sie die Betreuung der Kinder übernehmen oder bei Haushaltstätigkeiten helfen. Freunde und Nachbarn können das Gespräch mit den Eltern suchen und diese motivieren, außerfamiliäre Hilfe anzunehmen. Wird ein Kind offenkundig vernachlässigt, ist meine Bitte, sich an das zuständige Jugendamt zu wenden und zu melden, dass ein Kind und dessen Familie in Not sind und Hilfe brauchen.
Ein Teil des Hilfesystems für kleine Kinder und deren Familien, der in Ihrem Kreis noch fehlt, sind Familienhebammen. Warum sind diese Fachkräfte Ihnen wichtig?
Familienhebammen ergänzen das vorhandene Angebot des Kreisgesundheitsamtes und sind eine Brücke zwischen Gesundheitssystem und Jugendhilfe. Grundsätzlich sind Hebammen eine wichtige und erste Anlaufstelle für Eltern. Sie haben fundierte medizinische Kenntnisse und ein positives Image. Dass sie Hausbesuche machen, ist üblich. Hausbesuche erlauben einen guten Einblick in die Familie, werden aber nicht als stigmatisierend erlebt.
Anders als Besuche vom Jugendamt?
Ja. Der Vorteil bei den Familienhebammen ist außerdem, dass sie schon früh Kontakt zu Familien bekommen, während die Frauen schwanger sind, und dass sie Hausbesuche machen können, bis ein Kind ein Jahr alt ist. Sie unterbreiten ein niedrigschwelliges Beratungsangebot, klären auf, leisten praktische Lebenshilfe und vermitteln Ratsuchende bei Bedarf an weiterführende Dienste und begleiten sie. Wenn nötig, kann eine Kinderkrankenschwester des Kreisgesundheitsamtes sich weiter um ein Kind kümmern, bis es drei Jahre alt ist. Angebunden ist das Projekt Familienhebammen an die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung des Diakonischen Werkes Groß-Gerau/Rüsselsheim. Das ist gut, denn so kann bereits zu einem frühen Zeitpunkt Kontakt zu den schwangeren Frauen hergestellt werden.
Familienhebammen sollen Familien mit psychosozialen und medizinischen Risikofaktoren helfen? Welche Faktoren sind das vor allem?
Es gibt Risikofaktoren, die von Eltern und von Kindern ausgehen können. Bezogen auf die Eltern sind das nach der sogenannten Mannheimer Kinder-Studie Armut, Arbeitslosigkeit und geringe Bildung, frühe Mutterschaft, wenn man alleinerziehend ist und keine Unterstützung in der Familie hat. Hinzu kommt, dass Eltern psychische Probleme haben können und belastete Lebensläufe. Das heißt, sie selbst wurden als Kinder vernachlässigt, haben kaum positive Bindungserfahrungen. Schließlich gehören zu den Risikofaktoren auch fehlendes Erziehungswissen, unrealistische Erwartungen an das Kind. Von Risikofaktoren spricht man aber auch, wenn ein Kind behindert ist oder chronisch krank, es ein schwieriges Temperament hat oder als Frühgeburt auf die Welt kam.
Mit Hilfe der Spendenaktion dieser Zeitung soll eine Anschubfinanzierung zur Gewinnung und Ausbildung von fünf Familienhebammen gewährleiset werden. Dauerhaft wird der Kreis dafür einstehen müssen.
Zwischen Diakonischem Werk Groß-Gerau/Rüsselsheim und dem Fachbereich Jugend und Schule des Kreises Groß-Gerau wurde eine Kooperationsabsprache für das geplante zweijährige Modellprojekt: „Gewinnung, Ausbildung und Einsatz von fünf Familienhebammen“ getroffen. Wir wollen damit den Bereich „Frühe Hilfen“ nachhaltig entwickeln.
In Ihrem Kreis gibt es – wie andernorts auch – viele Beratungsangebote für junge oder werdende Eltern. Außer jenen Eltern, die diese Angebote nutzen, gibt es solche, die sie zwar nötig hätten, aber sie dennoch nicht in Anspruch nehmen. Erreichen Sie diese Eltern überhaupt?
Vielerorts gibt es eine Neuausrichtung der Angebote: Wir gehen zu Eltern hin und warten nicht nur, bis sie von sich aus in Hilfseinrichtungen kommen. Durch Angebote, zu denen Eltern kommen müssen, erreichen wir nur zehn Prozent der hoch belasteten Familien. Deswegen müssen wir verstärkt zu ihnen gehen, wie es die Kinderkrankenschwestern des Kreisgesundheitsamtes tun und wie es die Familienhebammen tun werden. Besonders nötig sind Konzepte, um Zuwandererfamilien zu erreichen. Gerade sie erreichen wir noch zu wenig, was auch für arme, vielfach belastete Familien gilt. Wir verändern aber die Hilfsstrukturen und schaffen breitere, weniger diskriminierende Zugangswege. Zum Beispiel arbeiten die Geburtsklinik Groß-Gerau und die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Kreises Groß-Gerau zusammen. Letztendlich wird es so sein, dass es immer Familien geben wird, die wir nicht erreichen oder die keine Hilfen annehmen wollen, auch wenn vielleicht ein Hilfebedarf besteht. Wichtig ist, dass wir versuchen, Eltern frühzeitig zu erreichen.
Zum Angebot gehört auch die Entwicklungspsychologische Beratung. Dorthin kommen junge Eltern, die im Umgang mit ihren Neugeborenen unsicher sind. Was sind die größten Probleme der Eltern?
Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Kreises Groß-Gerau bietet Entwicklungspsychologische Beratung für Schwangere und Eltern mit Neugeborenen und kleinen Kindern bis drei Jahren an. Viele Eltern haben eine intuitive elterliche Kompetenz und sind in der Lage, die Feinzeichen von Belastung und Annäherung ihres Kindes gut zu lesen, prompt und angemessen darauf zu reagieren. Bei manchen Eltern ist die intuitive elterliche Kompetenz aber verschüttet, blockiert oder wenig entwickelt.
Warum?
Grund hierfür können eigene Gewalterfahrungen der Eltern, Gewalt in der Partnerschaft, psychische Probleme oder andere Schwierigkeiten wie finanzielle Sorgen und Arbeitslosigkeit sein. Eltern, die zu uns in die Beratung kommen, klagen und leiden unter den Regulationsstörungen des Kindes. Das heißt, ein Baby schreit viel oder lässt sich nur schwer oder kaum beruhigen, isst schlecht oder hat Probleme beim Ein- und Durchschlafen. Eltern, die bei uns Rat suchen, sind oft in ihrem Erziehungsverhalten verunsichert, und viele Eltern sind aufgrund veränderter Familienstrukturen heute auf sich gestellt. Wir machen oft nichts anderes, als Eltern Sicherheit zu geben. Eltern können sich vieles leichter machen, wenn sie auf die Signale ihres Babys achten, es zeigt ihnen in der Regel, was es braucht.
Die Fragen stellte Stefan Toepfer.
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“
Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung“ bitten um Spenden, die der Hilfe für Kinder in schwierigen Familienverhältnissen und dem Neubau einer Behindertenwerkstatt zugutekommen (siehe: Die Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“: Wo Ihr Geld sicher ist).
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:
Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00)
Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01)
Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten.
Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Allen Spendern wird, sofern die vollständige Adresse angegeben ist, eine Spendenquittung zugeschickt.