19.05.2008 · Obwohl das „House of Finance“ noch eine Baustelle ist, soll am 30. Mai die Eröffnung gefeiert werden. So großzügig das Gebäude wirkt - der Platz für die 260 Mitarbeiter ist knapp kalkuliert.
Von Sascha ZoskeDicke Luft liegt über dem Finanzplatz: Das Parkett wird poliert. Der Staub kitzelt in der Nase und hinterlässt im Mund Baustellengeschmack. Durch die leeren Räume dröhnt der Lärm von Schleif- und Bohrmaschinen; Kabel ringeln sich auf dem Boden zu tückischen Stolperfallen zusammen. Schwer vorstellbar, dass hier in knapp zwei Wochen Professoren und Banker Festreden hören und Schnittchen verzehren werden.
Aber der Termin steht: Am 30. Mai ist die Eröffnungsfeier für das „House of Finance“ der Frankfurter Universität. Zumindest das Erdgeschoss und der erste Stock des Neubaus hinter dem IG-Farben-Haus sollen bis dahin so weit hergerichtet sein, dass die Gäste getrost im feinen Anzug kommen können.
„Vollbetrieb“ zum Wintersemester
Bis dort die 260 Mitarbeiter der Universität und angeschlossener Institute ans Werk gehen können, wird allerdings noch etwas mehr Zeit vergehen. Nach Auskunft von Peter Rost, dem Standortbeauftragten der Hochschule, soll der „Vollbetrieb“ zum Wintersemester beginnen. Dann könnten auch die anderen Bauten der ersten Ausbaustufe des Westend-Campus – der Sitz der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, das Hörsaalgebäude und der Casino-Anbau – ihrer Bestimmung übergeben werden. Dass der Festakt im „House of Finance“ vorgezogen wird, erklärt sich aus der Bedeutung, die gerade diesem Projekt in den Augen seiner Initiatoren zukommt: Universität, Landesregierung und die Unterstützer aus der Wirtschaft wollen ein Forschungs- und Ausbildungszentrum schaffen, dessen akademisches Renommee der ökonomischen Bedeutung des Bankenstandorts Frankfurt entsprechen soll.
Die Ausstattung des 26 Millionen Euro teuren Gebäudes wird denn auch „internationalen Standards“ genügen, wie Rost immer wieder betont. Auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen werden die Professoren in den Fluren über schwarzgrüne Marmorplatten schreiten. Beim Zuschnitt der Büros selbst sei die Universität den Nutzern überaus großzügig entgegengekommen, sagt Paul Bernd Spahn, geschäftsführender Direktor des „House of Finance“.
Während die Makroökonomen zum Teil Großraumbüros wünschten, werden die Finanzjuristen in kleinen Zimmern ihre Studien treiben. Seminarräume und Hörsäle gibt es auch, insgesamt elf an der Zahl. Sie sollen die Namen von Sponsoren tragen; so wird zum Beispiel der „Deutsche Bank Lecture Room“ daran erinnern, wer der wichtigste Förderer der Geldforschungsstätte ist. Der größte Saal hat 70 Plätze, was ausreichend ist, da das Finanzhaus kein Ort für Massenveranstaltungen sein wird: Lehrangebote für Bachelorstudenten sind nach Spahns Worten nicht geplant.
Hohes Drittmittelaufkommen
Die Forschungen, denen sich die Experten in ihrem künftigen Domizil widmen werden, dürften das Verständnis von VWL-Anfängern auch oft genug übersteigen. Im „E-Finance Lab“ etwa wird untersucht, wie sich Finanzdienstleistungen industrialisieren lassen; das „Institute for Monetary and Financial Stability“ befasst sich – höchst aktuell – mit Geldmarktkrisen und damit, wie sie verhindert werden können. An der Schnittstelle zwischen Ökonomie und Jurisprudenz ist das „Institute for Law and Finance“ tätig, das sich ebenso wie das „Center for Financial Studies“ auch an der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften beteiligt. Künftige Manager lernen für den Master of Business Administration an der „Goethe Business School“, die ebenfalls im Neubau ihren Sitz haben wird.
All diese Einrichtungen können zur Freude von Spahn und dem Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften, Rainer Klump, ein hohes Drittmittelaufkommen vorweisen. Absolute Zahlen nennen beide nicht, aber der Anteil am Gesamtbudget des „House of Finance“ liegt Spahn zufolge bei knapp 50 Prozent. Das sei verglichen mit anderen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland wohl einzigartig. Gemessen an den Institutionen, die der Direktor gerne als Vorbilder nennt, ist der Etat freilich immer noch bescheiden. Die Ausgaben je Student in Frankfurt schätzt er auf etwa 20 Prozent dessen, was beispielsweise an der Harvard Business School zur Verfügung steht.
Spahn und Klump sind jedoch zuversichtlich, den Abstand zu den Marktführern weiter verkleinern zu können. Schon jetzt sind laut Klump acht der 26 wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Professuren am „House of Finance“ Stiftungslehrstühle. Darin eingerechnet ist jener, den der Finanzinvestor 3i bezahlen will; außerdem hofft Spahn, in wenigen Monaten eine Professur für Versicherungswirtschaft ausschreiben zu können. Finanziert werden könnte sie nach seinen Worten von einem Konsortium, an dem sich die Helvetia AG maßgeblich beteiligen wolle.
Diskussionen zum Thema Unabhängigkeit
Spahn betont, dass die Stifter den Professoren nicht in ihre Arbeit hineinreden könnten – dass sich ein Forscher nie ganz von dem Wissen frei machen kann, wem er seine Stelle verdankt, gibt er jedoch zu. Über das Thema Unabhängigkeit gebe es im Fachbereich oft „harte Diskussionen“. Die 3i-Professur ist Klump zufolge allerdings unter den Kollegen unumstritten, auch deswegen, weil sie befristet sei und der Fachbereich sich nicht verpflichtet habe, sie nach dem Auslaufen weiterzuführen.
Ob Stiftungsprofessor oder regulärer Ordinarius – im „House of Finance“ werden alle eng zusammenrücken müssen. Denn so großzügig das Gebäude wirkt, so knapp ist das Raumangebot in Wahrheit kalkuliert. Wenn die Belegschaft weiter wachse wie bisher, werde in etwa zehn Jahren ein neues Domizil gebraucht, glaubt Spahn.
Sollte das Gedränge schon vorher zu groß werden, könnten nach den Worten des Direktors Einrichtungen wie die Business School und das „E-Finance Lab“ lediglich „Brückenköpfe“ im Finanzhaus behalten und ansonsten auf andere Standorte ausweichen. Im Zweifel gelte in dem vom Land bezahlten Gebäude nämlich die Regel: „Uni-Einrichtungen haben Vorrang vor externen Instituten.“