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Hoffnungsgemeinde Neue Chancen zwischen Messe und Mole

03.12.2007 ·  Die evangelische Hoffnungsgemeinde mit ihren gut 3300 Mitgliedern lebt in einem spannungsreichen Umfeld. Das Schicksal der Matthäuskirche ist nur eine von vielen Herausforderungen, vor denen die Gemeinde steht.

Von Stefan Toepfer
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Wer Frankfurt verstehen will, sollte einen Spaziergang durch diese Gemeinde machen. Zwar gehören geschichtsträchtige Orte wie der Römer oder die Paulskirche nicht zu ihr, doch ist die Vielfalt der Stadt nirgends so konzentriert wie in der evangelischen Hoffnungsgemeinde. Wolkenkratzer und Wohnungslose, Villen und Vergnügungsviertel, Mietshäuser und Messehallen, Rastlosigkeit und Religion – alles findet sich in ihr.

Das Zentrum der Jüdischen Gemeinde im Westend steht auf dem riesigen Areal, außerdem gibt es zwei größere Moscheen im Bahnhofs- und im Gutleutviertel. Das Gebiet erstreckt sich auf vergleichsweise einfache Wohnquartiere wie das Wurzelviertel, die westlichste Siedlungsenklave im Gutleut, ebenso wie auf Teile des Gallusviertels und das Neubauareal am Westhafen.

Umbau statt Abriss

Die Gemeinde mit ihren gut 3300 Mitgliedern lebt in einem spannungsreichen Umfeld. Sie steht aber auch selbst vor riesigen Herausforderungen. Über einen markanten Einschnitt, das Schicksal der Matthäuskirche, entscheidet die Regionalversammlung, das „Parlament“ der evangelischen Kirche in Frankfurt. Die Idee ist, das Gotteshaus nicht – wie einmal geplant – abzureißen, um das Gelände verkaufen zu können, sondern es umzubauen und in einen geplanten Hochhausbau zu integrieren. Das Hochhaus soll auf dem Gelände hinter der Kirche errichtet werden, auf dem jetzt eine Kita und andere Gemeindehäuser stehen.

Der Kirchenvorstand der Gemeinde hat jenem Kompromiss kürzlich zugestimmt, „mit breiter Mehrheit“, wie mehrere Mitglieder sagen. Das war ein Durchbruch in den Verhandlungen mit dem Evangelischen Regionalverband, dem Dachverband der evangelischen Kirche in der Stadt. Ihm gehört die Immobilie. „Der Not gehorchend, haben wir nach langem Ringen so entschieden“, sagt Pfarrer Johannes Herrmann, der Vorsitzende des Kirchenvorstands. Die Kirche werde zwar verkleinert, aber als christliches Symbol erhalten. „Das ist besser als gar nichts.“

Andere Mitglieder des Gremiums sind mit der Entscheidung trotzdem nicht zufrieden: Monika von Savigny, die von Anfang an massiv gegen einen Abriss gekämpft hat, befürchtet unter anderem eine „Entwürdigung“ des Kirchenraums durch den Umbau, weil er künftig „multifunktional“ genutzt werden könne. Zudem hätten dann die ausländischen christlichen Gastgemeinden zu wenig Raum. „In anderen Gemeinden finden sie keinen Platz“, meint Horst Denz. Auch der zweite Pfarrer, Thomas Hessel, hat Bedenken.

Niedrige Besucherzahlen

Doch der Kirchenvorstandsbeschluss steht, und mit ihm wird die Gemeinde in die Regionalversammlung ziehen müssen. Die Debatte über das Gotteshaus, die Rechte, die Regionalverband und Gemeinde künftig an ihm haben, über die Aufteilung des Erlöses aus dem Grundstücksverkauf auf drei Stiftungen und eine Baurücklage, aber auch über die Zukunft der Gemeinde-Kita dürfte spannend werden.

Die Matthäuskirche wird sehr wahrscheinlich nicht mehr nur als Gemeindekirche dienen – auch angesichts der sehr niedrigen Besucherzahlen. 20 bis 30 Menschen kommen an normalen Sonntagen. Von dem Gotteshaus sollen künftig aber wichtige übergemeindliche Impulse ausgehen: Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau möchte daraus eine „Schwerpunktkirche“ für den Dialog mit der Wirtschaft machen. Das hat Folgen für die Gemeinde und ihr Selbstverständnis. Nötig ist ein Konzept, an dem beide Seiten mitarbeiten. „Wir dürfen die evangelische Kirche nicht mehr nur von der Gemeinde her denken, sondern brauchen neue Impulse, gerade in einer Stadt wie Frankfurt“, sagt Kirchenvorstandsmitglied Wolfgang Nethöfel. Der Sozialethiker berät die Kirche auch überregional in Reformfragen.

Ein Beispiel dafür, wie Veränderungen aussehen können, steht schon auf dem Gemeindegebiet: die Diakoniekirche Weißfrauen. Von ihr hatte sich die Hoffnungsgemeinde – anders als es bei Matthäuskirche der Fall sein soll – völlig getrennt. Das Gotteshaus dient seit 2005 gemeinsam mit einer benachbarten Hilfseinrichtung als großes diakonisches Zentrum. Beide großen Kirchen in der Stadt sind dabei, neben der Gemeindearbeit Zentren einzurichten, mit deren Hilfe sie sich gezielter als bisher in der Stadt Gehör verschaffen wollen. Jüngstes Beispiel ist die am Sonntag eröffnete evangelische Jugendkulturkirche Sankt Peter. Von diesem Wandel wird auch die Hoffnungsgemeinde ergriffen – was durchaus eine Chance ist.

Hilfe für bedürftige Menschen

Die Weißfrauenkirche war einst das Gotteshaus der gleichnamigen Gemeinde. Mit ihr hatte sich 1999 die Gutleutgemeinde zur Gemeinde Am Hauptbahnhof zusammengetan. Diese wiederum fusionierte mit ihren 1200 Mitgliedern im Jahr 2003 mit der einstigen Matthäusgemeinde (2100 Mitglieder): Es entstand die Hoffnungsgemeinde. Außer der Gutleut- und der Matthäuskirche hat die Gemeinde noch einen dritten, kleinen Ort für Gottesdienste: die Hirtenkapelle im Wurzelviertel. Aufgrund der unterschiedlichen Bevölkerungsstruktur im Norden mit Teilen des Westends und im Süden mit Bahnhofs- und Gutleutviertel hat die Gemeinde zwei unterschiedliche Prägungen behalten. Nicht ohne Grund wird gerade im südlichen Teil viel Wert auf Hilfe für bedürftige Menschen gelegt: Für sie gibt es in der Gutleutkirche eine „Kaffeestube“. Bis zu 100 Essen werden dort täglich ausgegeben.

Doch auch im Süden steht die Gemeinde vor einem großen Wandel: Die Gutleutkirche – sie wird Herrmann zufolge sonntags durchschnittlich von etwa 40 Menschen besucht – soll an die Stadt abgegeben werden. „Auch das tut weh“, sagt er. Durch diesen Schritt sowie durch den Verkauf einer weiteren Immobilie soll der Bau eines Gemeindezentrums im Neubaugebiet Westhafen finanziert werden. Das ist neben dem Umbau der Matthäuskirche das zweite große Vorhaben. Das dritte hängt eng damit zusammen: Die Kaffeestube wird Platz in einem weiteren Gebäude der Kirche an der Gutleutstraße finden, das dafür aufwendig umgebaut werden muss.

Pfarrer Herrmann hätte es zwar lieber gehabt, dass die Kaffeestube in das neue Zentrum integriert worden wäre, doch es gab Widerspruch. Bleiben die Projekte vier und fünf: Die Gemeinde soll eine neue Kita in der Nähe der Matthäuskirche bekommen und will die Kinder aus zwei weiteren Einrichtungen in die von der Stadt zur Verfügung gestellte Kita an ihrem neuen Zentrum am Westhafen unterbringen.

„Interkulturelle Angebote“ für Zuwanderer

Es wartet viel Arbeit auf den Kirchenvorstand. Aber den Neubau am Westhafen sieht Denz als „riesige Chance“. Herrmann rechnet mit 2000 zusätzlichen Einwohnern im Gutleut, wenn das Neubauviertel fertiggestellt ist. Mit dem gleichen Argument – dem Zuzug von Menschen, dieses Mal ins geplante Europaviertel bei der Messe – wirbt Savigny vehement für den Erhalt kirchlichen Lebens in der Matthäuskirche. Ein Schwerpunkt der Gemeindearbeit ist bisher der Kontakt mit älteren Menschen – das liegt wegen der Altersstruktur der Gemeinde, vor allem im Westend, nahe. „Aber auch der Kontakt zu den Schulen ist uns wichtig“, sagt Savigny.

Jugendliche kann die Gemeinde dennoch kaum an sich binden: Sieben Konfirmanden gab es jüngst im alten Teil der Matthäusgemeinde, wie Herrmann sagt. „Das ist zu wenig für die Gemeinde und verweist auf deren Überalterung.“ Im früheren Teil der Gemeinde am Hauptbahnhof waren es nur zwei. Dies wiederum sei auf den hohen Zuwandereranteil von 75 Prozent zurückzuführen. Die Gemeinde reagiere darauf mit „interkulturellen Angeboten“ wie Stadtteilfesten. Wichtiger als dies ist dem Pfarrer aber der Westhafen. Von den Zuzügen junger Familien verspricht sich Herrmann eine Belebung der Kinder- und Jugendarbeit und einen Ausgleich in der Sozialstruktur der Gemeinde. „An der Mole wohnen auch Menschen aus der oberen Mittelschicht.“

Zurück auf die andere Seite des Hauptbahnhofs: In der früheren Matthäusgemeinde gibt es die Initiative „Rettet die Matthäuskirche“ noch immer. Das Plakat mit dem großen „Nein“ hängt nach wie vor an der Kirche – als Protest gegen deren Abriss. Da von diesem keine Rede mehr ist, ist es eigentlich überflüssig geworden. Ob es demnächst abgehängt wird?

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Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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